Die Erläuterung der wahrhaften und oberflächlichen Einheit ist folgendermaßen: Das Wort: "einig" ist eine Bezeichnung, die von dem Grundworte "Einheit" abgeleitet, und wird in zweierlei Bedeutungen und auf zweierlei Weise angeẃendet. Erstens, als zufällig, dies ist in oberflächlichem Sinne; zweitens, als selbstständig, bleibend, dies ist, wahrhaft. Das zufällige Eins wird ebenfalls in zwiefachem Sinne angewendet, das Erste drückt offenbar eine Vielheit, Gesammtheit und Sammlung aus; so wie z.B. eine Hauptgattung viele Arten umfaßt, und wie ein Körper wieder aus vielen einzelnen Theilen zusammengesetzt ist, und wie eine Armee viele einzelne Kämpfer umfasst; und wie wir ferner sagen: ein Kur, ein Hin, ein Viertel, obwohl jegliches von ihnen mehrere Maße umfaßt, und dennoch wird jedes von ihnen mit: "Eins" bezeichnet. Bei all' diesen eben erwähnten Dingen wird die Einheit als oberflächliche Bezeichnung angewendet, dieweil diese Dinge, welche diese Bezeichnung umfaßt, wohl in Einer Begriffsbeziehung sich ähnlich und eine Einheit sind, es kann aber auch die Bezeichnung "viel" auf sie angewendet werden, dieweil jegliches eine Vielheit einzelner Wesen umfaßt, so daß, wenn diese Wesen sich trennen und als einzelne voneinander gesondert dastehen, jedes einzelne von ihnen die Bezeichnung "Eins" erhält.
Die Einheit bei Gegenständen der Art, die wir so eben erwähnten, ist blos zufällig, indem sie nemlich, einerseits betrachtet: Einheit, und andererseits: Vielheit ist. Die zweite Art der zufälligen Einheit ist, das Eins, welches ein einzelnes Wesen bezeichnet, welches wohl nicht vervielfältigt werden kann und, wie es der Augenschein darthut, auch keine vielen einzelnen Dinge umfaßt, doch aber in sich selbst schon eine Mehrheit ist, indem es selbst aus Urstoff und Formgestaltung, aus selbstständiger und zufälliger, nebenbestimmender Wesenheit zusammengesetzt, und dem Sein und Nichtsein, der Theilung und Zusammensetzung, der Trennung, Veränderung, Umwandlung und Vereinbarung unterliegt. Auf alle diese Dinge, die wir hier erwähnten, kann, obwohl sie mit "Eins" bezeichnet, auch die Bezeichnung Vielheit angewendet werden, da sie nemlich einen Gegensatz zur Einheit bilden; denn jedes "Eins," durch welches ein Gegenstand bezeichnet wird, auf dessen Wesenheit irgend ein Begriff von Vielheit und Veränderung angewendet werden kann, ist unbezweifelt nur ein zufälliges, und steht als oberflächliche, keineswegs aber als wahrhaftige Einheit da.
Die wahrhafte Einheit wird ebenfalls auf zweierlei Weise und in zwiefachem Sinne angewendet. Erstens in der Ideenvorstellung, zweitens in der Wirklichkeit. Die Ideenvorstellung ist die Einheit der Zahl, indem sie die Grundwurzel und den Beginn aller Zahlen bildet, der Begriff der Einheitszahl ist nemlich, daß sie als Grenzlinie und Bezeichnung für jenen Anfang, dem kein anderer Anfang vorangeht, dasteht, worüber auch jeder wahrhafte Anfang mit "Eins" bezeichnet wird. Wie es heißt: "Und es war Abend und es war Morgen, und somit ein Tag." Er bezeichnet hier anstatt mit dem Ausdrucke: erster Tag, mit der Benennung: ein Tag, dieweil eins eine Bezeichnung für einen Anfang, dem kein anderer vorangegangen ist.
Wiederholt sich dieser Zeitlauf, so nennt er ihn: den zweiten, tritt er dreimal ein, so nennt er ihn: den dritten, und so fort bis zehn, welche Zahl wieder als Einheit betrachtet wird, dann geht es in dieser Ordnung fort bis hundert, und dann wieder bis tausend, und so fort bis zur Unendlichkeit der Zahlen; darum ist auch der Begriff: "Zahl" eine Gesammtsumme, die aus Einheiten besteht. Ich benenne aber diese Einheit: Gedankenvorstellung, weil die Zahl selbst nicht durch die körperlichen Sinne wahrgenommen werden kann. Wohl aber durch die Vorstellung, und nur der gezählte Gegenstand kann durch die fünf Sinne, oder durch einige von ihnen wahrgenommen werden. Dies ist ein Gegenstand, der nicht vervielfacht, nicht verändert, nicht verwechselt und durch keinerlei Art irdischer Eigenschaft geschildert werden kann, auf welchem der Begriff von Entstehen, Aufhören und Ende, in keiner Beziehung anwendbar, der nie seinen Standpunkt verläßt, keiner Bewegung unterliegt, keinem Dinge ähnlich ist, dem kein Ding auch gleichgestellt werden kann und der auch keine Gemeinschaft mit irgend einem Dinge hat, der in jeder Beziehung eine wahrhafte Einheit, die Grundwurzel aller Mehrheit ist, wie dies aus unsern obigen Erläuterungen erhellet.
Denn die Einheit ist die Ursache der Vielheit, und die wahrhafte Einheit hat weder Anfang noch Ende, denn alles, was einem Anfange und Ende unterliegt, muß auch folgerecht dem Entstehen und Aufhören erliegen, und alles, was dem Entstehen und Aufhören unterworfen, ist der Veränderlichkeit anheim gegeben, und da die Veränderlichkeit Gegensatz zur Einheit bildet, so müßte der Schöpfer mehr als eins sein, dieweil er, als Vorangehender des nach ihm zu sein beginnenden Gegenstandes, außer ihm dastünde, wodurch ihm schon eine Mehrheit beigelegt würde.
Ebenso ist die Aehnlichkeit bei sich gleichenden Dingen eine zufällig anhaftende Eigenschaft, und alles, woran eine Zufälligkeit haftet, unterliegt der Vervielfältigung; dem wahrhaft Einzigen kann aber, hinsichtlich der selbstständigen Wesenheit seiner Herrlichkeit, in keiner Beziehung irgend eine Zufälligkeit beigelegt werden! Sollte mir aber Jemand erwidern: daß schon die "Einigkeit" bei dem wahrhaft Einzigen eine ihm zufällig anhaftende Eigenschaft wäre! so entgegnen wir ihm: Die Einheit bei dem wahrhaft Einzigen drückt nur: eine Verneinung und Entfernung der Viel= und Mehrheit von ihm aus; und so wir auf ihn die Bezeichnung "einzig" anwenden, so drücken wir hiemit nur ein Nichtvorhandensein der Viel= und Mehrheit in Beziehung auf ihn aus, denn der wahrhaft Einzige kann mit keiner Eigenschaft geschildert werden, die der Wesenheit seiner Herrlichkeit auf irgend eine Art eine Vielheit, Veränderung und Umwandelung beilegt.
Rabbi Bechaiji Ben Joseph (Bachja ibn Pakuda), Lehrbuch der Herzenspflichten (Chabot ha-l'Baboth). Übersetzung M. E. Stern, Wien 1856, Erste Hauptabtheilung, Achter Abschnitt