326,6 Es waz ein mensche in Cristo, der hatte sich in sinen jungen
326,7 tagen geuͤ bet nach dem ussern menschen uf ellú dú stúke, da sich
326,8 anvahendú menschen pflegent ze uͤ benne, und beleip aber der inr
326,9 mensch ungeuͤ bt in sin selbs [136v] nehsten gelazenheit und bevand
326,10 wol, daz im neiswaz gebrast, er enwiste aber nit waz. Und do er daz
326,11 langú zit und vil jaren getreib, do wart im eins males ein inker,
326,12 in deme er wart getriben zuͦ im selben, und ward in im gesprochen
326,13 also: du solt wissen, daz inrlichú gelazenheit bringet den menschen
326,14 zuͦ der nehsten warheit.
326,15 Nu waz im dis edel wort dennoch wild und unbekant, und
326,16 hatte doch vil minne dar zuͦ , und wart uf daz selbe und des glich
326,17 gar vestiklich getriben, ob er vor sime tode iemer dar zuͦ moͤ chte
326,18 komen, daz er daz selb bloz erkandi und ze grunde ervolgti. Also
326,19 kam er dar zuͦ , daz er wart gewarnet und wart ime fúr geworfen,
327,1 daz in dem schine des selben bildes verborgen legi valscher grunt
327,2 ungeordenter friheit und bedecket legi groze schade der heiligen
327,3 kristenheit. Und hier abe erschrak er und gewan etlich zit einen
327,4 widerstoz des inren ruͦ fes in im selben. [Die von Walter Lehmann in damaliges Deutsch übertragende Ausgabe (diese Übertragung an sich überzeugt mich nicht so ganz) im Eugen Diederichs Verlag Jena von 1922 (dort auf S. 115 in Band 2) merkt dort an: "Gemeint ist die Lehre der Begharden [heute sind die Beginen als weiblicher Zweig wohl noch bekannter] und Brüder des freien Geistes. S. Preger I, S. 467ff."]
327,5 Und eins males do wart im ein kreftiger inschlag in sich selb
327,6 und luhte im in von goͤ tlicher warheit, daz er hier abe kein gedrang
327,7 soͤ lte nemen; wan daz ist ie gesin und muͦ z iemer wesen, daz sich
327,8 daz boͤ se birget hinder daz guͦ te, und daz man dar umb daz guͦ te
327,9 nút sol verwerfen von des boͤ sen wegen. Und meinde, daz in der
327,10 alten e, do got durch Moysen sinú waren zeichen tet, do wurfen die
327,11 zoͮ brer irú falschen dar under; und do Cristus der ware Messias kam,
327,12 do kament etlich andere und erzoͤ gten sich valschliche, daz sú der
327,13 selb werin. Und also ist es úberal in allen dingen, und dar umbe
327,14 ist daz guͦ te nit mit dem boͤ sen ze verwerfenne, mer mit guͦ tem
327,15 underscheide ze us kiesenne, sam der goͤ tlich mund tuͦ t. Und also
327,16 meinde es, daz guͤ tú vernúnigú bilde nút werin ze verwerfenne, dú
327,17 ir klaren vernúnftikeit underwúrfliche haltent nach meinunge der
327,18 heiligen kristenheit, noch vernunftig sinne, die guͦ t warheit inne
327,19 tragent eins durnechtigen lebennes, werin nit ze schúhenne; wan sú
327,20 entgrobent den menschen [Lehmann schreibt hier von einer Befreiung des Menschen von seiner groben Sinnlichkeit] und zoͤ gent im sinen adel und des goͤ t-
327,21 lichen wesennes úbertreffenlicheit und aller andere dingen nihtikeit,
327,22 daz den menschen von billich ob allen dingen reizet zuͦ rehter ge-
327,23 lassenheit. Und also kam er wider uf daz vorder getrifte, da er zuͦ
327,24 vermant waz, einer warer gelassenheit.
327,25 Nu begerte er von der ewigen warheit, daz sú im guͦ ten
327,26 underscheid gebi, als verre es muglich were, enzwúschent dien men-
327,27 schen, die da zilent uf [137r] ordenlicher einvaltikeit, und etlichen,
327,28 die da zilent, als man seit, uf ungeordenter friheit, und in dar inne
327,29 bewisti, weles weri ein rechtú gelazenheit, mit der er kemi, da er
327,30 hin soͤ lte.
Ihm wurde also der Begriff "innere Gelassenheit" eingegeben als "edel wort" das seine Minne in Bewegung gesetzt habe. Und er [Dominikaner wie Thomas von Aquin] begegnete [in Köln?] Begharden oder Beginen, die ihn vor "ungeordneter Freiheit" warnten, was ihn zeitweise dann verunsichert hatte, bis er ein kräftiges Entrückungserlebnis erfuhr, das ihn [auch in Form einer Stimme] wieder bestärkte und diese Verunsicherung dem inneren Ruf zu folgen dem Wirken des Bösen zuschrieb? Aber die Beginen sind heute doch selbst vor allem bekannt wegen ihrer Mystikerpersönlichkeiten?