Selbst, Ego und Egoismus

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Marsianer
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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » Do 5. Feb 2026, 12:02

Empor den Karmelberg, Zweites Buch, Fünftes Kapitel hat geschrieben:6 Zum besseren Verständnis des einen wie des anderen bringen wir einen Vergleich. Ein Sonnen-
strahl fällt auf ein Glasfenster. Ist das Fenster nun durch Flecken getrübt oder angelaufen, so kann der
Strahl es nicht so erhellen und ganz in sein Licht umgestalten, wie wenn es frei von diesen Trübungen
und durchsichtig wäre; vielmehr wird er es um so weniger erhellen, je weniger es von Trübungen
und Flecken frei ist, und um so besser, je reiner es ist. Das liegt nicht am Strahl, sondern am Fenster.
Wäre es ganz klar und rein, der Strahl würde es so umbilden und erhellen, daß es selbst wie ein Strahl
erschiene und ebenso Licht ausstrahlte wie er, obwohl die Glasscheibe in Wahrheit ihre vom Strahl
verschiedene Natur beibehält. Wir dürfen jedoch sagen, sie sei Strahl oder Licht durch Teilnahme.
Die Seele nun gleicht diesem Fenster, da sie dauernd bestrahlt oder, besser gesagt, wesenhaft bewohnt
ist von diesem Lichte des Daseins Gottes, wie wir schon sagten.

7 Gibt die Seele Raum, befreit sie sich nämlich von aller Trübung und Befleckung durch Ge-
schöpfe, wodurch sie den Willen vollkommen dem Willen Gottes vereint – lieben heißt ja danach
streben, Gott zuliebe von allem frei und bloß zu werden, was nicht Gott ist -, so wird sie alsbald hell
und umgebildet in Gott, und Gott teilt ihr sein übernatürliches Wesen so mit, daß sie selbst wie Gott
erscheint und das umfängt, was Gott umfängt.

Diese Vereinigung vollzieht sich, wenn Gott der Seele diese übernatürliche Gnade verleiht, daß die
Dinge Gottes und der Seele eins sind in teilnehmender Umgestaltung. Die Seele scheint mehr Gott zu
sein als Seele, und sie ist es auch durch Teilnahme. Freilich bleibt ihr Wesen, wenn auch umgestaltet,
vom Wesen Gottes so unterschieden wie zuvor, gleichwie die Glasscheibe sich vom Strahl unterschei-
det, der sie erhellt.

8 Nun ist es klarer, daß die Seele, wie gesagt, nicht durch Verstehen, noch durch Verkosten, noch
durch Fühlen, noch durch eine bildhafte Vorstellung Gottes dieser Vereinigung bereitet wird, sondern
durch Reinheit und Liebe, die sich alles dessen in vollkommener Gelassenheit Gott zuliebe entblößt;
auch daß vollkommene Umgestaltung nicht sein kann, wo nicht vollkommene Reinheit ist; und daß
im Verhältnis zur Reinheit die Erhellung, Durchleuchtung und Vereinigung der Seele mit Gott größer
oder geringer sein wird. Vollkommen aber, sage ich, wird sie nicht sein, wenn nicht alles vollkommen
und klar und rein ist.

9 Auch folgender Vergleich mag es verständlich machen: Da ist ein vollendet schönes Bild in
erhabenster Kunst mit erlesensten Farben in zartestem Schmelz gemalt, in manchen Tönungen von so
künstlerisch höchster Feinpeit, dass man sie ob ihrer subtilen Werte kaum zu bestimmen vermag. Wer
nun einen minder hellen und geklärten Blick hat, wird weniger Kunst und Feinheit in diesem Bilde
entdecken, wer aber einen reineren Blick hat, wird mehr Kunst und Vollendung erschauen; hätte dann
einer noch hellere Augen, er nähme noch mehr Vollkommenes wahr; endlich käme der mit reinster
Sehkraft begabte zur Sicht noch weiterer künstlerischer Meisterschaft. Denn an diesem Bilde ist soviel
zu sehen, daß man, wieviel man auch schon entdeckt hat, immer noch mehr zu entdecken vermag.

10 In gleicher Weise, so dürfen wir sagen, ergeht es den Seelen mit Gott hinsichtlich dieser Er-
leuchtung und Umgestaltung. Sicherlich kann jede Seele, je nach ihrer geringeren oder größeren Fas-
sungskraft, zur Vereinigung gelangen, doch nicht allen wird sie in gleichem Maße zuteil, sondern je
nachdem der Herr sie einer jeden gewähren will. So ist es ja auch mit der Schau im Himmel: die einen
sehen mehr, die anderen weniger; doch alle schauen Gott, und alle sind zufrieden, denn ihre Fassungs-
kraft ist ausgefüllt.

Empor den Karmelberg, Drittes Buch, Sechzehntes Kapitel hat geschrieben:Der ganze Vorgang des
Erlangens der Vereinigung besteht ja in der Reinigung des Willens von seinen Leidenschaften und
Begierden. So wird der niedrige menschliche Wille zum göttlichen Willen, ganz eins mit dem Willen
Gottes.

4 Diese vier Leidenschaften beherrschen und bedrängen die Seele um so mehr, je weniger fest
ihr Wille sich an Gott hält und je mehr er an Geschöpfen hängt. Denn so erfreut er sich sehr leicht an
Dingen, die nicht erfreulich sind, erhofft, was ihm nicht nützt, trauert über das, woran er sich vielleicht
freuen sollte, und fürchtet, was nicht zu fürchten ist.

Agape
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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Agape » Do 5. Feb 2026, 12:14

Empor den Karmelberg, Zweites Buch, Fünftes Kapitel hat geschrieben:10 In gleicher Weise, so dürfen wir sagen, ergeht es den Seelen mit Gott hinsichtlich dieser Erleuchtung und Umgestaltung. Sicherlich kann jede Seele, je nach ihrer geringeren oder größeren Fassungskraft, zur Vereinigung gelangen, doch nicht allen wird sie in gleichem Maße zuteil, sondern je nachdem der Herr sie einer jeden gewähren will. So ist es ja auch mit der Schau im Himmel: die einen sehen mehr, die anderen weniger; doch alle schauen Gott, und alle sind zufrieden, denn ihre Fassungskraft ist ausgefüllt.

Ja. :)
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Marsianer
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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » Sa 7. Feb 2026, 19:19

f4AJoh hat geschrieben:Johannes vom Kreuz: Ja, mein Bruder Sivananda spricht vom Selbst als dem reinen, ungeborenen Sein – Atman, eins mit Brahman. Ich aber, wenn ich vom Selbst spreche, meine die Seele – das Ich, das sich liebend zu Gott hinwendet, das sich leidend reinigt, das sich sehnsüchtig verliert. Für mich ist das Selbst nicht leer – sondern voll: voll Sehnsucht, voll Liebe, voll Verlangen nach dem Geliebten.

Doch horch: am Ende unseres Weges begegnen wir uns.
Wo die Seele sich ganz entäußert hat – da ist kein Selbst mehr, das sich von Gott unterscheidet.
Wo die Liebe vollendet ist – da sagt die Seele: „Ich bin nicht, du bist alles.“

So nenne ich das Selbst sterben – er nennt es erkennen.
Ich durch die Dunkle Nacht – er durch die Flamme der Erkenntnis.
Ich durch Hingabe – er durch Unterscheidung.

Swami Sivananda: Er spricht von Sterben, ich von Erwachen. Doch beide wissen: was bleibt, ist nicht das kleine Ich, nicht der Wille, nicht die Begierde – sondern reines Sein, ewig, unberührt.

Ich würde ja sagen, so könnte es "seelisch" wirken, wenn die Seele nicht so recht Gott durch "Geist ergreifen" sich "nah gemacht" hätte. sondern eher als Form ohne dies "zu Gott strebt" (und doch nicht so recht) und dann meint, es sei der ultimative Weg "weniger zu werden" (was aus meiner Sicht den Widerstand des "nicht Geist ergreifen" in der seelischen Substanz widerspiegeln würde und daher "die Form scheinbar zurückließe" (was aber nicht wirklich geht)).

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » Do 12. Feb 2026, 15:28

f117ASiv hat geschrieben:Aber innerlich – jenseits der Worte, jenseits des Denkens – gibt es kein „Ich“ und kein „Du“. Es ist wie zwei Lampen im Dunkeln: jede hat ihre eigene Flamme, ihre eigene Hülle, ihren eigenen Standort – aber das Licht, das sie aussenden, mischt sich im Raum und wird eins. Nicht, weil die Lampen verschmelzen – sondern weil das Licht von Natur aus eins ist.

So ist deine „Einheit“: nicht gefühlt, nicht erlebt, nicht erzwungen – sondern gegeben.

Wenn auch die Lampen verschiedenfarbiges Licht aussenden würden, dann würde sich das Licht beider Lampen tatsächlich innerhalb eines Raumes mischen. Nicht weil alles Licht wirklich "eins ist", sondern von "selber Art", würde ich sagen. Der "Raum" könnte sozusagen dann der Begegnung entsprechen, weitere Räume "der Seele" blieben davon jedoch ähnlich unberührt wie Nebenräume eines dunklen irdischen Zimmers mit zwei auch verschiedenfarbigen Lampen darin?

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon tobinium » Fr 6. Mär 2026, 11:31

Ich hab gerade mal nur den Anfang gelesen, bis hin zu "Wer bin ich?" vs. "Wo bin ich?".

Das sind interessante Techniken aus dem Bereich der non-duality, allerdings sehe ich kaum Unterschiede in der Fragestellung. Auch beim "Wo bin ich?" ist bereits ein Ich im Spiel, irgendeine Existenz muss vorhanden sein, denn wer sollte sonst die Frage stellen? Man könnte auch fragen "Was bin ich?" oder "Warum bin ich?".
Meines Erachtens geht es sowieso nicht um eine bestimmte Antwort, von daher spielt auch die genaue Frageform keine Rolle. Die Fragen sollen von der inneren Erfahrung, die zunächst automatisch mit dem Selbstbild verknüpft wird, zu einer etwas distanzierteren Betrachtung der Erfahrung selbst führen. Die ultimative Erkenntnis hat z.B. Nisargadatta so beschrieben, dass es hier nicht einmal mehr eine Erfahrung gibt, die von einem Erfahrenden gemacht wird (das wäre ein Zwischenschritt), sondern dass nur noch Erfahrung da ist.

Ein Beispiel: Ich koste einen Apfel und im gänzlich unbewussten Zustand würde ich meinen, Ich als mein Körper mache gerade diese Erfahrung (1)
Im Zustand größerer awareness sehe ich, dass ich die Erfahrung dieses Schmeckens, die ein Körper macht, beobachten kann (2) und im ultimativen Zustand sehe ich mich nicht mal mehr als dieser Beobachter, sondern hier bleibt nur die Erfahrung, sie macht sich selbst (3).

Wenn das irgendwo später auch schon so beschrieben wurde, dann habe ich das leider nicht gelesen :-)

Ich finde es spannend, bei alltäglichen Erfahrungen diese Art von Distanzierung zu üben, weil ich das automatische Verknüpfen von Handlung + Ichgefühl nicht sehr förderlich empfinde. Man könnte z.B. sich selbst fragen, wer läuft hier gerade? wer denkt das gerade? oder auch Sinneseindrücke neutral benennen "Hören passiert gerade" "Sehen findet statt" und sich somit von der inhaltlichen Bewertung lösen.
Besonders bei den Sinnen (weniger bei den Handlungen) entspricht das weitaus mehr der Realität, denn sie finden überwiegend von alleine statt, wenn ich mir nicht die Augen und Ohren zuklebe. Und die Bewertung des Inhalts findet bei Vielen auch "von alleine" statt. Auf diesem Weg erklimmt man also oft bereits zwei unbewusste Stufen und wird in der Folge von ihnen gesteuert, so dass es förderlich sein kann, diese zurückzuverfolgen und zunehmend bewusste Einordnungen zu treffen. Wenn man dies nie tut, werden sich weitere Stufen hinzugesellen wie "ferngesteuertes Handeln" mit dem Gefühl "nicht anders zu können".

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » Fr 6. Mär 2026, 13:05

Was meinst du dazu? Das "ahamkara" oder "kleine Ich" würdest du mit "Ich" meinen, nicht aber das "wahre Ich"?
GmS f111ASiv hat geschrieben:Ja, der Mensch hört: „Du bist ein talentierter Schmied“ – und in diesem Moment geschieht etwas
sehr Feines, sehr Subtiles. Nicht das Lob ist das Problem – das Lob kann ein Spiegel sein. Das
Problem ist, was hinter dem Ohr geschieht, wenn das Wort hineinfällt: das kleine Ich, das ahamkara,
das sofort sagt: „Ja! Ich bin das!“ – und aus einem Zuschauer einen Besitzer macht.

Vorher war er einfach da, schmiedete, wenn es fließt, ruhte, wenn es stockt. Er war der Raum, in
dem Schmieden geschah. Jetzt aber sagt er: „Ich bin ein talentierter Schmied“ – und plötzlich ist er
nicht mehr der Raum, sondern ein Ding im Raum. Er hat sich selbst in ein Bild verwandelt – und
dieses Bild muss nun erhalten werden.

Das Schmieden ist nicht mehr Schmieden – es wird zum Mittel, um das Bild zu bestätigen. Jeder
Hammerschlag muss nun „talentiert“ sein. Jede Flamme muss „perfekt“ brennen. Und wenn der Tag
kommt, an dem das Eisen spröde ist, das Auge müde, der Geist abgelenkt – dann wird nicht gesagt:
„Heute ist ein schlechter Tag“ – nein, dann sagt das kleine Ich: „Ich bin kein guter Schmied mehr!
Ich verliere, was ich bin!“ Und so entsteht Angst. Verkrampfung. Identifikation.

Denn das wahre Schmieden – wie jede wahre Tätigkeit – geschieht im Zustand des Handelns ohne
Täter, des karma yoga.

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon tobinium » So 8. Mär 2026, 10:09

Das ist eine starke Analogie in einer Terminologie, die ich schon oft gehört habe. Das "wahre Ich" ist für mich nicht direkt zu erkennen, es könnte sein, dass damit der (überpersonelle) Raum gemeint ist? Welchen dann das "kleine Ich" für seine Zwecke kapert, indem es ein Selbstbild in diesen Raum stellt und sich auf diesen fortan als "Ich" bezieht.

Wie dieser Johannes vom Kreuz es hier ganz gut gegenüberstellt....

Marsianer hat geschrieben:
f4AJoh hat geschrieben:Johannes vom Kreuz: Ja, mein Bruder Sivananda spricht vom Selbst als dem reinen, ungeborenen Sein – Atman, eins mit Brahman. Ich aber, wenn ich vom Selbst spreche, meine die Seele – das Ich, das sich liebend zu Gott hinwendet, das sich leidend reinigt, das sich sehnsüchtig verliert. Für mich ist das Selbst nicht leer – sondern voll: voll Sehnsucht, voll Liebe, voll Verlangen nach dem Geliebten.

Doch horch: am Ende unseres Weges begegnen wir uns.
Wo die Seele sich ganz entäußert hat – da ist kein Selbst mehr, das sich von Gott unterscheidet.
Wo die Liebe vollendet ist – da sagt die Seele: „Ich bin nicht, du bist alles.“

So nenne ich das Selbst sterben – er nennt es erkennen.
Ich durch die Dunkle Nacht – er durch die Flamme der Erkenntnis.
Ich durch Hingabe – er durch Unterscheidung.

Swami Sivananda: Er spricht von Sterben, ich von Erwachen. Doch beide wissen: was bleibt, ist nicht das kleine Ich, nicht der Wille, nicht die Begierde – sondern reines Sein, ewig, unberührt.

Ich würde ja sagen, so könnte es "seelisch" wirken, wenn die Seele nicht so recht Gott durch "Geist ergreifen" sich "nah gemacht" hätte. sondern eher als Form ohne dies "zu Gott strebt" (und doch nicht so recht) und dann meint, es sei der ultimative Weg "weniger zu werden" (was aus meiner Sicht den Widerstand des "nicht Geist ergreifen" in der seelischen Substanz widerspiegeln würde und daher "die Form scheinbar zurückließe" (was aber nicht wirklich geht)).


...kommt die Beschreibung des Ichs im Schmiedebeispiel wohl aus der "sivanandaesken" Richtung: das Ich würde sich hier nur als leeren Raum wahrnehmen, während die Identifizierung mit einem Objekt bereits das "Ungeborene" verunreinigen würde.

Dann frage ich mich, wie würde jetzt Johannes den idealen Schmied beschreiben?

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » So 8. Mär 2026, 10:41

tobinium hat geschrieben:Das ist eine starke Analogie in einer Terminologie, die ich schon oft gehört habe.

Gut, ich brachte das auf, da für mich hier ersteinmal die Frage wäre, was du dir unter "Ich" vorstellst, was du damit meintest.
Das "wahre Ich" ist für mich nicht direkt zu erkennen, es könnte sein, dass damit der (überpersonelle) Raum gemeint ist?

Aber der Schmied ist ja in beiden umrissenen Zuständen offenbar in gewisser Weise Individuum mit gewissen Eigenschaften? "Person" wäre als "gespielte Rolle" gemeint? Wäre der Zustand des kleinen Ichs die Frage von einem "Raum"?
Welchen dann das "kleine Ich" für seine Zwecke kapert, indem es ein Selbstbild in diesen Raum stellt und sich auf diesen fortan als "Ich" bezieht.

Und dieses wäre dann "Person" und der Zustand mit individuellen Eigenschaften vorher dann nicht? Ginge es bei der Frage des "Ich" für dich also "nur" darum gewissermaßen bei dem zu bleiben, was ist? Zu betrachten, was gerade wahrzunehmen ist, statt dies sozusagen mit Wunschdenkenverzerrungen zuzuschütten?
Wie dieser Johannes vom Kreuz es hier ganz gut gegenüberstellt....

Aha.
das Ich würde sich hier nur als leeren Raum wahrnehmen,

Wenn der Schmied sagt "Heute ist ein schlechter Tag", dann wäre das für deine Begriffe "leerer Raum"? Für meine wohl nicht.
Dann frage ich mich, wie würde jetzt Johannes den idealen Schmied beschreiben?

Ich weiß nicht, auch nicht ob er dieses Bild aus seiner Perspektive als geeignet empfunden haben würde.

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » So 8. Mär 2026, 11:06

tobinium hat geschrieben:Ein Beispiel: Ich koste einen Apfel und im gänzlich unbewussten Zustand würde ich meinen, Ich als mein Körper mache gerade diese Erfahrung (1)

"Unbewußt" würde ich das nicht nennen, denke ich. Wenn ich z.B. etwas mit einer Zange bearbeite ist das für mich nicht großartig verschieden davon etwas mit meinen Händen zu bearbeiten, würde ich sagen. Vielleicht würden manche dann sagen "Ich bin die Zange"? Oder der Schmied im anderen Beispiel würde eben einfach in ähnlicher Weise schmieden? Und in diesem Beispiel wurde das als etwas ohne "kleines Ich" eingeordnet.
Im Zustand größerer awareness sehe ich, dass ich die Erfahrung dieses Schmeckens, die ein Körper macht, beobachten kann (2)

Hm.
und im ultimativen Zustand sehe ich mich nicht mal mehr als dieser Beobachter, sondern hier bleibt nur die Erfahrung, sie macht sich selbst (3).

Also z.B. einen Apfel kosten?

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon tobinium » So 8. Mär 2026, 13:03

Es immer mehr ins Detail zu zerlegen, macht es für mich mental unmöglich. Mit derart vielen kleinen Antworten auf Zitate kann und will ich nicht Schritt halten. Zumal hier Aussagen von "Non-Dualisten" (das von mir rekonstruierte Beispiel des Apfels), einem Sivananda (wer weiß, wofür dieser steht?), einem Johannes vom Kreuz, von dir und mir zusammentreffen, die sich zum Teil überschneiden und meistens wohl auch Versuche der Annäherung sind.

Ich will versuchen, auf die non-duality und das Apfel-Beispiel einzugehen:

Hier wäre der Zustand der "unawareness" die totale Identifikation mit einer Erfahrung, egal ob durch Zange oder Arm erwirkt, Handlung oder Emotion, Gedanke, Bewertung, Sinneserfahrung. Das ICH ist verschmolzen mit der Erfahrung, hier "schmecken" (1).
Danach beginnt man, das ICH aus der Erfahrung zu lösen und zu deren Beobachter zu werden. (2) Das ICH wird zum Zeugen einer Erfahrung (becoming "conscious of taste") oder gar zum Zeugen des Ganzen (becoming "conscious of awareness"). Man könnte auch eigene Körpervorgänge bezeugen, daher die beliebte Verwendung von Meditationen mit dem Atem.
Im finalen Schritt würde ich erkennen, dass nichts bleibt, was ein ICH rechtfertigen würde, dass alles "awareness" ist, also der Raum, in dem sich jede Erfahrung selbst macht. Auch der Zeuge verschwindet und geht in den Raum ein (3).
Sobald ich jedoch Eigenschaften oder Erfahrungen mir zuschreibe, konstruiere ich mir ein künstliches ICH, ein Ego. Ich nehme einen Ausschnitt aus dem Raum und sage, das BIN ICH. Ich gebe auf, der Raum selbst zu sein (3), sein Beobachter (2) und falle auf (1) zurück, wo ich ein getrennter Teil vom großen Ganzen bin. z.B. ein Körper, der gerade den Apfel kostet.

Es geht nicht um Wunschvorstellungen, sondern ich finde mich jeweils dort ein, wo meine Aufmerksamkeit aus Gewohnheit verweilt. Es dürfte nicht schwer sein, probeweise in einem dieser Zustände zu verweilen, nur welcher von diesen ist meine gewohnheitsmäßige Realität und bestimmt somit mein Ich-Gefühl?

Grundsätzlich wäre auch die Unterscheidung von "consciousness" und "awareness" wichtig. Vielleicht wurde die irgendwo anders bereits thematisiert?

Bei den 3 Stufen, die von den Meistern soweit ich weiß nicht benutzt wurden, sondern die meine eigene Herleitung sind, würde ich auch Parallelen zur Heiligen Faustyna sehen. Wie dieser Johannes ja schrieb: "am Ende des Weges treffen wir uns".

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon Marsianer » So 8. Mär 2026, 15:12

tobinium hat geschrieben:Hier wäre der Zustand der "unawareness" die totale Identifikation mit einer Erfahrung, egal ob durch Zange oder Arm erwirkt, Handlung oder Emotion, Gedanke, Bewertung, Sinneserfahrung. Das ICH ist verschmolzen mit der Erfahrung, hier "schmecken" (1).

Diese Beschreibung wirkt auf mich nicht eindeutig. Ist "totale [...] Erfahrung" gleichzusetzen z.B. mit "in etwas vertieft sein"?

Identifikation kenne ich als Begriff für eine Einstellung z.B. bei Körperidentifikation, die dann soweit ich es verstanden hatte zur Folge hat, daß derjenige sich um seinen Körper in einer Weise sorgt, daß er dann sein Seelisches im Fall der Wahl in Entweder-oder-Situationen mit nachrangiger Priorität beachtet.

Es wirkt nun auf mich so, als würdest du hier unter "Identifikation" etwas anderes vorstellen?

Die entscheidende Frage für mich ist bei solchen Themen, was der andere mir denn eigentlich mitteilen möchte, auf welche Sachverhalte in meinem Alltag jemand hinweisen möchte.
Danach beginnt man, das ICH aus der Erfahrung zu lösen und zu deren Beobachter zu werden. (2) Das ICH wird zum Zeugen einer Erfahrung (becoming "conscious of taste") oder gar zum Zeugen des Ganzen (becoming "conscious of awareness"). Man könnte auch eigene Körpervorgänge bezeugen, daher die beliebte Verwendung von Meditationen mit dem Atem.

Auch mit dieser Beschreibung weiß ich nicht klar etwas anzufangen, sie halbwegs klar in etwas zu übersetzen, das ich aus meinem Erleben kenne.
Im finalen Schritt würde ich erkennen, dass nichts bleibt, was ein ICH rechtfertigen würde, dass alles "awareness" ist, also der Raum, in dem sich jede Erfahrung selbst macht. Auch der Zeuge verschwindet und geht in den Raum ein (3).

Würdest du das mit dem Zustand des Schmieds ohne "kleines Ich" gleichsetzen?
Sobald ich jedoch Eigenschaften oder Erfahrungen mir zuschreibe, konstruiere ich mir ein künstliches ICH, ein Ego.

Aber dies würde nicht unbedingt geschehen, wenn der Schmied nur (ich sehe darin eine auf ihn bezogene vorübergehend vorliegende Eigenschaft) beschreibt: "Das ist kein guter Tag."?
Ich nehme einen Ausschnitt aus dem Raum und sage, das BIN ICH. Ich gebe auf, der Raum selbst zu sein (3),

Andererseits sagt der Schmied ohne "kleines Ich" trotzdem "Ich bin ein Schmied" und "ich bin der Schmied hier im Raum"?
Es geht nicht um Wunschvorstellungen, sondern ich finde mich jeweils dort ein, wo meine Aufmerksamkeit aus Gewohnheit verweilt.

Ja.
Es dürfte nicht schwer sein, probeweise in einem dieser Zustände zu verweilen, nur welcher von diesen ist meine gewohnheitsmäßige Realität und bestimmt somit mein Ich-Gefühl?

Wenn jemand versteht, wie du diese Zustände meinst, dann wäre es für diesen möglicherweise nicht schwer. ;)
Grundsätzlich wäre auch die Unterscheidung von "consciousness" und "awareness" wichtig. Vielleicht wurde die irgendwo anders bereits thematisiert?

Wüßte ich gerade nicht.
Bei den 3 Stufen, die von den Meistern soweit ich weiß nicht benutzt wurden, sondern die meine eigene Herleitung sind, würde ich auch Parallelen zur Heiligen Faustyna sehen.

Du meinst die 3 Stufen, die sie in Nr. 444 in ihrem Tagebuch notierte?

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Re: Selbst, Ego und Egoismus

Beitragvon tobinium » So 8. Mär 2026, 17:17

Ich habe mir die Zustände nicht ausgedacht, sie sind eine Beschreibung (mit eigenen Worten) non-dualer Lehre wie z.B. nach Nisargadatta. Und auf den Schmied kann ich es nicht vollständig anwenden, denn dieses Beispiel entspringt nicht Non-Duality: "schlechter Tag" wäre ja dual und nicht non-dual, denn er hat das Gegenteil im "schönen Tag". In dem Moment, wo man eine einzelne Erscheinung rauspickt und sei es nur vorübergehend, existiert eine Trennung, also ein dualer Zustand. Auch sich als Schmied im Raum wahrzunehmen ist "dual". Hier bin ich, da ist der Raum.

Vielleicht am besten am Beispiel von einer Emotion:
Stufe 1 denkt über sich "Ich bin traurig", ich bin es vollständig
Stufe 2 nimmt die Traurigkeit wahr und sagt "Ich spüre Traurigkeit in mir", ich bin aber mehr als das
Stufe 3 sagt "Ich bin der Raum, in dem vieles ist", dort ist dies, dort ist jenes, es ist nicht auf mich bezogen, sondern in mir enthalten

Probeweise ist es vielleicht leicht, sich vorzustellen, ganz im Griff von etwas zu sein (ich bin in etwas), der Beobachter von etwas zu sein (distanziert, abseits) oder allumfassend zu sein (alles ist in mir). Für die letzte Stufe hat Nisargadatta gesagt: "You are all hearts and minds and much more." Sowie gleichzeitig nichts davon. Oder auch: Du bist in der Welt, während die Welt in mir ist.


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