S. 70-71 hat geschrieben:Die Heiligung der Seele wird nur durch Kraftanstrengung erreicht. Sagt doch der göttliche Heiland
selber: „Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich." Nach diesen
Worten richtete Gemma ihr Leben ein.
Was man bei ihr vor allem bewundern musste, war der große, ununterbrochene Eifer in der
Bezähmung ihrer Sinne. In ihrem ganzen Leben hatte sie dieselben nie missbraucht und doch schien
es, sie wolle sich an denselben mit dem vollen Eifer eines bekehrten Sünders rächen. Schon von
früher Jugend an beherrschte sie die Augen und hielt ihren Blick stets bescheiden gesenkt. Wie sie
an Alter und Tugend zunahm, pflegte sie diese empfehlenswerte Übung noch fleißiger. Eines Tages
heftete sie einen Augenblick ihr Auge auf den Kopfputz eines kleinen Mädchens, das neben ihr im
Kirchenstuhle saß. Dadurch wurde sie gegen sich selbst aufgebracht, ihr Benehmen erschien ihr fast
wie ein Vergehen, sie schwor, ihr Auge nie mehr unnötig auf einem Menschen ruhen zu lassen. Von
jenem Tage an behielt sie ihre unschuldigen Augen in voller Gewalt und senkte sie züchtig. Davon
ging sie nur aufgrund eines förmlichen Gebotes ab und selbst dann auch nur für kurze Zeit, um sie
gleich wieder in edler Bescheidenheit zu senken. Wollte man daher die innere Schönheit der Seele
vom Glanz ihrer Augen ablesen, so musste man sie in der Ekstase überraschen, da hatte sie
dieselben gewöhnlich voll und frei zum Himmel emporgerichtet.
Was den Geschmack betrifft, so wollte sie ihn um keinen Preis befriedigen; es wusste überhaupt
niemand, welche Speisen oder Getränke sie bevorzugte; selbst zum Genuss der gewöhnlichen
Nahrung musste man sie bei Tisch nicht selten noch drängen. Sie verstand es ferner, mancherlei
unschuldige Kunstgriffe anzuwenden und damit ihre Abtötung zu verbergen, wie sie sich auch unter
diesem oder jenem Vorwand vor der Zeit vom gemeinsamen Tische zurückzuziehen wusste. War sie
in der Küche beschäftigt, so verkostete sie keine Speisen, ebenso wenig wollte sie untertags
irgendwelche Früchte oder Süßigkeiten genießen. Der Verzicht auf solche Erfrischungen erfolgte
stets in der liebenswürdigsten Form, so dass keinerlei Aufsehen erregt wurde und der Anstand
immer gewahrt blieb.
S. 71-73 hat geschrieben:Das natürliche Verlangen nach Speise und Trank stellte sich auch bei Gemma ein; da sie überdies
einen gesunden Magen besaß, war ihr Appetit auch rege. Um sich abzutöten, hätte sie gerne auf die
Nahrung verzichtet; allein das ging doch nicht an. Sie überlegte und überdachte die Sache. Als sie
endlich glaubte, das Mittel zur Abhilfe entdeckt zu haben, kam sie und machte mir hoch erfreut
ihren Vorschlag. Wie klug sie alles überdacht hatte! „Seit lange scheint es mir, Jesus lege mir nahe,
Sie, Pater, um eine Gunst zu bitten. Hören Sie also. Sind Sie einverstanden damit, dass ich Jesus um
die Vergünstigung bitte, er möge mich mein Leben lang an der Nahrung keinen Geschmack mehr
finden lassen! O, diese Gnade ist notwendig und Jesus wird, wie ich hoffe, Ihnen sagen, Sie sollen
sie mir gewähren. Ihrer Entscheidung füge ich mich in jedem Falle." Da ich auf diesen Brief nicht
geantwortet, wiederholte Gemma ihr Ansuchen mehrmals, bis ich endlich meine Zustimmung gab.
Hocherfreut darüber ging sie sofort, um sich mit ihrem Jesus zu besprechen. Dort fand sie auch
gleich Erhörung. Von jenem Tage an verlor der Gaumen jegliche Empfindsamkeit; deshalb
verspürte sie, mochte sie essen oder trinken, keinerlei Geschmack mehr. So verstand die kluge
Jungfrau die Esslust abzutöten.
Auch die anderen Sinne hielt sie strenge im Zaume. Sie versagte es sich sogar, eine lieblich
duftende Blume in die Hand zu nehmen, wie sie auch nie wohlriechende Essenzen gebrauchen
wollte. Kaum weniger streng bewachte sie den Tastsinn, indem sie sich von jeder Berührung oder
Liebkosung fernhielt. Vor allem aber hielt sie die Zunge in schmerzlichster Hut; und doch schien es
ihr immer, sie missbrauche dieselbe; sie schämte sich darüber und erneuerte ihren festen Vorsatz, sie
strenge im Zaume zu halten. Einmal weinte sie einen ganzen Tag lang zu Füßen ihres Heilandes,
weil sie mit einigen Freundinnen, deren Besuch sie nicht abweisen durfte, kurze Zeit hindurch
Gespräche geführt hatte, die gewiss ganz unschuldig waren, aber doch Gegenstände betrafen, die ihr
zu weltlich erschienen. Von Neugierde konnte man bei ihr, die sich selber abgestorben war, keine
Spur entdecken, sie kümmerte sich um nichts in der Welt, war auch deren Lustbarkeiten abhold.
Noch weit mehr erregt unsere Bewunderung der beständige Kampf, den Gemma mit ihren inneren
Leidenschaften zu führen hatte. Sie war, wie bereits erwähnt wurde, von sehr lebhaftem Naturell
und dabei sehr empfindsam; von Natur aus hatte sie demnach einen Hang zu Zorn und
Herrschsucht. Sie ließ sich aber von diesen natürlichen Leidenschaften nicht überrumpeln, je mehr
sie deren Stachel zu fühlen bekam, desto eifriger und wachsamer kämpfte sie dagegen. „Ich gebe
euch so lange nicht Ruhe, bis ich euch in mir erstorben weiß", sagte sie entschlossenen Mutes.
Dieser Kampf spielte sich ganz in ihrem Inneren ab. Sie war sehr darauf bedacht, sich äußerlich
nichts von diesem Ringen anmerken zu lassen. Wer ihr jedoch näher trat und sie genau beobachtete,
konnte bemerken, dass sie sich unausgesetzt anstrengte und dass ihr Herz gleichsam zum Altare
geworden war, auf dem vom Morgen bis zum Abend Opfer der Selbstüberwindung dargebracht
wurden.
S. 42 hat geschrieben:Ich konnte mich dabei überzeugen, dass sie nicht bloß die
Taufunschuld stets bewahrt hatte, sondern auch frei war von jedem vollkommen überlegten Fehler.
Ihre Demut war sehr tief, ihr Gehorsam einzig in seiner Art; ich darf sagen, geradezu
bewundernswert; ihre Abtötung andauernd und sehr streng.
Sie aß so wenig, dass man sich wunderte, wie sie damit ihr Leben fristen konnte. Hätte sie der
Gehorsam nicht dazu gezwungen, so würde sie sich auch das wenige entzogen haben; nach ihrer
eigenen Versicherung genügte ihr das Brot der Engel, das ihre tägliche Speise war.
S. 67-68 hat geschrieben:Heilige Seelen, die Gott aufs innigste lieben und seine erhabenen Eigenschaften immer wieder
betrachten, glauben auch, jeder Schatten einer Schuld sei etwas Gewaltiges, jeder geringe Verstoß
ein bedeutendes Vergehen.
So erging es Gemma. Ihre Fehler und das, was sie große Sünden nannte, waren gewiss nicht
freiwillig. Eher wäre sie durchs Feuer gegangen, als dass sie mit Vorbedacht auch nur die geringste
lässliche Sünde begangen hätte. Nach dem übereinstimmenden Urteil ihrer Seelenführer nahm sie
die Taufunschuld mit ins Grab.