Stille / Leere

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Marsianer
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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Do 9. Jun 2022, 16:58

Johannes Cassian bemerkt gleich zu Anfang:

Den zweiten Kampf haben wir nach der Überlieferung der Väter gegen den Geist der sexuellen Zügellosigkeit zu bestehen. Dieser Kampf dauert länger als die übrigen Kämpfe, entbrennt täglich von neuem und wird nur von wenigen gewonnen. Es ist ein überaus harter Kampf von der ersten Zeit der Pubertät an, der nicht eher aufhört, als bis die übrigen Laster überwunden sind.

Das klingt nun gar nicht verstaubt und altbacken, sondern sehr sehr nüchtern und wirklichkeitsnahe. Es beschreibt ganz einfach die Grunderfahrung des Menschen, die jeder Mönch in der ägyptischen Wüste sogar noch verschärft zu machen und zu bestehen hatte, weil erst im inneren Kampf die ganze Tiefe dieses Lasters zum Vorschein kommt. Es gilt darum eine zweifache Schlachtlinie aufzubauen:

… körperliches Fasten auf der einen Seite, Zerknirschung des Herzens, beharrliches Gebet gegen diesen unreinen Geist, ständige Meditation der Heiligen Schrift, Eintauchen in geistige Erkenntnis und Handarbeit auf der anderen Seite. Das alles ist unerläßlich, um das unstete Herumvagabundieren des Herzens zu zügeln. Vor allem aber muß das Fundament wahrer Demut gelegt werden, weil man ohne Demut keins der Laster überwinden kann.


Fangen wir sozusagen von hinten an: Das alles ist unerläßlich, um das unstete Herumvagabundieren des Herzens zu zügeln. Ein zügelloses Herz, das allen Gedanken einfach gedankenlos nachgeht, kann nicht keusch sein.

[...]

Nur durch das beständige Gebet wird das Vertrauen in die Hilfe Gottes stark genug werden, um den mühsamen Kampf gegen diese Anfechtungen zu bestehen und schließlich zu siegen. Ohne die Gnadenhilfe Gottes gibt es keinen Sieg! Weil wir aber nicht beständig beten können, müssen wir uns zudem in diesem Kampf sinnvoll beschäftigen:

Die Kämpfer (um Enthaltsamkeit und Keuschheit) enthalten sich nicht nur verbotener Speisen, jeglicher Schmausereien und Trinkgelage, sondern meiden auch alle Untätigkeit, Trägheit und jede Art von Müßiggang, so daß durch tägliche Übung und beständige Meditation ihre Kraft wachsen kann. Auch von aller Sorge, Traurigkeit und weltlichen Händeln halten sie sich fern.

Die Aufgabe, ein reines Herz zu bilden, wird also immer umfangreicher. Um die Gedanken von den Versuchungen fern zu halten, ist eine dauernde Tätigkeit unabdingbar. Die Seele muß ihre Herrschaft zurückerobern – darauf beruht letztlich die wahre Freiheit, die Freiheit der Kinder Gottes. Alle ungeordneten Seelenstimmungen und Einflüsse gilt es zu meiden. Darum muß man sich von den weltlichen Händeln soweit möglich fern halten. Wenn das schon für einen Mönch gesagt ist, wie viel mehr gilt das für einen Katholiken, der in der Welt leben muß!

https://antimodernist.org/am/2021/08/15/wahre-askese

Irgendwas stimmt auf der Originalseite wohl nicht mit der korrekten Markierung des ersten Zitats. Zitat von Cassian wird wohl eigentlich nur der erste Absatz gewesen sein? Sei es drum, ich habe die Markierungsabgrenzung einfach mal so übernommen.

Die Kämpfer laut dieser menschlichen Lehre würden also "dauernd tätig" sein müssen, "Untätigkeit" meiden. So wird es auch heute vielen im Umfeld christlicher Gruppen vermittelt. Bemerkenswert hier: Der Autor dieses Artikels kritisiert ja in genau diesem Text ausdrücklich die "protestantische Erbsündenlehre". Wo bleibt also hier wieder die Stille? "Beständige Meditation" wird auch aufgeführt. Wie das zusammenpassen soll, wirkt auf mich schon erstmal etwas rätselhaft. Wieder "Stille Post"? Ja, in die Stille gehen ist, wenn man so wollte, eine Art Tätigkeit. Aber zumindest ich persönlich fände es auch nicht falsch den Begriff "Müßiggang" oder "Faulsein" dafür zu verwenden.

Und was soll diese "Kämpferei" so wie sie da in dieser Beschreibung auf mich wirkt? So liest sich das eher wie eine Art Gesetzlichkeit. Es wird gar eine Aufgabe formuliert "ein reines Herz zu bilden"? Ja, wie soll das denn geschehen, wenn das hier nicht in eher gesetzlicher Weise verstanden würde? Daß der Mensch sich "heroisch" zu "Tugend" zwingt, so wie Menschen sich eben gesellschaftlich bedingt zu allem möglichen zwingen, weltlichen Normen folgen und so weiter? Aus dieser Beschreibung wirkt auf mich der Einwand sehr berechtigt: Hallo, laßt es sein. Der Vater, dem ihr folgt wirkt das, was euer Herz attraktiv findet. Und nur darin entsteht ein "reines Herz", nicht in Askese einer Art, wie sie auf mich in dieser Beschreibung wirkt. Das wäre dann also ein Punkt für Luther, der allerdings dann wohl mit Elan auf der anderen Seite vom Pferd rutscht.

Auf mich wirkt diese Beschreibung viel zu krampfig. Das soll "wahre Askese" vorstellen?

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Agape » Do 9. Jun 2022, 18:10

Marsianer hat geschrieben:
Johannes Cassian bemerkt gleich zu Anfang:
Den zweiten Kampf haben wir nach der Überlieferung der Väter gegen den Geist der sexuellen Zügellosigkeit zu bestehen.

Aus dieser Beschreibung wirkt auf mich der Einwand sehr berechtigt: Hallo, laßt es sein. Der Vater, dem ihr folgt wirkt das, was euer Herz attraktiv findet.

Könnte man eventuell sagen, dass es beim oben zitierten Beispiel der Zügellosigkeit (vielleicht ist es gar nicht so relevant, welcher Art diese wäre?) erstrangig darum ginge, nicht deren Auswirkung zu unterdrücken, sondern eher zu beachten, nicht insgesamt Zügellosigkeit zu mögen? Wofür würde dies stehen? Würde dies möglicherweise einem inneren Mangel zugrunde liegen? Woran würde es jemandem mangeln?
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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Do 9. Jun 2022, 19:06

Agape hat geschrieben:Könnte man eventuell sagen, dass es beim oben zitierten Beispiel der Zügellosigkeit (vielleicht ist es gar nicht so relevant, welcher Art diese wäre?)

Also in der bekannten Gal-Liste zu "Werken des Fleisches" stehen sexuelle Punkte neben anderen. Aber das Thema ist wohl nicht nur heute wieder eines, bei dem bei so manchem die Nerven schnell durchgehen. Da sagt z.B. jemand, er wisse nicht, wieso Sex gesellschaftlich so hoch bewertet werde und dann wird ersteinmal menschlich heftig reagiert und später anderen weitererzählt, derjenige wolle ohne Sex leben. Vielleicht lenkt dieses für viele heikle Beispiel also teils doch unnötig von der grundsätzlichen Frage ab.

Ich denke, um diese ganzen Konzepte zu betrachten wäre es wohl sinnvoll ganz konkret zum Erfahren von Menschen zurückzugehen.
erstrangig darum ginge, nicht deren Auswirkung zu unterdrücken, sondern eher zu beachten, nicht insgesamt Zügellosigkeit zu mögen?

Ich persönlich habe ja allgemein eher etwas gegen Zügel.

Ein Mensch würde vielleicht erleben, daß in ihm Lust besteht etwas zu tun, das in der Bibel als "Werk des Fleisches" eingeordnet wurde? Er könnte dann schauen, daß er dieser Lust nicht nachgeht. So liest sich der zuletzt von mir zitierte Text auch überwiegend, wenn auch mal Gebet und Gnade erwähnt wird. Der Mensch hätte dann Lust auf etwas und würde dem nicht nachgehen. Ein reines Herz wäre wohl etwas anderes. Und dann könnte ich wieder kommen und sagen, so wie ich es eben auch aus der Bibel zu entnehmen verstehe, daß es eben etwas darüber aussagt, welchen Herren dieser Mensch folgt, wer inwiefern geistig gesehen sein "Vater" ist. Und dann ergäbe sich daraus nicht sich menschlich gegen diese Empfindung von Lust anzustemmen, sondern sich bestenfalls an Jesus Christus zu wenden, um das eigentliche Problem anzugehen: Ferne von Gottes Geist, aus welcher solches Wollen eigentlich entspringt. Daß es in dem Menschen diese Lust gibt, zeigt dies an und es empfiehlt sich darauf auch entsprechend zu achten, denn "heroische" Symptomunterdrückung ändert dann ja auch gar nichts daran, daß es eben diese ursächliche Ferne zu Gottes Geist in irgendwelchen Hinsichten im Menschen dann offenbar noch gibt.

Es zu beachten, was in einem überhaupt stattfindet ist auch erstmal recht gut, würde ich sagen. So kann der Mensch sehen, wo er was den eigenen seelischen Zustand betreffend überhaupt wirklich steht.
Wofür würde dies stehen? Würde dies möglicherweise einem inneren Mangel zugrunde liegen? Woran würde es jemandem mangeln?

Nunja, das hatten speziell wir ja schon oft. Letztlich an Lebenskraft aus der einzigen Quelle solcher Lebendigkeit und Freiheit: Gott.

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Fr 10. Jun 2022, 10:00

Mit Kontemplation oder Muße hatte die Sünde der Acedia nichts zu tun, sondern war als weltliches wie spirituelles Nichtstun eine Abkehr von Gott. Auch heute noch wird die Faulheit namentlich als die Trägheit des Herzens zu den sieben Hauptlastern gerechnet. Sie kann nach katholischer Lehre dazu führen, dass man tatenlos bleibt und dem Bedürftigen, Schwachen oder Kranken nicht hilft, wenn man es könnte.

[... mehr spaßeshalber (die eigentliche Frage wäre da auch, wohin der Mensch sinnvollerweise seine Aufmerksamkeit richten solle, was für ihn als relevant gelten würde):]

In seiner Schrift Was ist Aufklärung? bewertet Immanuel Kant „Faulheit“ als einen Hauptgrund dafür, dass am Ende des 18. Jahrhunderts Menschen in großer Zahl keinen öffentlichen Gebrauch von ihrer Gedanken- und Meinungsfreiheit machten:

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Faulheit
Acedia (latinisiert aus altgriechisch ἀκηδία (bzw. ἀκήδεια) „Sorglosigkeit“, „Nachlässigkeit“, „Nichtsmachenwollen“ von κῆδος kēdos „Sorge“) ist ein Ausdruck der christlichen Spiritualität und bezeichnet eine Haltung, die sich „gegen Sorge, Mühe oder Anstrengung wendet“ und darauf „mit Abneigung, Überdruss oder Ekel“ reagiert.[1] Der Katechismus der Katholischen Kirche setzt die Acedia mit geistiger Trägheit gleich und vergleicht sie mit dem, was heute als Depression bezeichnet wird.[2]

Mögliche deutsche Synonyme dafür wären Ekel, Langeweile, Trägheit, Mutlosigkeit, Mattigkeit, Widerwillen, Schwermut – doch von all diesen erscheint die Übersetzung als „Überdruss“ als die treffendste, da darin alle anderen Bedeutungen mitschwingen (vgl. Cassian[3] und Bunge[4]).

Der Wüstenvater Evagrios Pontikos setzte die Acedia mit der antiken Vorstellung des Mittagsdämons gleich (vgl. Psalm 91,6: „Seuche, die wütet am Mittag“). Die Einsiedler in der Wüste waren Hitze, Hunger, Durst, Einsamkeit und Eintönigkeit ausgesetzt, und schrieben ihre Bedrängnis diesem Dämon zu. In seinem Werk Praktikos schreibt Evagrios darüber:

„Der Dämon des Überdrusses, der auch als 'Mittagsdämon' bezeichnet wird, ist der bedrückendste aller Dämonen. Er bedrängt den Mönch um die vierte Stunde (10 Uhr) des Morgens und umgibt seine Seele bis etwa zur achten Stunde (14 Uhr). (Pr 12)[5]“

Mit anderen Worten ist sie das Laster der geistigen Trägheit, eine Erschlaffung der Seele, die Stagnation aller Dinge, eine Sackgasse in physischer und psychischer Hinsicht, und insbesondere beim Mönch eine widerwillige "Verschlossenheit gegenüber Gott, der einen sonst mit Leben erfüllt"[6].

Nach Evagrios ist ihre Bedeutung groß, da er sie von allen Lastern und Hindernissen als das größte bezeichnet.

Nach theologischer Lehre gilt die Acedia als eine der sieben (nach anderer Tradition: acht) Wurzelsünden oder Hauptlaster.[7] Sie kann zur schweren Sünde werden, wenn sie wichtige Verpflichtungen vernachlässigen lässt.

Das Wesen der Acedia

Dieses Konglomerat an drückenden negativen Stimmungen wird dem Wüstenvater Evagrios zufolge durch eine Verflechtung von Begehren und Zornmut verursacht. In seiner Reaktionsmöglichkeit hat der Mensch zwei Bewegungsrichtungen, Anhaften und Abneigung, bzw. Begehren und Zorn. Tritt der Fall ein, dass diese beiden in sich verflochten sind (d. h. kommt es zu einer Begehren-Zorn-Verknotung), so führt dies bei der betreffenden Person zu einer ganzheitlichen Lähmung, die ihre emotionale Entsprechung in den bereits erwähnten Formen von Schwermut, Trägheit, Überdruss etc. hat. Evagrios schreibt dazu:

„Der Überdruss ist eine gleichzeitige, lang andauernde Regung von Zornmut und Begehren, wobei der erstere über das Vorhandene wütend ist, das letztere aber sich nach dem nicht Vorhandenen sehnt.

Durch die Gedanken bekämpfen uns die Dämonen, indem sie bisweilen das Begehren anregen, bisweilen den Zornmut, und dann wieder zur gleichen Zeit Zornmut und Begehren, wodurch der sogenannte komplexe Gedanke entsteht.[8]

Während die anderen Dämonen nur einen Teil der Seele berühren, so umgibt der Mittagsdämon die ganze Seele und erstickt den Intellekt. (Pr 36)“


Charakteristisch ist demnach neben der Lähmung der Person durch den „komplexen Gedanken“ auch der Zeitfaktor, also eine lang andauernde Bedrängnis, sowie die Verdunkelung des Intellekts (vgl. griech. nous), der so für eine tiefergehende Erkenntnis seiner selbst unbrauchbar wird. Die Acedia wird daher als ein in höchstem Maße irrationales Phänomen bezeichnet.[9]

Typische Anzeichen

Die sechs „Töchter der Acedia“ sind nach Gregorius beim Kirchenlehrer Thomas von Aquin:[10] Bosheit, Auflehnung/Groll, Kleinmütigkeit, Verzweiflung, stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten bzw. Vorschriften, Schweifung des Geistes in Richtung des Unerlaubten.[11]

Bunge führt unter Bezugnahme auf Evagrios verschiedenartige acedische Ausformungen an. Das erste und sicherste Anzeichen ist demnach eine „innere Unrast“, die sich z. B. darin äußert, dass der Lebenspartner, die Gesellschaft unserer Freunde, der erlernte Beruf oder der angestammte Wohnort als die scheinbare Ursache großer Unzufriedenheit angesehen werden. Daraus ergibt sich auch der Drang zu Reisen als altes Antimelancholikum.

Weiter finden sich nach Bunge folgende Anzeichen:

Ablenkung und Zerstreuung (der für die Acedia so charakteristische Drang nicht nur allgemein nach Abwechslung, sondern speziell nach menschlicher Gesellschaft)
Die Furcht vor körperlichen Erkrankungen
Die Mitmenschen werden für das eigene Unglück verantwortlich gemacht (Täuschung und Selbsttäuschung führen Menschen in die Irre, weil ihnen der wahre Charakter ihrer Depression verborgen geblieben ist. Als Wurzel aller Übel wird bei Evagrios die „Selbstverliebtheit“ genannt)
Vorgetäuschte Tugendwerke (ein oftmals karitativer Aktivismus, um den inneren Stillstand und die eigene Leere zu verbergen)
Verdrossenheit und Minimalismus bei der spirituellen Praxis
Zweifel an der Echtheit der eigenen Berufung oder Lebensform[12]


Theologisch wird die Haltung der Acedia vielfach dahingehend verstanden, dass einem insbesondere das zu viel ist, was Gott von einem verlangt. In anthropologischer Sicht wird sie von Josef Pieper dahingehend erfasst, dass „der Mensch sich dem Anspruch versage, der mit seiner eigenen Würde gegeben ist […], daß der Mensch seinem eigenen Sein letztlich nicht zustimmt“.[13]

Durch die persönlich empfundene Gnadenlosigkeit und Schwere, aber insbesondere auch durch die Eigenschaft lange anzudauern, kann die Acedia einen Menschen zur Verzweiflung bringen. Auch die Möglichkeit eines Selbstmordes als scheinbare Befreiung aus der inneren Leere und Ausweglosigkeit wird bei Evagrios Pontikos angedeutet und natürlich verworfen.[14]

Ausweg

Um diese innerliche Verflechtung zu lösen, bildet nach Evagrios in Bezug auf die Leidenschaften ein tugendhaftes Verhalten im Denken und Tun die Grundlage, ebenso wie ein anhaltendes Selbst-Gewahrsein. Mit den Worten des Wüstenvaters:

„[Wenn jemand] die wilden Dämonen erfahren und Einsicht in ihre Fertigkeiten bekommen möchte, dann beobachte er seine [verlockenden] Gedanken, ihr Nachlassen, ihre Abhängigkeiten, ihr den Umständen entsprechendes Auftauchen, welcher Dämon was hervorbringt, welcher dem anderen folgt, und welcher nicht darauf folgt. (Pr 50)

Diese Dinge zu wissen ist notwendig, damit wir, wenn die Gedanken beginnen ihre jeweiligen Belange anzuregen, noch bevor wir zu weit aus unserer Gemütsruhe ausgegangen sind, etwas gegen sie vorbringen und uns über den anwesenden Dämon klar sein können. So werden wir mit Gottes Hilfe bereitwillig Fortschritte machen, sie verblüffen und sie zwingen, vor uns zu fliehen. (Pr 43)

Gib dich nicht dem Gedanken des Zorns hin, indem du in deinem Kopf gegen denjenigen streitest, der dich gekränkt hat, noch dem der Unzucht, indem du ständig lustvollen Fantasien nachgehst. Denn der eine verdunkelt die Seele, der andere entfacht in ihr das Feuer der Leidenschaft. Beide aber besudeln den Intellekt. (Pr 23)“


Demnach ist eine sorgfältige Selbstbeobachtung nötig, was heute als Achtsamkeit bezeichnet wird, um sich den innerlichen emotionalen Mechanismen gewahr zu werden. Des Weiteren wird auf die Bedeutung eines „beständigen Ausharrens“ in diesem Gewahrsein hingewiesen. Josef Pieper schreibt darüber: „Die Versuchung zur acedia und zur Verzweiflung wird überwunden einzig durch den wachen Widerstand des aufmerksam eindringenden Blickes.“[15] Die beharrliche und mönchisch ganz auf sich selbst gestellte innere Haltung zur Auflösung des acedischen Knotens beschreibt der Wüstenvater wie folgt:

„Keine Angst vor den Feinden zu haben und willig in den Drangsalen auszuhalten, ist das Werk des Mutes und der Geduld. (Pr 89)

In der Zeit der Versuchung dürfen wir unsere Zelle nicht aufgeben, egal welchen plausiblen Vorwand wir auch immer erfinden; wir sollten in ihr bleiben und beharrlich und tapfer allen Angreifern widerstehen, insbesondere aber dem Dämon des Überdrusses, der uns am meisten bedrückt und die Seele in hohem Maße erprobt macht. (Pr 28)“


Zuletzt weist Evagrios auf die positiven Auswirkungen hin die einen erwarten, nachdem man siegreich aus dem inneren Kampf hervorgegangen ist:

„Diesem Dämon folgt unmittelbar kein anderer mehr. Aber nach ihrem Kampf kommt die Seele in einen friedvollen Zustand, und eine unaussprechliche Freude wird ihr zuteil. (Pr 12)“

https://de.wikipedia.org/wiki/Acedia
Zuletzt geändert von Marsianer am Fr 10. Jun 2022, 10:09, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Agape » Fr 10. Jun 2022, 10:03

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Könnte man eventuell sagen, dass es beim oben zitierten Beispiel der Zügellosigkeit (vielleicht ist es gar nicht so relevant, welcher Art diese wäre?)

Also in der bekannten Gal-Liste zu "Werken des Fleisches" stehen sexuelle Punkte neben anderen. Aber das Thema ist wohl nicht nur heute wieder eines, bei dem bei so manchem die Nerven schnell durchgehen.

Das würde vielleicht darauf hinweisen, dass sich der Bezug des Menschen zu diesem Thema im Verlauf der Zeiten nicht sehr stark verändert hat. Aber weshalb wäre das so? Weil sich dem Menschen hier besonders viel Spielraum für Entscheidungen anbietet - weil in diesem Bereich die Fantasien auf extremste Weise ausgelebt werden können? Und weil etliche Menschen sich zwar nicht getrauen, diese selbst auszuleben, sich aber mehr oder weniger passiv am Ausleben anderer erfreuen oder auch entrüsten - auf irgendeine Weise emotional darin verstrickt sind?

Marsianer hat geschrieben:Vielleicht lenkt dieses für viele heikle Beispiel also teils doch unnötig von der grundsätzlichen Frage ab.

Ja.

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:erstrangig darum ginge, nicht deren Auswirkung zu unterdrücken, sondern eher zu beachten, nicht insgesamt Zügellosigkeit zu mögen?

Ich persönlich habe ja allgemein eher etwas gegen Zügel.

Vielleicht sind Zügel etwas, das gewisse Menschen ersatzweise für innere Festigkeit teils "benötigen", um sich nicht gänzlich in der Finsternis zu verirren?

Marsianer hat geschrieben:Ferne von Gottes Geist, aus welcher solches Wollen eigentlich entspringt. Daß es in dem Menschen diese Lust gibt, zeigt dies an und es empfiehlt sich darauf auch entsprechend zu achten, denn "heroische" Symptomunterdrückung ändert dann ja auch gar nichts daran, daß es eben diese ursächliche Ferne zu Gottes Geist in irgendwelchen Hinsichten im Menschen dann offenbar noch gibt.

Es zu beachten, was in einem überhaupt stattfindet ist auch erstmal recht gut, würde ich sagen. So kann der Mensch sehen, wo er was den eigenen seelischen Zustand betreffend überhaupt wirklich steht.

Hat ein Mensch, der innerlich bereit ist, sich selbst in der Stille zu begegnen, dadurch verstärkt die Möglichkeit, solche ursächlichen Zusammenhänge besser zu erkennen?
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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Fr 10. Jun 2022, 11:04

Agape hat geschrieben:Das würde vielleicht darauf hinweisen, dass sich der Bezug des Menschen zu diesem Thema im Verlauf der Zeiten nicht sehr stark verändert hat. Aber weshalb wäre das so?

Viele Menschen erleben wohl einen zumindest phasenweise starken Sexualtrieb? Aber ich bin da vielleicht kein sehr ergiebiger Ansprechpartner. Soweit ich sehe beharren ja auch sehr viele Erdenmenschen auf ihrer "Geschlechtsidentität". Weltweit unterscheiden sich Kleidungsarten von Mann und Frau. Viele dieser Menschen werden sauer, wenn sie nicht wissen, in welche dieser Schubladen ein Mensch mit dem sie umgehen nun gehört. Das weist ja alles schon auf eine verbreitete sehr tiefgehende Identifizierung mit solchen Merkmalen hin. Wieso? Ich gebe zu, ich verstehe das nicht und u.a. auch nicht, wieso manchen heute "Ihre korrekte geschlechtliche Identität" eine so elementare Rolle einzunehmen scheint, daß sie "Ihren Körper anpassen lassen". Das hat ja alles wohl nicht nur mit Sexualtrieb im engeren Sinne zu tun, sondern mit Identitätserleben als Wesen an sich. So als sei es gar nicht möglich jemand zu sein, wenn jemand sich nicht in eine dieser Rollen geselle. Und ich meine schon, daß das zu größeren Teilen kulturell geprägte Rollen sind neben Unterschieden, die eher biologisch-fleischlich wären und sich daraus ausprägen, unabhängig von kultureller Prägung (wenn vielleicht auch oft dadurch mehr oder weniger unterdrückt).

Darin könnte auch eine Antwort liegen: Viele Menschen sind eben ersteinmal stark geprägt durch die Einflüsse ihres Fleisches?

"Er aber sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, denen es gegeben ist. Denn es sind Verschnittene, die von der Mutter Bauch so geboren wurden und sind Verschnittene, die von den Menschen verschnitten wurden und sind Verschnittene, die um des Reiches der Himmel willen sich selbst verschnitten haben. Wer es fassen kann, der fasse es!" Mt 19,11+12
Vielleicht sind Zügel etwas, das gewisse Menschen ersatzweise für innere Festigkeit teils "benötigen", um sich nicht gänzlich in der Finsternis zu verirren?

Zügel sind ja eigentlich etwas, das von einem anderen Wesen aufgesetzt wird. In einer Art Dressur können dann sozusagen auch immaterielle Zügel vorhanden sein. Pferden werden z.B. Zügel angelegt. aber z.B. nicht Schafen.

"Und hat erlöst den gerechten Lot, dem die zügellosen Leute mit ihrem unzüchtigen Wandel alles Leid angetan" 2. Petr 2,7

"Wer aber auch in keinem Worte fehlt, der ist ein vollkommener Mann und ist imstande, auch den ganzen Leib im Zaum zu halten." Jak 3,2
Hat ein Mensch, der innerlich bereit ist, sich selbst in der Stille zu begegnen, dadurch verstärkt die Möglichkeit, solche ursächlichen Zusammenhänge besser zu erkennen?

Ja, es zieht ihn gewissermaßen dahin. Es wird ihn etwas an der Stille anziehen?

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Sa 11. Jun 2022, 08:17

Sarah hat geschrieben:(245) Um mit Gott zu sprechen, müssen wir beginnen zu schweigen. Ich denke hier auch an die Prediger. Eine Predigt ist keine Ansammlung theologischer Kenntnisse oder exegetischer Informationen. Die Priester sind hier durch den Charakter ihres Amtes in gewisser Weise die geheimnisvollen Werkzeuge des Wortes Gottes. Also ist die Predigt strikt den Männern vorbehalten, die durch die heilige Weihe als Priester oder Diakone eingesetzt worden sind; sie kann nicht an die Laien abgetreten werden, nicht einmal an die fähigsten. Es handelt sich in erster Linie nicht um eine akademische Kompetenz oder um einen Job: "Denn die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis und aus seinem Mund erwartet man Belehrung." (Mal 2,7; Ti 1,7-9; 1 Tim 3,1-13), sagt die Schrift. In einer Predigt ist das Wort keine Unterweisung, es ist das Echo des Wortes des Meisters, der auf den Straßen Galiläas lehrte. Ferner sollen die Priester die Predigten in der Stille des Gebetes und der Betrachtung vorbereiten.

(246) In einer Abhandlung über die Liturgie scheute Kardinal Joseph Ratzinger nicht zu behaupten: "Wenn wir nicht den Stellenwert der Stille verstehen, laufen wir Gefahr, auch das Wort Gottes zu verkennen. Wir müssen also in die Tiefe der Stile eintreten, wo sich das Geheimnis offenbart, das alle menschlichen Worte übersteigt. Dieser Schritt ist von Bedeutung. [...] Vor allem ist Gott die große Stille. Wir müssen die vielen Worte zum Schweigen bringen, um das Göttliche Wort zu finden. Wenn keine Stille herrscht, durch die man in die Tiefe der Worte eindringt, werden die Worte selbst unverständlich. Auch die Liturgie, die Gegenwart des großen Geheimnisses Gottes, muss folglich ein Ort sein, an dem wir die Möglichkeit haben, in die Tiefe unserer Seelen einzudringen."

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » So 12. Jun 2022, 09:55

Ich glaube, dass ein solches Verhalten ein tiefes Unverständnis über die wirklichen Inspirationen des Zweiten Vatikanischen Konzils erkennen läßt. [...] Es wäre an der Zeit, sich vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zur Rechtfertigung unserer Bemühungen um Kreativität heranzuziehen.

(251) Die Absicht von Sacrosanctum concilium war die Teilnahme aller Gläubigen am Mysterium, das in der heiligen Liturgie vergegenwärtigt wird. [...]

(253) Die Stille wirft die Frage nach dem Kern der Liturgie auf. Nun ist letztere aber geheimnisvoll. Mit Recht sprechen die Orientalen von der "Göttlichen Liturgie" und "Heiligen Mysterien". Solange wir uns mit lärmendem Herzen der Liturgie nähern, wird sie einen oberflächlichen und menschlichen Eindruck erwecken. Die liturgische Stille stellt eine radikale und notwendige Forderung; sie ist eine Umkehr des Herzens. Etymologisch heißt Umkehr: sich umwenden, sich Gott zuwenden. Es gibt keine wahre Stille in der Liturgie, wenn wir in unserem Herzen nicht auf Gott hin ausgerichtet sind. Die wahre Stille aber ist das Schweigen unserer Leidenschaften, ein Herz, das von den Trieben des Fleisches gereinigt, von dem all unser Hass und Groll abgewaschen und das auf Gottes Heiligkeit gerichtet ist. Je mehr die Reinheit des Priesters strahlt, desto mehr wird dieser durch seine Vereinigung mit Christus eine "reine, heilige und makellose Opfergabe" und bringt das ganze Volk Gottes dazu, "den neuen Menschen an[zuziehen], der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph 4,23)

(254) Es nützt nichts, die Stille einfach noch mehr zu beschreiben.

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Mo 13. Jun 2022, 06:41

Dies inhaltlich noch fortführend:
Sarah, Herr, bleibe bei uns! Denn es will Abend werden, S. 140 hat geschrieben:[Diat:] Befindet sich die Römische Kurie in einer Krise, weil diese Institution zu menschlich geworden ist?

[Sarah:] Die Kurie muss eine Organisation sein, die die Angelegenheiten Gottes regiert. Sie muss das göttliche Mysterium bekannt machen, um die Menschen zum Heil zu bringen. Die Kurie ist eine geistige, eine göttliche Regierung. Sie ist Gott ganz und gar ergeben, wird von Ihm geleitet und belebt. All ihre Methoden, ihre Kraft und ihre Hilfsmittel können einzig von Gott kommen. Ihre Kraft besteht im demütigen, inständigen und beharrlichen Gebet, das sich ganz nach dem heilgen Willen Gottes richtet. Wenn es in der Kurie keine geistige Dimension gibt, wenn die Prälaten, Priester und Laien, die in ihr arbeiten, nicht Mystiker wie die Apostel und Propheten sind und sich in ihrem Leben und ihrem Alltag nicht an der stillen Gegenwart Gottes nähren, wird diese Institution zu einer rein menschlichen Struktur. Dann hat sie zwar noch ihre Befugnisse, steht jedoch nicht mehr im Dienste Gottes. Karrierismus, Streben nach politischem oder diplomatischem Erfolg und Verweltlichung werden sich dieser Regierung dann bemächtigen. Das Königtum Christi ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36); es ist im Himmel. Es gilt, den Weg der Liebe und des Dienstes zu befolgen, "wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt" (Eph 5,2). Die Christen müssen der Wohlgeruch Gottes sein. Alle Menschen, die zu Gott gehören, die zu Seinem Ruhm und für das Heil der Seelen arbeiten, sollen ein "Wohlgeruch [sein], eine angenehme Opfergabe, die Gott gefällt" (Phil 4,18; vgl. 2 Kor 2,14-15).

Wenn Gott uns als Sein Abbild geschaffen hat und wir für Ihn gemacht sind, wie können wir dann anders, als Gott in unserem Tun und Sein unaufhörlich unseren Leib, unser Herz, unsere ganze Liebesfähigkeit sowie die Reinheit unserer priesterlichen Keuschheit darzubieten? In seinem ersten Brief an die Korinther schreibt der heilige Paulus: "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr. Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dan werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. denn alles gehört euch; Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott." (1 Kor 3,16-23) In der Apostelgeschichte sagt Paulus: "Denn in Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht" (Apg 17,28).

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Fr 17. Jun 2022, 12:05

Einfach nochmal so dazugeworfen.
Jana Dümmler, Magisterarbeit an der Albert-Ludwigs-Uni Freiburg hat geschrieben:Das Jakobsgut wählte ich
als ‚Generalprobe’, v.a. aufgrund seiner Nähe zu Gera, meinem Ausgangspunkt. Hier wurde
ich bereits völlig überrascht, denn statt der erwarteten Gemeinschaft hatten die drei
männlichen Mitglieder beinahe keinen Kontakt zueinander [47] . Durch dieses Erlebnis war ich
noch stärker um Offenheit und Selbstverfremdung bemüht.

https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/ ... E1/content

Na, das war wohl ersteinmal ein Schock an Anfang. ;) Eben deswegen wurde im Jakobgut (nicht Jakobsgut, wie es in der Magisterarbeit anerkennenswert konsequent falsch geschrieben wird) wohl auch kein "Interview" geführt, zumindest wirkt es in der Liste in Anhang F ganz am Ende der Arbeit so. Andererseits:
[47] Das Jakobsgut entsprach nicht allen im Kapitel II.1.1. angeführten Kriterien. Aus diesem Grund wurde das hier
geführte Interview als Sonderfall in der abschließenden Auswertung behandelt..

2006, da müßte schon sehr überlegt werden, welche "3 Männer" zum Zeitpunkt des Aufenthalts wohl gerade dort anwesend waren. Keine Ahnung, mit wem da wieviel gesprochen wurde.
Weitere zwei Gemeinschaften (ÖSL [Ökodorf Sieben Linden] und Olgashof ) bezahlen
Nahrungsmittel und Infrastruktur aus einer gemeinsamen Kasse. Lediglich auf dem
Jakobsgut wirtschaften die Bewohner getrennt voneinander. Solche Vereinbarungen zwingen
die Gemeinschaftsmitglieder dazu, auch über finanzielle Fragen beständig im Austausch
miteinander zu stehen. Sowohl die gemeinsame Küche, als auch die gemeinsame Ökonomie
sind ein immer wiederkehrender Anlass für Konflikte, aber auch für Entwicklung (vgl.
Intervie w mit Ulrike: Z. 228-237).

Hm, was zwingt Gemeinschaftsmitglieder vermeintlich dazu, beständig im Austausch miteinander zu stehen? Individuell zu wirtschaften? Gemeinsam zu wirtschaften? Ließe sich theoretisch wohl so oder so betrachten? Realität im Jakobgut wäre eher soetwas wie "gemeinsames Wirtschaften auf freiwilliger Basis"/"freie Wahl auch mehr oder weniger individuell zu wirtschaften". Das ist auf das Konzept von "Einfachheit" im Jakobgut zurückzuführen, die möglichst wenig aufzwingen möchte, z.B. ja auch keine "gemeinsamen Veranstaltungen" (anderswo haben z.B. gemeinsame Mahlzeiten einen solchen Status).

Marsianer
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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » So 19. Jun 2022, 10:30

Sarah hat geschrieben:(258) Das Gebet ist eine Konversation, ein Zwiegespräch mit dem dreieinigen Gott: Wenn man sich zu bestimmten Zeiten an Gott oder Menschen wendet, schweigt man, um zuzuhören.

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Re: Stille / Leere

Beitragvon Marsianer » Mo 20. Jun 2022, 13:49

Sarah hat geschrieben:(266) [...] Schon im 7. Jahrhundert berichtet Pseudo-Germanus, dass für die Prozession zur Gabenbereitung folgende Regeln galten: "Alle sollen eine geistige Stille wahren und sich an den Türen ihrer Seelen wachen. Indem sie das Kreuzzeichen auf ihre Stirn zeichnen, sollen sie sich vom Lärm der Worte und Laster freihalten. [...] Sie wollen ihre Lippen vor allen banalen Worten bewahren, damit ihre Herzen allein auf Christus gerichtet seien."
Wenn die Opferung nur als Bereitung der Gaben angesehen wird, als praktische und prosaische Geste, dann wird die Versuchung groß, Riten hinzuzufügen und zu erfinden, um das zu überbrücken, was als Leere wahrgenommen wird. [...]

(267) Im negativen Sinn ist die Stille Geräuschlosigkeit. Sie kann äußerlich oder innerlich sein. Die äußere Stille ist das Schweigen der Worte und Handlungen oder anders gesagt: Es fehlt der Lärm der Türen, Fahrzeuge, Schlagbohrer und Flugzeuge, der laute Gebrauch der Kameras, der oft mit Blendung und Blitzen verbunden ist, und es fehlt auch dieser schreckliche Dschungel aus Handys, die während unserer Eucharistiefeiern mit ausgestreckten Armen geschwenkt werden ... Das tugendhafte oder mystische Schweigen muss sich eindeutig von dem missbilligenden Schweigen unterscheiden, der Weigerung, seine Worte an den Gegenüber zu richten, oder der Verschwiegenheit aus Feigheit, Egoismus oder Hartherzigkeit.

(268) Die äußere Stille ist eine asketische Übung zur Kontrolle über den Gebrauch der Worte. Vor allem ist es vielleicht sinnvoll, uns daran zu erinnern, was die Askese ist, dieses Wort, das weit davon entfernt ist, von unserer Konsumgesellschaft in den höchsten Tönen gelobt zu werden. Und zugleich müssen wir zugeben, dass dieses Wort unsere Zeitgenossen erschrickt, sehr oft auch die Christen, die unter dem Einfluss einer weltlichen Grundhaltung leiden.
Die Askese ist ein Mittel, das und hilft, aus unserem Leben all das zu entfernen, was es erschwert, d.h. alles, was unser geistliches Leben beeinträchtigt und ein Hindernis für das Gebet darstellt. Ja, im Gebet teilt und Gott Sein Leben mit und zeigt Seine Gegenwart in unserer Seele, indem Er sie mit den Fluten Seiner dreieinigen Liebe bewässert. Das Gebet ist von seinem Wesen her Stille. Das Geschwätz, diese Neigung, alle Schätze unserer Seele zur Schau zu stellen, ist für das geistliche Leben besonders schädlich. Der Schwätzer, der von dem Bedürfnis fortgerissen wird, alles mitzuteilen, kann nur weit entfernt von Gott, oberflächlich und jeder tiefen geistlichen Handlung unfähig sein. [...] Tatsächlich besitzt die wahre und echte Stille immer der, welcher bereit ist, seinen Platz den anderen zu überlassen, und vor allem dem einen ganz Anderen, nämlich Gott. Der äußere Lärm dagegen charakterisiert den Menschen, der einen zu wichtigen Platz einnimmt, der umherstolzieren und sich zur Schau stellen oder gar seine innere Leere füllen will, wie es in vielen öffentlichen Einrichtungen der Fall ist, an denen betäubender Lärm und Stolz herrschen.


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