Sind "Verstand" und "Herz" Gegensätze?

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Agape
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Sind "Verstand" und "Herz" Gegensätze?

Beitragvon Agape » Fr 17. Jun 2022, 09:29

Wozu haben wir einen Verstand? Kann er uns unter Umständen im Wege stehen - oder haben wir mit ihm lediglich ein Werkzeug an die Hand bekommen, um zum Beispiel Dinge aus verschiedenen Perspektiven heraus zu analysieren? Gibt es Dinge/Situationen, in denen ein solches Analysieren nicht förderlich ist - sogar in die Irre führen kann? Oder ist es in jedem Fall von Bedeutung, Dinge mittels Verstand zu Ende zu denken? Inwiefern ist der Verstand ein Hindernis, wenn es um spirituelle Erkenntnis geht? Wie verhält sich der Verstand im Vergleich zu Intuition? Ist es sinnvoll, mittels Verstand "zu verstehen", wie diese sich üblicherweise zeigt, wann und ob sie "korrekt" ist - oder ob es sich dabei eventuell nur um Trugbilder handelt, bei denen eher eigene Wünsche durchlebt werden?

Was findet sich beispielsweise in der Bibel zum Thema Verstand?

Sprüche 3,5 „Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand.“


Dazu steht unter anderem folgendes geschrieben: https://www.bibelstudium.de/articles/12 ... etzen.html

Oft wird dieser Vers folgendermassen betont: „Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen HERZEN, und stütze dich nicht auf deinen VERSTAND.“ Nicht selten wird damit die Ermahnung verbunden, wie gefährlich es sei, sich nur auf den Verstand zu stützen. Gott wolle vielmehr unsere Zuneigungen, also unser HERZ. Obwohl das natürlich wahr ist, ist das nicht die Belehrung, die dieser Vers geben will.

Er muss vielmehr folgendermassen betont werden: „Vertraue auf DEN HERRN mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf DEINEN Verstand.“ Der Gegensatz ist also nicht der Verstand und das Herz, sondern der Herr und wir. Wir sollen auf den Herrn vertrauen und nicht auf uns selbst. Die Wörter „Herz“ und „Verstand“ sind hier keine Gegensätze, sondern Synonyme, d. h. Wörter mit ähnlicher oder annähernd gleicher Bedeutung. Das Herz ist (nach biblischem Verständnis) nämlich nicht nur der Sitz der Zuneigung, sondern auch der Sitz des Willens, der Entscheidung und der Urteilskraft, d. h. des Verstandes.

Was ist von dieser Auslegung zu halten?
"Schreiben ist der direkte Weg zum Herzen"

Marsianer
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Re: Sind "Verstand" und "Herz" Gegensätze?

Beitragvon Marsianer » Fr 17. Jun 2022, 10:32

Agape hat geschrieben:Wozu haben wir einen Verstand? Kann er uns unter Umständen im Wege stehen - oder haben wir mit ihm lediglich ein Werkzeug an die Hand bekommen, um zum Beispiel Dinge aus verschiedenen Perspektiven heraus zu analysieren?

Die erste Frage wäre wohl wieder, was dieses Ding eigentlich sein soll, das "Verstand" genannt würde.
Gibt es Dinge/Situationen, in denen ein solches Analysieren nicht förderlich ist - sogar in die Irre führen kann?

Analysieren, aha. Ich würde sagen, das wäre ein Punkt, der als zutreffend gesehen werden könnte. etwas wird als analysiert. Was genau? Und was würde dabei vielleicht weniger Berücksichtigung finden?
Oder ist es in jedem Fall von Bedeutung, Dinge mittels Verstand zu Ende zu denken?

Um was zu tun, wäre da wohl die Frage? Wenn einem was egal wäre, dann wäre es demnach wohl wenig von Bedeutung dies was egal wäre genauer zu analysieren.
Inwiefern ist der Verstand ein Hindernis, wenn es um spirituelle Erkenntnis geht?

Gar nicht, nach meinen Begriffen. Aber es gibt ja Leute, die unter "Herz" vielleicht etwas verstehen, das "nur Liebe will" und unter "Verstand" vielleicht auch etwas in der Art. Wie ich es sehe, wäre das aber zumindest ja nicht der biblische Begriff von "Herz". Laut Bibel kann "das Herz" eines Menschen so oder so ausgerichtet sein und entspricht nicht einem bestimmten Geist/Vater.
Wie verhält sich der Verstand im Vergleich zu Intuition?

Ich würde sagen, gar nicht. Eher verhält der Mensch sich zu Intuition oder anderen Eindrücken verschiedenster Art und berücksichtigt sie in Folge dessen mehr oder weniger und demzufolge wäre sein "Verstand" dann ausgerichtet.
Ist es sinnvoll, mittels Verstand "zu verstehen"

Neben dem, was ich eben schon schrieb würde ich "Verstand" für etwas halten, das "der göttlichen Weisheit" entspricht. Agape (übrigens entsprechend "Herz" aus Agape/rein himmlischem Vater) will alles in Liebe (Agape, sich selbst) erstrahlen sehen. In der Auseinandersetzung mit der Agape-Tat nun ergab sich die Frage: Was kann ich tun, um alles in der Liebe erstrahlen zu lassen? Das wäre die "göttliche Weisheit", die sich in dieser Weise aus der handelnden Agape quasi von selbst ergibt.
Was findet sich beispielsweise in der Bibel zum Thema Verstand?

Da mag es Differenzen in den Übersetzungen geben, es wäre also vielleicht eine sinnvolle Frage, um welche Stellen es einem ginge und was da jeweils im Grundtext stehen würde und was das denn so für ein Wort wäre.
Sprüche 3,5 „Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand.“

Naja, die (menschlichen) "Weisheitsbücher" werden sich als jüdisch bezeichnender Tradition als die Teile betrachtet, die am wenigsten inspiriert seien. Der Autor verwendet darin "Verstand" soweit zu erkenen eher wie andere heute "Herz". Dann wohl in einem Sinne, der bezeichnet, wenn ein Mensch sich schwertut "Abweichendes" zu glauben, selbst wenn er es sieht. Oder was er nicht "in fleischlicher Gesinnung" kontrollieren zu können wähnt oder etwas wenigstens nur als "dumpfe. blinde Naturkraft" betrachten kann, mit der er dann eben entsprechend fleischlich-menschlicher Möglichkeiten umgehen müsse?
bibelstudium.de hat geschrieben:Der Gegensatz ist also nicht der Verstand und das Herz, sondern der Herr und wir.

Einverstanden.

Agape
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Re: Sind "Verstand" und "Herz" Gegensätze?

Beitragvon Agape » Fr 17. Jun 2022, 14:40

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Wozu haben wir einen Verstand? Kann er uns unter Umständen im Wege stehen - oder haben wir mit ihm lediglich ein Werkzeug an die Hand bekommen, um zum Beispiel Dinge aus verschiedenen Perspektiven heraus zu analysieren?

Die erste Frage wäre wohl wieder, was dieses Ding eigentlich sein soll, das "Verstand" genannt würde.

Unter anderem interessant wäre vielleicht diese Ansicht: https://blog.neuronation.com/de/verstan ... cht-haben/
Im frühen Mittelalter des 4. und 5. Jahrhunderts nach Christus war Augustinus der einflussreichste Denker und Rhetoriker und ein Mann der Kirche, für den nur Gott die absolute Wahrheit bedeutete. Deshalb unterschied er eine „ratio inferior“, die sich allem Endlichen widmet, und eine „ratio superior“, die das Ewige zu erfassen sucht.

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Gibt es Dinge/Situationen, in denen ein solches Analysieren nicht förderlich ist - sogar in die Irre führen kann?

Analysieren, aha. Ich würde sagen, das wäre ein Punkt, der als zutreffend gesehen werden könnte. etwas wird als analysiert. Was genau?

Das würde sich vermutlich danach richten, welches Individuum diesen Verstand benutzt. Das heisst, was der betreffende Mensch als "analysierenswert" betrachtet.
Und was würde dabei vielleicht weniger Berücksichtigung finden?

Analysieren heisst ja unter anderem, "etwas in seine Bestandteile zu zerlegen". Wenn es nur beim Analysieren bliebe, dann könnte eventuell der Zusammenhang der einzelnen Bestandteile (das Ganze) nicht (mehr) gesehen werden. Bekanntlich sagte ja Aristoteles, "dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei".

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Oder ist es in jedem Fall von Bedeutung, Dinge mittels Verstand zu Ende zu denken?

Um was zu tun, wäre da wohl die Frage? Wenn einem was egal wäre, dann wäre es demnach wohl wenig von Bedeutung dies was egal wäre genauer zu analysieren.

Aus subjektiver Sicht wäre es wohl wenig von Bedeutung. Aber wenn so jemand dazu neigen würde, Dinge zu verallgemeinern - alles "in einen Topf zu werfen", könnte es von Bedeutung sein, eine genauere Analyse vorzunehmen, um zu einer differenzierteren Sichtweise zu gelangen.

Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Ist es sinnvoll, mittels Verstand "zu verstehen"

Neben dem, was ich eben schon schrieb würde ich "Verstand" für etwas halten, das "der göttlichen Weisheit" entspricht. Agape (übrigens entsprechend "Herz" aus Agape/rein himmlischem Vater) will alles in Liebe (Agape, sich selbst) erstrahlen sehen. In der Auseinandersetzung mit der Agape-Tat nun ergab sich die Frage: Was kann ich tun, um alles in der Liebe erstrahlen zu lassen? Das wäre die "göttliche Weisheit", die sich in dieser Weise aus der handelnden Agape quasi von selbst ergibt.

"Verstand" aus dieser Perspektive betrachtet, lässt es meiner Ansicht nach nicht nur sinnvoll sein, mittels Verstand verstehen zu wollen, sondern ich empfinde es geradezu als "verwerflich" (im Sinne von "Lieblosigkeit" gegenüber Gott), es nicht tun zu wollen.
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Marsianer
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Re: Sind "Verstand" und "Herz" Gegensätze?

Beitragvon Marsianer » Fr 17. Jun 2022, 15:06

Agape hat geschrieben:
Im frühen Mittelalter des 4. und 5. Jahrhunderts nach Christus war Augustinus der einflussreichste Denker und Rhetoriker und ein Mann der Kirche, für den nur Gott die absolute Wahrheit bedeutete. Deshalb unterschied er eine „ratio inferior“, die sich allem Endlichen widmet, und eine „ratio superior“, die das Ewige zu erfassen sucht.

Macht eine solche Einordnung Sinn? Je nach betrachtetem Bereich wäre eine andere Art "Verstand" tätig? Dies würde ähnlich sinnvoll sein wie z.B. auch "Hörverstand" von "Tastverstand" zu unterscheiden? In welchen Bereich würde dann wahre Prophetie auch irdischer Ereignisse fallen? Ich würde ja eher das "Woraus" unterscheiden. Aus welchem Eindrücken folgert "Verstand"? Welche berücksichtigt er nicht in seinen Erwägungen?

Ergänzend geschichtlich dazu:
Das Vokabular der Intellektlehre ist bedeutend angewachsen. Während man im Frühmittelalter im wesentlichen mit den Ausdrücken ratio superior oder inferior, intellectus, intelligentia, mens, nous, phronesis und ingenium operierte, unterscheidet man im 13. Jahrhundert zusätzlich eine Vielzahl von verschiedenen Intellekten. So bespricht beispielsweise Albertus Magnus in seinem Traktat De intellectu et intelligibili einen intellectus agens, possibilis, formalis, in effectu, principiorum , adeptus, assimilativus und sanctus.

https://www.philosophie.uni-wuerzburg.d ... lastik.pdf
Analysieren heisst ja unter anderem, "etwas in seine Bestandteile zu zerlegen". Wenn es nur beim Analysieren bliebe, dann könnte eventuell der Zusammenhang der einzelnen Bestandteile (das Ganze) nicht (mehr) gesehen werden. Bekanntlich sagte ja Aristoteles, "dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei".

Das mag so sein, wenn z.B. ein moderner "Wissenschaftler" etwas zerschnippselt, um zu betrachten was sich dadurch alles hervorbringen ließe. Es muß nicht auf jede Art der Betrachtung und darauf aufbauende Analyse so zutreffen.
Marsianer hat geschrieben:
Agape hat geschrieben:Oder ist es in jedem Fall von Bedeutung, Dinge mittels Verstand zu Ende zu denken?

Um was zu tun, wäre da wohl die Frage? Wenn einem was egal wäre, dann wäre es demnach wohl wenig von Bedeutung dies was egal wäre genauer zu analysieren.

Aus subjektiver Sicht wäre es wohl wenig von Bedeutung.

Das halte ich für ausschlaggebend. Was motiviert ein Wesen zu einer Analyse? Was hält es für interessant (und was nicht), was treibt es dabei an?


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