OADIEN

Ein maximal zensurfreies Gesprächsangebot im Rahmen oadischer Entwicklungszusammenarbeit: Zufriedenwerden, Yoga, Xenographie, Wissenschaft(skritik), Verstehenlernen, Umweltschutz, Träume, Spiritualität, Religion, Quantenwelt, Permakultur, Oadischsein, Nachrichten, Minimalismus, Liebeleben, Konsumsekte, Jesus, Inspiration, Heimat, Gott, Freidenker, Esoterik, Denken, Christenheit, Buddhismus, Aussteigen
Agape
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OADIEN

Beitragvon Agape » Fr 14. Aug 2020, 14:04

Gemäss Aussagen von Dingens vom Jakobgut, einem langjährigen Bewohner des Jakobguts (im später folgenden Interview wird er noch differenzierter darauf eingehen), unterscheiden sich „oadische Sitten“ nicht grundsätzlich von denen in Deutschland. Das Leben wird an sich wohl ernster genommen, man beschäftigt sich mehr in einer Weise miteinander, die höhere Massstäbe an ein Zusammensein anlegt, als es Deutsche normalerweise tun. Aus oadischer Sicht leben Deutsche oft in menschlich äusserst prekären Umständen, wobei sie an diesen festhalten, da sie von der sogenannten „Konsumsekte“ massgeblich beeinflusst werden.
Die innere Prioritätensetzung eines Oadiers beruht auf „innerer Lebendigkeit“, was nichts mit äusserem Aktionismus zu tun hat. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Spüren, was dieser geistigen Lebendigkeit dient. Auch in „echten“ Freundschaften ginge es darum, innere Lebendigkeit und Freiheit gemeinsam miteinander leben zu können.
Das Thema “Zufriedenheit“ spielt im Leben eines Oadiers eine zentrale Rolle und ist üblicherweise sein erstes Ziel. Die Fähigkeit des „Zufriedenseins“ könnte jedoch von jedermann erlernt werden. Zum Zufriedenwerden gehört zum Beispiel, sich von Abhängigkeiten zu lösen. Wer nichts benötigt, um zufrieden zu sein, der hat gelernt, wirklich zufrieden zu sein. Im Gegensatz dazu sind Anhänger der Konsumsekte der Ansicht, dass oben genanntes etwas mit „Verlierersein“ zu tun hätte, und werden dadurch manipulierbar, um entsprechend zweckdienlich tätig zu sein.

Velvet, auch Du bist offenbar eine oadische Seele auf dem Weg nach Hause.
Was denkst Du über Freundschaft?
Velvet: Eine Freundschaft definiere ich zum Beispiel durch gegenseitiges Verständnis, füreinander da sein und sich gegenseitig Freude zu bereiten, offen aber liebevoll miteinander umzugehen und die Fähigkeit, eventuell vorhandenen Schmerz im Anderen mindern zu wollen und auch zu können.
Ja, da empfinde ich gleich wie Du. Ein wichtiger Faktor ist mir auch die „Freiheit“, eigene Freiheit und das Zugestehen der Freiheit des anderen. Keine Besitzansprüche zu stellen, keine oberflächlichen Ratschläge zu geben, nur um den anderen und sich selbst zufrieden zu stellen. Dem anderen das Recht zuzugestehen, Fehler zu machen, seinen eigenen Weg zu gehen und dies auch aushalten zu können. Denn jede Seele macht hier ihre Erfahrungen, davor darf sie nicht aus „eigennützigen“ Gründen anderer bewahrt werden.
Velvet: Ja, darin stimme ich zu.

Ich denke, dass eine oadische Freundschaft nicht darauf abzielt, sich gegenseitig zu bestätigen oder für eigene Ziele auszunützen.
Velvet: Okay. Sowas ist ja heutzutage sehr selten.
Man will sich als Freunde echt begegnen und zusammen entspannt und zufrieden sein. Und dieses „Zufriedensein“ misst sich nicht an Besitz oder äusseren Begehrlichkeiten, sondern die innere Lebendigkeit steht dabei im Vordergrund.
Velvet: Woran „misst“ ein Oadier, ob jemand zu echter Freundschaft fähig ist?
Es ist eher ein intuitives Spüren einer gleichen Lebensausrichtung gemäss innerer Werte, innerer Zufriedenheit, innerer Lebendigkeit, den anderen in seinem Sein „ernst“ zu nehmen und mit ihm entspannt zusammen sein zu mögen.
Velvet: Erfolgt dieses intuitiv während eines direkten Austausches in Form von Worten oder Gesprächsinhalten, die auf das Gegenüber wirken oder ist diese Intuition unabhängig von den besprochenen Inhalten?
Ich denke, dass in einer Begegnung (muss nicht körperlich sein) intuitiv gespürt wird, wie der Seelenzustand des Gegenübers beschaffen ist. Und dann wird vielleicht danach geforscht, entsprechend hinterfragt und die Reaktion des Gegenübers verstärkt und bestätigt dann dieses intuitive Spüren. Begegnen sich zwei Seelen gleichen Geistes, dann ist die Verbundenheit sofort da und es kann auf einer Ebene aufgebaut werden, die sonst nicht betreten werden kann.
Der Oadier sieht, wie unglücklich zum Teil die Menschen sind und wie sie trotzdem an ihrem Unglücklich sein festhalten. Das kann er nicht verstehen, es macht ihn traurig und er fühlt sich nicht verstanden in seinen Absichten, in seinem Streben nach Zufriedenheit und Einfachheit.
Velvet: Muss ein Mensch erst von „weltlichen Problemen“ befreit sein, damit eine Art von Freundschaft aus oadischer Sicht möglich ist?
Weltliche Probleme gibt es wohl immer. Aber massgebend dürfte sein, welche Priorität man ihnen zumisst. Haben sie die Macht, inneres Zufriedensein zu verhindern? Beeinträchtigen sie dauerhaft das eigene Wohlbefinden?
Velvet: Okay :)
Ein Oadier neigt zum Beispiel dazu, einem Menschen beizustehen, wenn er bei diesem Unzufriedenheit wahrnimmt. Er behält diese Unzufriedenheit nahezu immer in seinem Fokus, wobei das vom anderen im Kontakt meistens kaum bemerkt wird, weil es für ihn gar nicht denkbar ist.
Velvet: Er spürt es also intuitiv und das wirkt sich sozusagen "störend" auf ihn selbst aus, also in dem Sinne, dass er das als vordergründig wahrnimmt. Kann man das so sagen?
Ja, das könnte man sicher so sagen. Wobei das „störend“ sich nicht in dem Sinne auswirkt, dass er es wegschiebt, sondern dass es seine Agape-Liebe aktiviert und er dem anderen beistehen will. Nimmt er dann Abwehr wahr, fühlt er sich „nicht verstanden“.

Denkgrundlagen in der oadischen Kultur (Zitate http://oadien.de/)

• Gemeinschaftsleben = Einander ergänzen und zusammen wachsen
• Stabilität = Einander Raum und Ruhe lassen; als Selbst Gemeinschaft suchen, statt Gemeinschaft suchen, um nicht selbst sein zu müssen
• Selbstversorgung = Bedürfnisse stillen können, ohne sich ausliefern zu müssen
• Minimalismus = Befreiung von inneren Bedürfnisabhängigkeiten, Platz machen für Lebendigkeit

Velvet, was fällt Dir zu diesen Denkgrundlagen ein?

Velvet: Die Punkte zu Gemeinschaftsleben und Stabilität klingen für mich optimal.

Gemeinschaftsleben = Einander ergänzen und zusammen wachsen:
Ja, es ist ein Irrtum zu meinen, sich einander angleichen zu müssen. Sich selbst zu sein ist wie ein Mosaiksteinchen im ganzen Mosaik. Was wäre das Ganze, wenn der kleine Teil fehlen würde? Jeder hat einen ganz besonderen Platz in der Gemeinschaft und es geht darum, diesen Platz für sich zu finden und auszufüllen.

Velvet: Ich glaube, dass es wenig Orte gibt, die so ausgerichtet sind, wie zum Beispiel im Jakobgut. Eher herrscht ja anderswo der übliche Anpassungsdruck und Gruppendynamiken vor.


Stabilität = Einander Raum und Ruhe lassen; als Selbst Gemeinschaft suchen, statt Gemeinschaft suchen um nicht selbst sein zu müssen:
Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt und ich glaube, dass genau daran viele Menschen scheitern. Die Erfahrung, alleine sein zu können, ist die Grundlage für eine stabile Gemeinschaft.

Velvet: Ja, darin kann ich zustimmen.


Selbstversorgung = Bedürfnisse stillen können ohne sich ausliefern zu müssen:
Velvet: Da frage ich mich zunächst, in welchem Maße die Selbstversorgung angestrebt wird. Hundertprozentige Selbstversorgung stelle ich mir schwierig vor. Oder ist eher damit gemeint, sich möglichst selbst zu versorgen - so wie es eben geht und seinen Konsum kritisch zu hinterfragen?

Ich denke, dass es in erster Linie darum geht, unabhängig zu werden und zu lernen, selbst für sich zu sorgen – und zwar auf allen Ebenen. Die materielle Ebene ist wahrscheinlich noch am ehesten zu bewerkstelligen, vor allem dann, wenn man in der Lage ist, sich seelisch und geistig unabhängig zu fühlen.

Minimalismus = Befreiung von inneren Bedürfnisabhängigkeiten:
Velvet: Bei diesem Punkt frage ich mich, ob Menschen vom Jakobgut dabei begleitet werden, sich allmählich davon zu befreien oder ob nur jemand dort leben kann, der schon sehr gefestigt ist - ähnlich wie Nonnen und Mönche?

Vielleicht liege ich falsch, aber bis jetzt habe ich eher nicht den Eindruck bekommen, dass Bewohner begleitet werden. Vielleicht haben sie in der Schriftkommunikation Gelegenheit, sich dazu zu äussern. Jedoch sähe ich für einen potentiellen Bewohner einen grossen Vorteil, wenn er darin schon gefestigt wäre – oder jedenfalls das Bewusstsein dafür entwickelt hat, dass diesbezüglich für ihn noch Aufgaben zu lösen wären. Was ich bisher mitbekommen habe ist, dass Bewohner dazu neigen, eine Vorwurfshaltung einzunehmen und in die Offensive zu gehen.

Velvet: Ich glaube auch, dass ein künftiger Bewohner bereits ziemlich gefestigt sein sollte. Jedoch kann man das Alleinsein allgemein auch "üben".

Platz machen für Lebendigkeit:
Velvet: Damit ist bestimmt die innere Lebendigkeit gemeint, die sich einstellt, wenn man nicht mehr falschen Idealzuständen hinterherstrebt (etwa Statussymbole, übertriebenen Wert auf sein Äußeres legt, nach Bestätigungen sucht), sondern den anderen in seiner wahren Natur begegnet?
Ja, so sehe ich es auch. Es geht darum, immer mehr Liebe für Geistiges zu entwickeln und irdische Abhängigkeiten hinter sich zu lassen.

„Es sind die Haltungen zu diesen Themen, die Oadien ausmachen. Sie beruhen auf einem Lebensgefühl, auf einer Art des menschlichen Wollens. Es ist innerlich im Menschen schon etwas vorhanden, was sich nach Gleichem sehnt“:
Hiermit ist vielleicht gemeint, dass oadische Kultur nicht „gelernt“ werden kann. Sie ist im Inneren schon bereits da und strebt danach, Gleiches oder Ähnliches zu finden, um sich im selben Lebensgefühl miteinander auszutauschen und sich dabei tief zu begegnen. Es sind gleiche oder ähnliche Haltungen und Vorstellungen von einem „guten Leben“ vorhanden, wenn Oadier zusammen sind.

Ich selbst kenne diese Sehnsucht nach „Gleichem“ auch. Früher habe ich oft gedacht, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort sei – dies hat sich in letzter Zeit völlig gelegt, seitdem ich oadischer Kultur begegnet bin, noch bevor ich wusste, wie sich diese Kultur nennt. Ich fühlte mich sofort intuitiv zu Hause und erkannte mich darin sehr gut.
Velvet: Bei mir ist es so, dass ich schon viele Orte (im Sinne von Gemeinschaften) und Menschen kennengelernt habe, mit der Zeit aber merkte, dass deren Worte und Taten sich erheblich unterschieden oder gar widersprachen. In Bezug auf Oadien habe ich nicht das Gefühl, dass es einfach nur Worte sind, sondern dass die Werte auch tatsächlich authentisch gelebt werden.

„Was gehört zu mir und was nicht“?
Ja, ich spüre ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer „Seelenfamilie“, die auf dem Weg nach Hause ist – so wie ich es im ersten Teil meines Blogs beschrieben hatte. Ich nehme diese Seelenfamilie wahr und es hat sehr viel mit meiner Beziehung zu Jesus zu tun – das kann ich gut fühlen.
Velvet: Mit Jesus als Person, sowie mit der Bibel habe ich mich bisher weniger beschäftigt. Ich erkenne aber bestimmte Werte als wertvoll an.


„Sehnsucht nach tiefer seelischer Begegnung“:
Diese Sehnsucht begleitet mich schon, seit ich zurückdenken kann. Ich wusste früher nur nicht, was es damit auf sich hat. Jetzt beginne ich zu verstehen, weshalb das so ist, wie es ist.
Velvet: Mir würde einfach schon seelische Begegnung reichen. Die meisten Menschen, die ich bisher kennenlernte sind extrem auf die Außenwelt und damit verbundenen Konventionen fixiert. Da ist kaum echte Begegnung möglich. Wenn, dann ist diese nur so flüchtig wie ein Windzug.

„Himmlische Seligkeit ist Liebe, Weisheit und nützliche Tätigkeit zugleich. Nützlich in uneigennütziger Liebe werden“:
Ich finde diesen Ansatz der „tätigen Liebe“ sehr schön und fühle mich mehr darin zu Hause als in Weltanschauungen, wo es mehr um „passives Lieben“ geht.
Velvet: Dies ähnelt auch bestimmten buddhistischen Ansichten. Es werden dort einfach nur andere Worte für das Gleiche benutzt. Jedoch gibt es im Buddhismus verschiedene Strömungen. Thich Nhat Hanh beschreibt zum Beispiel so etwas Ähnliches in anderen Worten. (Damit meine ich aber nicht, dass der Buddhismus besser wäre.) Es gibt jedoch nur wenige Menschen, die in ihrem Handeln authentisch sind. Das ist auch bei Buddhisten so.

„Müssiggang ist ein Leben, in welchem ein Mensch nicht liebend und ihn beseligend auslebt, was dementsprechend in ihm veranlagt ist“:
Es hat nichts damit zu tun, dass man den ganzen Tag in Aktivität verfallen soll. Es geht hier wieder um eine innere Qualität. Was habe ich für Gaben und wie kann ich diese so einsetzen, dass sie meinen Nächsten zugutekommt. Was macht mir Freude? Was liebe ich zu tun?
Velvet: Ja, das verstehe ich.
Die Denkgrundlagen von Oadien wirken auf mich verstandesmäßig und auch aus dem Herzen heraus richtig und wahr.
Fühlst Du Dich darin auch wie „zu Hause“? Erkennst Du darin auch etwas, was schon immer in Dir geschlummert hat und nun immer mehr ans Tageslicht treten will?
Velvet: Ja, so fühle ich es auch.


„Wer nur den eigenen Nutzen sucht, der strebt nicht danach, anderen Menschen zu begegnen. Er sehnt sich nach anderem, das ihn nicht selig macht, sondern ihn dem Toten, dem Unvollkommenen hinterherjagen läßt, obwohl es in seiner Nähe Menschen gibt, die seines sinnvoll ausgerichteten Mittuns bedürften“.
Hier ist die bestimmt die Rede von Agape-Liebe, wo es darum geht, sich auch für andere Menschen Vollkommenheit zu wünschen und etwas dafür zu tun, damit dies möglich wird. Wenn in der Begegnung mit anderen Menschen Unvollkommenheit wahrgenommen wird, fühlt sich der Oadier in seiner Agape-Liebe dazu berufen, den Menschen beizustehen.


Interview mit Dingens vom Jakobgut (langjähriger Bewohner des Jakobgutes)

Velvet: Ich frage mich, ob Oadien geschichtliche Hintergründe hat. So wie ich es mitbekommen habe, sind da schon auch geschichtliche Hintergründe. Wenn man aber Oadien in eine Suchmaschine eingibt, findet man keine Hintergründe.

DJ: Dem aktuellen Versuch, so etwas wie ein zunächst ganz kleines, oadisches Gebiet sozusagen wiederzugründen, liegt vor allem die oadische Kultur in ihrer Bedeutung für den einzelnen Menschen als Zentrum zugrunde. Es ist recht unerheblich, ob jemand glaubt, daß es früher oadische Gebiete gab.



„Oadien verstand sich von Beginn an unter anderem als christlich. Das hat immer wieder zu Irritationen geführt, weil viele Christen deutlich anders an ihren als christlich verstandenen Glauben herangehen. Christen waren im Kontakt irritiert wegen der Offenheit gegenüber Bewohnern mit abweichenden Überzeugungen. Nichtchristen waren skeptisch, weil sie Christen in christlichen Gemeinschaften oft als eingefahren und aufdringlich erlebten.“


Wie würdest Du den Unterschied zwischen „oadischen“ Christen und „nicht-oadischen“ Christen definieren, ausser der schon oben erwähnten offeneren Haltung gegenüber abweichenden Überzeugungen?

DJ: Mir wurde im Zusammenhang mit diesem neuen Interview auch bereits eine Einleitung gezeigt, ich bin gedanklich gerade noch ein wenig bei einer Passage aus dieser:

Gemäss Aussagen von Dingens vom Jakobgut, einem langjährigen Bewohner des Jakobgutes, unterscheiden sich „oadische Sitten“ nicht grundsätzlich von denen in Deutschland.

Das ist nicht falsch, könnte aber auch falsch verstanden werden. Es hängt ja erst einmal davon ab, wo Menschen überhaupt hinschauen. Und darin kann schon ein grundsätzlicher Sittenunterschied bestehen. Ich würde sagen es gibt so einige ziemlich grundsätzliche Unterschiede, genau daher ist z.B. für Deutsche oft erfahrungsgemäß auch wie ebenfalls in der Einleitung richtig erwähnt sehr schwer zu erfassen was oadische Kultur ausmacht. Das ist tragisch, da der Versuch einer Vermittlung oadischer Kultur offenbar eine große Herausforderung ist und ich eigentlich glauben will, daß es möglich ist sie bei Interesse zu vermitteln, so wie Zufriedenheit eine menschliche Fähigkeit ist, die aus oadischem Weltverständnis prinzipiell von jedem erlernt werden können sollte.

Das Leben wird an sich wohl ernster genommen,

Wenn ein Deutscher vom Ernst des Lebens sprechen würde, würde er glaube ich etwas ganz anderes meinen. ;)

man beschäftigt sich mehr in einer Weise miteinander, die höhere Massstäbe an ein Zusammensein anlegt, als es Deutsche normalerweise tun.

Aber nicht auf eine krampfige durch mittels Konformitätsbedürfnis oberflächlich verinnerlichter Normen angetriebene Weise. "Hohe Maßstäbe" wirkt auf Deutsche vielleicht wie "großer Leistungsdruck". Das wäre ein totales Mißverständnis und das ganze Gegenteil wäre eigentlich der Fall.

Nun zur Frage an dieser Stelle:

"Oadien verstand sich von Beginn an unter anderem als christlich."

Das bezieht sich auf das konkrete heutige Oadien-Projekt auf dem Jakobgut, nicht auf heutige überall verstreut lebende Oadier an sich. Die oadische Kultur geht ja in der Zeit weiter zurück als das Christentum. Aber viele Oadier wurden früh und freiwillig Christen und fielen doch wieder durch die Raster des politisch gelenkten Christentums der ausgehenden Antike.

Viele Christen entstammen heute derartigen Organisationstraditionen, aber in den letzten Jahrhunderten hatten Reformbewegungen auch große Auswirkungen auf das europäische Christentum, der Art wie es gelebt wird, wie es von Menschen verstanden wird, die sich selbst als Christen bezeichnen.

Ich will da gar nicht zu stark pauschalisieren was "nicht-oadische Christen" angeht. Das gibt es ja auch sonst noch riesige Unterschiede. Was die Erfahrungen auf dem Jakobgut angeht sind die natürlich davon geprägt, was Deutsche als "christlich" begreifen. Es gibt da viele Klischees die heute von Nichtchristen teils sehr eifrig gepflegt werden. Und zu nicht sehr geringen Teilen finden diese auch nicht selten ihre Entsprechung in tatsächlich verbreiteten Haltungen und Verhaltensweisen von anderen Deutschen, die sich als "christlich" verstehen.

Es ist vielleicht etwas "frech", aber oft habe ich den Eindruck, daß die Glaubenssubstanz bei deutschen Christen sehr wenig fundiert ist, das Christentum eigentlich gar nicht verstanden wird. Auch wenn man als kleinsten gemeinsamen Nenner den Bibelkanon heranziehen würde, den diese Deutschen jeweils selbst verwenden. Wenn das Wissen eines deutschen Christen, "Pastors" etwas umfangreicher ist, dann oft auf eine intellektuelle Weise, in der Art von Buchwissen meist stark selektiv geprägt durch die Ansichten irgendwelcher Lehrer oder Deutungsschulen.

Oadier, und bei einer derartigen Pauschalisierung ist mir etwas unwohl, gehen wohl oft schon mehr von der Seite der "Frucht des Geistes" an das Christentum heran, an der man die tatsächlichen Christen laut Jesus im "Neuem Testament" erkennen soll. So etwas wie einen tatsächlich ganz konkret auf sie als Individuum wirkenden Gottgeist anzunehmen ist vielen deutschen "Christen" offenbar sehr fern. Dagegen vertreten sie Christentum überwiegend wie einen moralischen Leitfaden, so wie es viele moralische Leitfäden unter den Menschen gibt. Ob sie jemals wirklich in Ruhe das "Neue Testament" gelesen haben? Mir ist die Häufigkeit, in der sie so etwas vertreten im Grunde völlig unverständlich.

Das könnte eine erste Annäherung an eine Antwort zu dieser Frage sein. Auch das ist wieder ein vielschichtiges Thema.

"Wer nicht agape-liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Agape"
1. Joh 4,8
„Der Gott der Bibel ist also Agape. Das ist altgriechisch und bedeutet so viel wie "altruistische Liebe". Der Mensch kann sich verschiedenen Geistern öffnen, die in ihm bestimmte Verhaltensweisen bewirken. Er kann sich nicht keinem Geist öffnen. Agape ist wesenhafte Wirkung des Gottgeistes im Menschen. Ein Mensch, der altruistisch liebt, ist mit dem Gottgeist vereint, egal, was er mit seinem Verstand für wahr hält„.

Demnach kann ein Mensch, der verstandesmässig nicht an Gott glaubt, trotzdem mit dem Gottgeist vereint sein, indem er altruistisch (Agape) liebt. Seine Seele hat Agape-Liebe womöglich schon in ihre Verkörperung mitgebracht Wäre es denn theoretisch denkbar, dass dieser Mensch im Verlauf seiner irdischen Existenz aufgrund seiner atheistischen Gesinnung sich innerlich wieder mehr von Gott entfernt, das heisst, anderen Geistes wird?

DJ: Denkbar ist es. Wenn jemand wirklich Agape liebt und die Vorstellung von Göttern verstandesmäßig ablehnt, dann kann er nach meinem Verständnis der Dinge dennoch bereits auf wesenhafter Weise Kontakt, eine Beziehung zu Jesus Christus haben. Nur der Gedanke liegt in ihm möglicherweise fern, z.B. weil er "Jesus Christus" mit Erfahrungen in Verbindung bringt, die er mit Menschen machte, die sich ihm als Christen vorstellten, aber dem himmlischen Vater innerlich fern waren. Viele Menschen, die sich als Christen verstehen legen viel Wert darauf, daß quasi der Zugang zu Jesus Christus stark an diesen Namen geknüpft sei. Dennoch steht in der Bibel eindeutig, daß Christen an ihrer Frucht erkannt werden sollen, nicht an dem was sie sozusagen mit ihren Lippen bekennen.


„Ein bekennender Atheist, der aus diesem Geist lebt, der hat Gott wesenhaft in sich, ist aus ihm geboren, wenn er sich dessen auch nicht bewußt ist. Ein bewußt bekennender Christ, der diese Frucht nicht aus seinem inneren Wollen hervorbringt, der kann Gott in Jesus zwar bleibend greifen, hat ihn bisher aber nicht tatsächlich ergriffen und ist nicht aus Gott geboren. Im Atheisten keimt der Same, im Christen blieb er ungeweckt“.

Was wären mögliche Gründe dafür, dass ein bekennender Christ Gottes Geist nicht mit seiner ganzen Liebe ergreifen kann?
Wenn dieser bekennende Christ im Verlauf Gott mehr lieben würde als zuvor, könnte dann auch der Same in ihm geweckt werden?

DJ: Im Grunde ist das "Neue Testament" voll von Erwähnungen solcher Christen, die irgendwie "steckenblieben", von Beschreibungen dieser Probleme.

Wenn es im Christen eine solche Entwicklung gäbe, dann wäre es letztlich im Rahmen, würde ich sagen. Oft geht es darum von "anderen Herren" wirklich auf geistiger Ebene zu lassen. Das ist ganz leicht. Aber fast kein Deutscher versteht anscheinend, worum es dabei wirklich gehen würde. Viele versuchen mit menschlicher Disziplin so etwas teils umzusetzen und verfehlen die Ebene auf der die Erlösung durch Jesus Christus eigentlich stattfinden würde, wenn ein Mensch sie auch geistig tatsächlich nutzen wollte.


„Wenn der Gottgeist in einem Menschen maßgeblich wirkt, dann wird im Tun des Menschen die entsprechende Frucht sichtbar, die in der Bibel wie folgt beschrieben wird:
• Agape
• Freude
• Frieden
• Langmut
• Freundlichkeit
• Gütigkeit
• Treue
• Sanftmut
• Enthaltsamkeit“
„Die Beschreibung der Frucht bezieht sich auf Handlungen, die ein Mensch aus seinem Inneren tut, weil er sie tun möchte. Menschen, in denen Gott wirkt, erkennt man also nicht an Lippenbekenntnissen oder äußeren Symbolen, sondern am Vorhandensein der Frucht und der Abwesenheit der Werke des Fleisches“.

Wenn ich es richtig verstanden habe, bedeutet die Vereinigung mit dem Gottgeist, dass Agape-Liebe im Inneren eines Menschen wirkt - und die Frucht dieses Wirkens ergibt sich dann aus den entsprechenden Handlungen?

DJ: Genau genommen würde ich Agapeliebe für eine Wirkung des Nichtgetrenntseins vom Gottgeist halten. Diese Wirkung zeigt sich auch in konkretem Tun, denn dieser Mensch will dann Agapeliebe leben, so wie andere Menschen leidenschaftlich irdischen Schätzen nachjagen. Es geht dann nicht um etwas, das der Mensch aus irgendeinem Pflichtgefühl tut oder weil man es ihm so beigebracht hat. Diese aus dem Gottgeist herrührende Agapeliebe wurzelt tiefer, sie zu leben bereitet dem Menschen Freude, so wie andere sich über einen gefundenen Goldschatz freuen.

"Vereinigung mit" würde in diesem Zusammenhang auch nicht, daß da nur etwas in der geistigen Lebenswelt eines Menschen etwas dazukommen würde. Wie oben schon aufgegriffen worden war lebt jeder Mensch aus Geist, will aus der Vereinigung mit dem einen oder anderen Geist so wie er eben scheinbar selbst als Mensch will.

Jetzt erkläre ich mein Verständnis des Christentums, ob das oadische Kultur verständlicher macht? Das ist ja schon auch in vielen Bereichen zweierlei, würde ich sagen. Oadien ist beileibe keine Chiffre für irgendeinen Ansatz das Christentum zu erklären. Andererseits gibt es für die Nähe vieler Oadier zum Christentum durchaus auch Gründe, die in der oadischen Kultur gefunden werden können. :)


Als Werke des Fleisches nennt die Bibel:
• Gruppe 1: Hurerei (altgriechisch: Porneia), Unreinigkeit/Unzucht, Ausschweifung (häufig im thematischen Zusammenhang des Sexuallebens gedeutet; gegen eine allgemeinere äußerliche Auslegung von "Unreinheit" steht wohl Mt 15,19f)
• Gruppe 2: Götzendienst, Pharmazie (altgriechisch: pharmakeia) (alleine auf Gott vertrauen, Rettung nicht bei der Welt suchen)
• Gruppe 3: Feindschaft, Streit/Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Parteisucht/Spaltungen, Neid, Totschlag (Mangel an Agape, Liebe zu Weltlichem)
• Gruppe 4: Trunkenheit, Gelage (Schwelgen in Exzeß durch weltlichen Konsum und dessen Rauschwirkungen)

„Diese Beschreibung der positiv betrachteten Frucht des Geistes und den negativ eingeordneten Werken des Fleisches entspricht oadischen Wertvorstellungen. Einschließlich der Haltung, erkennbare Werke des Fleisches in Menschen als geistiges Problem zu betrachten“.

Velvet: Bezüglich des Stichwortes Pharmazie: Sollte man als Oadier bei Krankheit oder Unfall eher keinen Arzt aufsuchen?
DJ: Bei Interesse diesem Randthema würde ich dem Leser eher empfehlen, erst einmal die ganze Seite auf der Oadien-Homepage dazu zu lesen und so erst einmal die Grundlagen des Kontexts zu erfassen. Und eigentlich steht auch die Antwort auf die Frage in diesem Text. Auch zu diesem Interviewteil wurde mir ein vorangestellter Einleitungstext mitgeschickt. Dazu möchte ich noch anmerken, daß laut Bibel "Krankheit" kein Werk des Fleisches ist. Pharmakeia aber schon, also um die Frage, wo man Heilung sucht, wem der Mensch vertraut, wirklich nahe ist. Hiob war z.B. auch zeitweise "schwer krank".
Und wird Krankheit als Strafe für Sünde betrachtet? (Wenn ja, eher als tatsächliche Bestrafung oder als Ursache-Wirkungsprinzip?)
DJ: "Krankheit" ist heute erst einmal vor allem ein menschlicher Begriff. "Kluge" Menschen entscheiden, was an manchen Menschen als "krank" zu gelten habe, was also nach dem Verständnis dieser Menschen besser weg wäre. Veränderungen, die ein Mensch an sich selbst vorübergehend als lästig erlebt, können laut Bibel auf Sünde zurückgehen und meist wird laut meinem Verständnis sie, also Ferne vom himmlischen Vater, dabei auf irgendeine Weise auch eine Rolle spielen. Sie dient Zwecken, soll letztlich Gutes bewirken. Nicht für die irdische Existenz, sondern für die seelische. Sie als Strafe zu verstehen, verfehlt die eigentlichen Zusammenhänge wohl, wenn man sich darunter etwas versteht, das z.B. aus irgendwelchen Rachegelüsten getan würde, weil einem Wesen Schlechtes gewünscht würde. "Krankheit" kann laut Bibel viele Hintergründe haben. Ursache-Wirkung kommt in manchen Fällen hin. In anderen Fällen geht es mehr um "Veredelung". Manches, was Menschen einer kranken Gesellschaft als "krank" betrachten, dürfte eigentlich auch eher das Gegenteil sein. Visionen zu erleben kann z.B. von Menschen als "krank" eingeordnet werden. Manche Figuren der Bibel werden heute von manchen Anhängern pharmazeutischer Lehren, also Lehren wie z.B. solche, nach denen der Mensch eine Art biologischer Maschine sei, die manchmal mit Pharmazie repariert werden müsse, mit psychiatrischen Diagnosen identifiziert.

Inwiefern geht es beim schriftlichen Kennenlernen eines Interessenten hinsichtlich Wohnen im Jakobgut auch um das Erfassen von geistigen Problemen als Folge von „Werken des Fleisches“?

DJ: Das Jakobgut hat für sich stehende Kriterien, Schlußfolgerungen aus zurückliegenden wiederholt vorgekommenen Erfahrungen erstellt, die auf der Homepage nachlesbar sind. Diese spielen dann eine entsprechende Rolle. Wir fragen im Kennenlernen aber keine Checklisten ab und wenn jemand zu mauern scheint z.B. um bloß nichts Falsches zu sagen, dann tut derjenige sich wohl in keinem Fallen einen Gefallen.

Ausschlaggebend ist hier auch nicht irgendein Grad bereits vorhandener "Perfektion", sondern das Teilen der ganz grundlegenden Ausrichtung des Jakobguts. Es geht also um ein "Ja, das finde ich als Ziel auch echt gut.", nicht so sehr ein "Ja, da bin ich schon.“ Es geht darum sich einig zu sein, wohin die gemeinsame Reise gehen soll. Natürlich haben wir auch nichts gegen auch außerhalb der eigenen Selbstwahrnehmung perfekte Interessenten. ;)


Zufriedenheit - eine erlernbare Fähigkeit?
„Freiheit wird eher nicht im Sinne von Konsumzugänglichkeit verstanden, sondern in persönlicher Freiheit von drängenden Konsumbedürfnissen“.

Ich verstehe oadische Zufriedenheit zum Beispiel als einen Zustand, in dem alle Denkgrundlagen der oadischen Kultur integriert sind und aktiv gelebt werden. Könnte man das so definieren?

DJ: Würde ich nicht sagen, Zufriedenheit ist ein Punkt? Da geht es stark darum zu realisieren, was Menschen überhaupt erst unzufrieden macht? Etwa wenn ein Mensch sich innerlich daran hängt etwas immer zur Verfügung haben zu müssen, vielleicht nur weil andere es einem eingeredet haben.


„Und es sind dieser Vorstellung folgend nicht nur vermeintliche Bedürfnisse nach materiellen Dingen, die der Zufriedenheit entgegenstehen. Ebenso ist es eine innere Verfasstheit des Unglücks, aus dem Menschen meinen, nur "gut" zu sein, wenn sie sich in bestimmter Weise verhalten, selbst wenn diese ethisch betrachtet kaum eine Rolle spielen dürfte. Gemeint ist vor allem "totes Streben", Werte die Menschen in verschiedener Weise eingetrichtert wurden, ohne sie aus sich selbst als gut erkannt zu haben“.

Mit oben genanntem Zitat und dem Begriff „totes Streben“ sind offensichtlich auch Konditionierungen gemeint. Demnach heisst „Oadier zu sein“ auch, sich von diesen Konditionierungen zu befreien?

DJ: Ja, "Konditionierung" könnte für etliche dieser Verfasstheiten ein passender Begriff sein. "Sein" ist ein Zustand, "befreien" ist ein Prozeß. Wenn oadische Kultur vermittelt würde, würde es vermutlich eine Rolle spielen demjenigen diese Verfasstheiten bewußter sehen zu lassen, davon frei zu werden von so etwas getrieben zu sein. Es muß ja nicht alles über den Haufen geworfen werden, wenn jemand etwas, das ihn in einer Hinsicht treibt für sich als gut erkennt, dann ändert das auch viel. Der Mensch wird in diesem Punkt nicht mehr gelebt, er handelt.

Inwiefern hat das Leben aus dem Gottgeist darauf einen Einfluss? Kann ein Mensch, der noch seinen Konditionierungen anhaftet, dennoch die Fähigkeit zur Agape-Liebe entwickeln/in sich tragen oder würde dies dem entgegenstehen?

DJ: Wenn sich wirklich auf geistiger Ebene etwas stark ändern würde, dann würde soweit ich es sehe viel mehr quasi von selbst von diesem Menschen abfallen, viel Finsteres würde letztlich einfach verschwinden.


„Oadier halten Zufriedenheit meist nicht für das Ergebnis äußerer Umstände, sondern für eine erlernbare menschliche Fähigkeit. Es ist diesen oft unbegreiflich, wie viele andere Menschen so am Ziel vorbei leben können, wie sie leben. Zudem neigen nicht wenige Oadier zu Auffassungen, gemäß derer das was geschieht, oft spirituelle Hintergründe hat“.

Ist mit „spirituelle Hintergründe“ zum Beispiel auch Karma gemeint, welches Wirkungen aus früher gesetzten Ursachen anzeigt?

DJ: Es ist gemeint, daß Geschehen auf der Welt letztlich immer Ursachen hat, die geistig sind. In verschiedenen Konstellationen geht es dann darum wer sich wie sehr von Gott distanziert hält.


„Oadier achten meist weniger auf äußerliche Erscheinungsbilder und erlerntes lebensarmes Imponiergehabe, sondern eher auf lebendige Ausgeglichenheit und Wachheit ihrer Mitmenschen und in ihnen selbst“.

Sind mit „lebendiger Ausgeglichenheit“ „innere Lebendigkeit“ und Stabilität gemeint - das heisst, einerseits zu spüren, was seinem Geist dient und entsprechende Prioritäten im Leben zu setzen, andererseits aus seinem Selbst heraus zu leben?

DJ: "Ausgeglichenheit" kann im Zusammenhang mit dem Jakobgut-Wert der "Selbststärke" gesehen werden. Mit einer gewissen Stabilität in sich selbst hat das schon zu tun, aber meint nicht alles, was Menschen möglicherweise so unter "Stabilität" betrachten. Manche Menschen finden es z.B. bestimmt "stabil", wenn ein Mensch verschlossen, unzugänglich ist, starr etwas durchdrückt. Das nennt man wohl auch "Durchsetzungsfähigkeit". Zur "Wachheit" wie oben gemeint würde das allerdings nicht gut passen. Diese "Wachheit" ist z.B. gerade auch eine Bereitschaft auf andere einzugehen, zu sehen was mit ihnen ist, statt fixiert auf irgendwelche eigenen Vorhaben ellenbogenintensiv "durchzumaschieren". Dabei wiederum finden immer wieder Deutsche oadische Direktheit "rücksichtslos" und "verletzend". Diese Direktheit ist jedoch eigentlich eine, die sich schlichtweg unverblümt zeigt, keine die anderen etwas entgegenschleudern will, vielleicht noch um etwas beim anderen manipulativ zu bewirken, das wieder von einem selbst als erstrebenswert empfunden würde. Es geht an sich nicht um "soziale Geflechte", wenn ein Oadier sich offen und direkt äußert. Es geht um Begegnung von für sich stehenden Individuen. Sich zu begegnen ist ein hohes Ideal. Das hat eher etwas damit zu tun, was manche heute vielleicht als "Achtsamkeit" bezeichnen würden? Sehen was ist. Sich darauf beziehen was ist.

Ja, damit hat auch zu tun, daß ein Mensch sich nicht als abhängig von ständigem Bestätigtwerden durch andere erlebt.


„Oadier sind nicht immer zufrieden, manche äußere Umstände sind auch für sie recht relevant. Durch Orientierung an dem Lebensprinzip der Liebe spielt Gemeinschaft, liebevoller Umgang für sie eine gewisse Rolle im Rahmen der oadischen Wertvorstellungen. Dabei kommt es weniger auf die Befolgung von Höflichkeitssitten oder "Beherrschung" an, sondern vielmehr auf Begegnung im Geist der Liebe, der viele Wege kennt und davon ausgehend liebendes Handeln gegenüber weiteren Mitmenschen und auf gegenseitiger Rücksichtnahme wie der Suche nach Verstehen des anderen“.

Mit „Lebensprinzip der Liebe“ ist vornehmlich Agape-Liebe gemeint?

DJ: Letztlich ja, wobei Gemeinschaftsleben ja nicht uneigennützig in diesem Sinn ist. Es dürfte einiges an Freundesliebe dabei sein, die auch davon lebt selbst menschlich im Gegenzug etwas zu bekommen. Das ist ja auch Teil des Wirtschaftsansatzes einer Selbstversorgergemeinschaft. Aber ja, liebevoller Umgang mit Freunden ist auch nicht unbedingt selbstverständlich. Vieles was Freundschaft genannt wird, ist eher ein Ausnutzen. Hier würde dann wieder etwas Agape eine Rolle spielen, die im Zweifel auch Fremden Gutes wünscht, mit solcher Haltung auch in Freundschaften geht.


Ein sehr wichtiger Punkt in der Begegnung ist das „Verstehen“ des anderen. Kannst Du genauer definieren, was dieses Verstehen beinhaltet? Soweit ich bisher mitbekommen habe, geht es unter anderem darum, intuitiv die Absichten des anderen zu erkennen und diese nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch gemäss dieser Absichten zu handeln?

DJ: Nichtverstehen steht der Begegnung von Menschen entgegen. Wenn man sich in etwas nicht versteht, bleibt man darin einander fern. Sich verstehen meint hier etwas zu erkennen, nicht "sich verstehen" in dem Sinne einander ähnlich zu sein, manche ähnlichen Ansichten zu vertreten. Mit intuitivem Zugang hat das nach meinem Verständnis nicht unbedingt zu tun, oft aber auch mit dem Hinterfragen der eigenen Intuition im direkten, offenen Gespräch mit dem anderen. Intuition, die zutrifft ist eine gute Sache. Allerdings ist aufgrund der diversen Verständnisschwierigkeiten gegenüber oadischer Kultur manche Art der "Intuition" etwas, das Kulturfremde zu großen Fehlannahmen bringt, vom echten Verstehen abhält. Wenn die Intuition eines Individuums tatsächlich quasi telepathische Qualitäten hätte, dann wäre das sehr gut und es würde sich im Gespräch auch zeigen, wie richtig sie liegt. Oft hat "Intuition" aber auch mit Arten von Festgelegtheit zu tun, die nicht unbedingt "hochstehend", sondern eher menschlich sind. Dennoch ist intuitives Entscheiden etwas, das oadischen Vorstellungen doch recht nahekommt. Auch in dem Sinne sich selbst zu erkennen, die Resonanzen, die einem seelisch im Moment entsprechen. Und ja, es liegt der oadischen Kultur an sich nahe mit den Ansichten anderer insofern respektvoll umzugehen, als sie Teil eines Individuums in seinem jetzigen Zustand, Ergebnis seiner Geschichte sind. Das bedeutet aber nicht, daß jede Ansicht von einem Oadier gut gefunden wird. Viele Oadier werden jedoch darauf nicht in solcher Weise ätzend (sich darin laufend in mehr stupider Art eines "Nervenkriegs" wiederholend) herumreiten, wie es viele Deutsche in ihren Familien vielleicht tun würden.


„Ein Oadier hat in seinem Leben eine grundlegende Stabilität geschaffen, von der ausgehend er frei leben kann. Er betrachtet die Welt um sich herum, sucht sie zu verstehen, zu verstehen, warum ihn verschiedene Dinge bewegen, sie in seinem Bewußtsein immer wieder auftauchen. So wird er zu einem Zustand kommen, in welchem die innere Klarheit immer mehr überwiegt. Er lernt, die Dinge zu sehen, wie sie sind und erlebt ein sich weitendes Herz, statt anerzogene Wertvorstellungen, die das Herz eng machen und den Menschen blind, mit der Realität zu verwechseln“.

Wie ich oben stehendem Zitat entnehme, ist es dem Oadier sehr wichtig, aus eigenem Erleben zu schöpfen und nicht aus dem, was andere ihm „aufdrücken“ wollen. Ich folgere daraus, dass dies auch dazu führt, dass ein Oadier andere Menschen dazu anregt, Gleiches zu tun und nicht darauf abzielt, anderen etwas aufdrücken zu wollen. Wie wirkt sich denn diese Herangehensweise zum Beispiel im täglichen Leben mit Bewohnern im Jakobgut aus? Ist dieses Thema auch Anlass zu Diskussionen oder Missverständnissen?

DJ: Letzten Endes ist jeder Mensch zuerst sein eigentlich eigenes Erleben? Ein Mensch, der dem innerlich fern ist, ist gar nicht bereit dafür, anderen tatsächlich zu begegnen? Insofern: Ja, Oadier werden an sich nicht in dem Maße anderen etwas "aufdrücken" wollen, wie es in anderen Kulturen geradezu grundlegend lebensbestimmend ist. Aber auch Oadier ringen - freilich oft auf einem anderen Quantitätsniveau als Deutsche - in sich mit solchen Dingen, im Zitat oben wird ja auch eine Art Prozeß dargestellt. Im Zusammenleben spiegelt sich dieser Prozeß auch in Wertschätzung direkter, offener Kommunikation, in einem Streben nach Verstehen. Das bedeutet ja auch, daß Verstehen auch von Oadiern meist als begrenzt erlebt wird, als eine große und werthaltige Herausforderung des Daseins. Wenn manche spirituelle Deutsche zu uns kommen und meinen Zugang zu einem Zustand zu besitzen, in dem "alles verstanden würde", dann kommen wir erfahrungsgemäß oft in einen Bereich, der oben beim Thema "Intuition" bereits kurz angesprochen worden ist. Was ist das, wenn jemand sich selbst als jemanden präsentiert, der "alles versteht"? Würden sich andere Menschen dann nicht auch von ihm verstanden fühlen? Was, wenn dem nicht so ist? Ich schließe nicht aus, daß es Menschen gibt, die vieles verstehen aufgrund eines erreichten oder zugefallenen hohen Bewußtseinszustandes. Was ich bisher von Menschen her erfahren habe, sie von solchen erfahrenen Bewußtseinszuständen reden ist eher, daß es da eher um eine Selbsteinlullung gegangen sein wird. Kein umfassenderes Verstehen, sondern eine umfassendere Abkoppelung von dem, was ist und dem, was man meint zu erkennen. Das wurde im Zusammenleben dann eigentlich immer eher schwierig, gerade weil die betreffenden Leute, die schon bei uns waren, doch anscheinend merklich fern von echter innerer Stabilität waren. Sie hatten, wenn man so will, Konditionierung gegen eine selbstgefällige Traumwelt vertauscht und wurden meist giftig, wenn die jemand anzutasten wagte, nicht "mitspielte", sich nicht "brav wie gewünscht um diese Person drehte". Von einem Individuum mit tatsächlich reifem, "höherem" Bewußtsein würde ich eher ein Gegenteil erwarten. Eine Art von Freiheit, die "Disziplinierung" anderer nicht aus etwas geschehen läßt, das aus innerer Not geschieht. Bei dem, was da oft geschah, wären wir eher in der Nähe oben erwähnter "Nervenkriege".


„Ein Oadier ist stets bereit, das was er selbstverständlich findet, offenen Geistes zu hinterfragen.
Viele Leute, die nach Oadien kommen, weil sie sich eventuell hier ansiedeln würden, scheinen mir diese Fähigkeit in höherem Maße nicht zu haben“.

Du hast weiter oben die „innere Klarheit“ angesprochen. Könnte ein Mangel an dieser inneren Klarheit dazu führen, dass viele Menschen nicht mögen, hinterfragt zu werden? Und wenn sie sich trotzdem darauf einlassen, gewissen Fragen auszuweichen, unsicher oder sogar aggressiv zu werden?

DJ: Ja, wer in sich wenig Klarheit erlebt, der steht im Zweifel vor der Herausforderung nicht mehr zu wissen, an was er sich denn eigentlich orientieren soll. Er erlebt dies und jenes, jeweils in bruchstückhaftem Zustand und er vermag nicht die Bruchstücke in für sich selbst überzeugender Weise miteinander in Verbindung zu bringen. Was soll er also tun, nach welchen Normen seine Handlungen ausrichten? "Aufgedrückte" Wertvorstellungen, ihr Annehmen durch ein Individuum, das immer auch eine eigene Wahl war, unter welchem äußeren Druck auch immer, tragen Gewalt in sich, denn sie wirkten oft mittels ausgeübter Gewalt auf das Individuum ein. Diese Gewalt wird dann öfters entfesselt, wenn es zu derartigen Widersprüchen aufgrund von Verunsicherungen kommt. Aber da an "Aufgedrücktem" oft vom Individuum selbst an sich festgehalten wird, kommt es auch zu keinem "Blitzsprung" in eine echte Klarheit.

Es ist ein großes Problem bei der Vermittlung oadischer Kultur, daß viele Deutsche diesen inneren Voraussetzungen solcher Klarheit sehr fern sind.


„Aber Naivität ist aus oadischer Sicht ja auch etwas, das eher einen positiven Klang besitzt, wohingehend "abgeklärte" depressive Zyniker keinen ganz so guten Ruf besitzen (wenn sie auch durchaus eindeutig Oadier sein können).

Es hat mich innerlich berührt, was oben angesprochen wird, denn ich selbst kenne diese „Naivität“ sehr gut. „Nicht-Oadier“ bewerten diese eher negativ und machen sich entweder lustig darüber oder nützen sie teilweise schamlos aus. Was zeichnet eigentlich diese Naivität aus? Kommt sie unter anderem auch daher, dass ein tiefes Ur-/Gottvertrauen im Leben eines solchen Menschen eine führende Kraft ist?

DJ: Das sind nicht unbedingt Menschen, die religiös daherkommen oder sich selbst mit Spiritualität thematisch befassen. Oben wird "naiv" gegen "abgeklärt" aufgeführt. Der "Abgeklärte" zeigt sich kaum mehr offen, ist im Grund verzweifelt über die anderen Menschen, das was er mit ihnen erlebt hat. Der "Naive" ist einfach er selbst, stellt Fragen laut, wenn sie sich ihm stellen. Und er trägt eher wenig empfundene Last schlechter Erfahrungen. Das bedeutet nicht, daß er nicht auch eine Menge schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hat, aber sie wirkten auf ihm anders. In ihm ist nicht etwas "kaputtgegangen", so wie im "Abgeklärten", der im Grunde aufgehört hat innerlich einfach zu leben. Es mag schon sein, daß der "Abgeklärte" oft einen größeren Bezug zu äußeren Lebensumständen hat, von denen er sich in seiner Lebensqualität als abhängig erlebt. Daher trifft es ihn anders, wenn er die Erfahrung macht, daß andere Menschen sich ihm gegenüber unschön verhalten. Für ihn geht es nicht nur um die Menschen, sondern darum, daß er meint von diesem Menschen etwas zu brauchen, um gut leben zu können. Ich persönlich bin wohl irgendwo zwischen beidem. :)


Aber macht Naivität nicht auch aus, gewisse Dinge als selbstverständlich vorauszusetzen, die es nicht sind? Nein, das sehe ich nicht so. Die positive Kraft der Naivität besteht in ihrer Lebensbejahung. In ihrem Streben nach dem, was sie als gut erfühlt. Sie lebt aus ihrem Geist, egal was um sie herum aus anderer Perspektive attestiert werden könnte. Sie ist fokussiert auf das, was ihr aus ihrem Geist heraus wirklich wichtig ist. Sie muß nicht verstehen, weswegen andere Menschen anders sind“.

Neben dem oben erwähnten Ur-/Gottvertrauen als mögliche Ursache scheint auch ein stabiles Selbstvertrauen hinter der Naivität zu stehen. Betrachtest Du dieses Selbstvertrauen unter anderem auch als Folge der inneren Klarheit, die ein Oadier sich geistig erarbeitet hat?

DJ: "Selbstvertrauen" scheint mir für viele Deutsche fast ein Synonym geworden zu sein für "nach außen hin gespielte Sicherheit". Das ist oben nicht gemeint, sondern wenn dann echtes Vertrauen, so wie man einem geliebten anderen Wesen Vertrauen entgegenbringt. Ein "Naiver" vertraut in gewisser Weise vielleicht mehr auf das was in ihm ist und in ihm ist entsprechend seiner Fokussierung auch eine bestimmte Herzensausrichtung, die er auch auslebt, weil er im Grund keinen Grund sieht, das nicht zu tun, weil er anderes als "wert" erkennt als der "Abgeklärte", der eher nicht das Sein so begreift wie es ist: einfach ein Sein, das das ist, was man selbst am unmittelbarsten ist, das nicht zu beachten auch nicht zur Folge hat, daß andere Dinge ersatzweise zu ähnlicher erlebter Unmittelbarkeit aufrücken. Innere Klarheit kann einem Menschen in solchem Sinne erkennbarer machen, was ihn eigentlich ausmacht.


„Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen bedeutet zu formulieren, was man als Individuum für selbstverständlich hält. Das steht einer naiven Herangehensweise an die Welt nicht entgegen und resultiert aus dem Respekt, den man einem anderen Individuum entgegenbringt. Sich auf den anderen einzulassen, sich ihm zu zeigen wie man ist, wie man wirklich ist, nicht wie man gerne gesehen werden würde oder selbst gerne wäre. Zu sehen, wie der andere sich auf mich einläßt, darin zu erleben, daß da etwas lebt. Begegnung. Nicht Belauern und Furcht voreinander, vor sich selbst“.

Oben stehende Aussage bezieht sich auf menschliche Begegnungen. Ist es nicht oft der Fall, dass diese Begegnungen eher „frustrierend“ für einen Oadier ausfallen, da seine Absicht nicht verstanden wird? Weil eben oft äusserst „irdische Massstäbe“ an Begegnungen angelegt werden, die einem Oadier sehr fern sind?

DJ: Ja.

„Wenn Selbstversorgung nicht so sehr aus dem Hintergrund frischer und gesunder Ernährung geschieht, sondern aus einem Freiheitsbedürfnis, rückt die kulturelle Selbstversorgung besonders in den Fokus. Teil eines Systems zu sein bedeutet weniger zu entscheiden. Auch das kann als Freiheit empfunden werden, Freiheit von lästigen Entscheidungen. Selbstversorger sind nicht in jedem Fall Menschen, die alles selbst mitentscheiden möchten. Aber sie wissen, in welchen Punkten ihnen dies wichtig ist und wo ihre ideellen Grenzen sind“.

Sind die oben angesprochenen Punkte bezüglich Wichtigkeit von Entscheidungen eher individuell oder gibt es in der kulturellen Selbstversorgung einen gemeinsamen Nenner, etwas, was einerseits absolute Priorität hat und andererseits als vernachlässigbar angesehen wird?

DJ: Das angesprochene Freiheitsempfinden hat mit der Beziehung eines Individuums zu dem "System", den menschlich-wirtschaftlichen Zusammenhängen, zu tun, aus dem es möglicherweise elementar nötige Lebensgrundvoraussetzungen erhält. Viele Menschen erleben auch noch viel mehr Dinge als "notwendig", als es das Jakobgut tut (Essen, Schutz vor Witterung). Und auch diese Dinge, die vom Jakobgut da genannt werden, stehen der inneren Zufriedenheit nicht unbedingt entgegen. Aber es ist ja immer die Frage, wie ein Mensch seine Lebenszeit einsetzen möchte. Heute ist Wohnen dabei oft in der Mainstreamgesellschaft mit ihren durchaus fragwürdigen Vorstellungen von "menschenwürdigem Wohnen" der weit größere "Kostenfaktor". Daher hat das Jakobgut hier eine erste Priorität gesetzt und ermöglicht auch geldfreies Wohnen.

Entscheidungen abgenommen zu bekommen und das als Freiheit zu empfinden setzt wohl voraus, daß das Individuum zu einem solchen System entsprechendes Vertrauen hat. Das fällt manchem sehr schwer, wenn er erlebt wie menschenverachtend viele darin einflußreiche Akteure innerlich verfasst sind. Es kann zu einem Empfinden kommen, verloren in einer zweifelhaften Welt zu sein. Dann wird jemand, der so empfindet, es eher als Freiheit empfinden, wenn er sich möglichst weitgehend von solchen "Kooperationspartnern" auch alltagspraktisch, in seinem Wirtschaften zu distanzieren vermag. Wer würde eine Bank zusammen mit einem Betrüger gründen wollen, wenn er nicht selbst eine gewisse Neigung dazu hat, Betrug als Teil der Normalität zu betrachten, solange es wahrscheinlich ist, eine gewisse Zeit selbst daraus Profit schlagen zu können, diese Kooperation einzugehen? Wenn man sich mit anderen Menschen zusammentut, um etwas zu erreichen, dann ist die Frage bedeutend, wie vertrauenswürdig Kooperationspartner sind.

Dazu kommt, daß fremdbestimmte Standardjobs heute in der Regel ein gewisses Mindestzeitpensum vorsehen und eine Tendenz haben, Menschen "aufzusaugen", gerade solche, die ehrlich und gewissenhaft sind. Will man von so etwas irdisch abhängen? Ist es den Zeitaufwand wert und den "Schaden" durch eingegangene menschliche Beziehungen zu "finsteren Gestalten"? Es ist möglich, sich innerlich davon frei zu machen, sich solchen Umständen ausgeliefert zu fühlen, wenn man "so die eigenen Brötchen" erwirtschaftet. Dann würde man Obdachlosigkeit und Hunger in Kauf nehmen, diese nicht mehr als Anlaß sehen, unzufrieden zu sein. Aber warum sollte jemand in solchen Verhältnissen bleiben, wenn er woanders leben könnte, z.B. auf dem Jakobgut, wenn er dessen grundlegende Ausrichtung nach dem schriftlichen Kennenlernen (also unter anderem der Korrektur eventueller Mißverständnisse über diese) noch als für sich angenehm passend erlebt.


„Es stellt sich die Frage, warum denn jemand etwas tun sollte, wenn ihn niemand dazu antreibt und ihn auch weitgehend nicht dafür lobt. Das Ideal besteht im Tun aus sich selbst heraus (intrinsische Motivation). Wenige haben umfassend gelernt, ihre Zeit eigenverantwortlich zu nutzen, und warten wie gewohnt auf extrinsische Motivation“.

Das ist einer der Punkte, welcher mir selbst als sehr wichtig erscheint, wenn ich oadische Kultur erlebe. Viele Menschen haben nie gelernt, eigenverantwortlich zu handeln - geschweige denn, etwas in dieser Weise zu tun, ohne ein „Pflicht-/Schuldgefühl“ damit in Verbindung zu bringen. Ist es nicht so, dass hinter dieser „intrinsischen Motivation“ Agape-Liebe steckt? Eine Form von Liebe, die tätig ist, ohne Bestätigung oder Lob zu erwarten? Eine Form von Liebe, die nicht nur gibt, um empfangen zu können?

DJ: Nein, in intrinsischer Motiviertheit sehe ich den Umstand, daß ein Mensch seinem Herzen folgt, statt "Gesetze" zu befolgen. Wohin es das Herz dann zieht ist eine andere Frage. Jemand könnte, wenn er seinem Herzen folgt, auch zu einem unverschämten Dieb werden? :)

Gut ist aber aus oadischer Sicht, in der Tendenz dem eigenen Herzen nahe zu sein (was nicht bedeutet, daß jemand auch alles tatsächlich so auslebt), statt ihm fern zu sein. "Gesetzestreue" mag zeitweise den Anschein der Zivilisiertheit vermitteln, aber was nutzt es, wenn der Mensch dabei wie eine Art von Roboter funktioniert, der innerlich ständig Regeln abarbeitet und diese umsetzt, um "gut zu sein"? Das mögen Leute gut finden, die nicht daran glauben, daß in Anspruch genommene "Erlösung" tatsächlich einen Wandel des menschlichen Wesens bewirken kann, glauben, daß das Herz unabänderlich dahin zieht, wohin es eben zieht, im Grunde somit auch etwas wie echte "Reue", Besinnung auf das Wesentliche nicht für möglich halten, außer vielleicht in Ausnahmefällen.


„Die Konsumsekte und den einzelnen Konsumsektierer macht also eine bestimmte Einstellung zu Konsum aus. Häufig werden von Konsumsektierern an anderen Menschen weniger deren Menschsein oder ihre Persönlichkeit, sondern vordergründig Anzeichen von Konsum beachtet. So wie Reklame immer wieder versucht, Menschen in diese Richtung aufzuhetzen, so leben Konsumsektierer diese Wertvorstellungen von einem Wert des Menschen, der sich nach Anzeichen "zeitgemäßen" Konsums richtet. Menschen, die diesen Vorstellungen durch ihr Auftreten und ihren Besitz nicht entsprechen, werden mit teils erheblicher psychischer Gewalttätigkeit ausgegrenzt“.

Ja, das ist leider traurige Realität in dieser Welt. Und trotzdem gibt es immer wieder einzelne Menschen, die innerlich diesem Mainstream nicht folgen können. Vielleicht üben sie durchaus eine weltliche Erwerbstätigkeit aus, distanzieren sich dabei jedoch merklich von Druck und Streben nach Karriere und Ruhm. Sind das „verborgene Oadier“, denen es einfach noch nicht bewusst ist? Sind das unter anderem diejenigen Menschen, die das Jakobgut als Bewohner sucht? Kannst Du Lesern dieses Blogartikels diesbezüglich etwas mit an die Hand geben, etwas was sie aufmerksam werden und in sich hineinspüren lässt, damit sie sich besser selbst erkennen können?

DJ: So selten ist es nach meinem Erleben nicht, daß solche Abläufe irgendwie kritisch gesehen werden. Aber ihre Tragweite wird dennoch kaum erfasst und die meisten dieser Leute ziehen nur wenige konkrete Konsequenzen daraus für ihre Lebensführung. Es ist vielmehr weitgehend folgenlose Jammerei, möglicherweise gar Smalltalk, in welchem sich Leute als individuell inszenieren möchten, gerade weil sie es eigentlich kaum wirklich sind.

Wenn wir seit vielen Jahren versuchten, oadische Kultur zu vermitteln - soweit für mich zu sehen weitgehend erfolglos - dann rechneten wir eigentlich damit, daß es eine gewisse Anzahl von Menschen gibt, denen es innerlich sehr zusagen würde, sich mit ihr zu befassen, sie als etwas zu erkennen, das einem selbst nahegeht. Mittlerweile zweifle ich daran, vielleicht ist die durch Konsumsektierer ständig ausgeübte Gewalt auch zu groß für die meisten dieser Menschen, ich weiß es nicht. An sich wären solche Menschen als Bewohner im Jakobgut willkommen, wenn sie - wie oben bereits erwähnt - dessen Ausrichtung mögen, wenn sie überhaupt ein Leben in einer Lebensgemeinschaft für sich als bereichernd erleben würden.

Wenn jemand hier liest, dann hat er wohl alles in der eigenen Hand? Vor allem, wie er sich weiter mit diesen Dingen beschäftigen wird? ;)


„Für einen Konsumsektierer ist ein Begriff wie "Menschenwürde" oft sehr theoretisch und kaum greifbar. Für ihn steht klar an erster Stelle, sich durch Konsum Anerkennung anderer Konsumsektierer zu verschaffen. Häufig ist für ihn gar nicht mehr vorstellbar, daß ein Mensch Anerkennung verdient, weil er Mensch ist. Er strebt selbst solche Anerkennung an, da er nicht Ziel konsumsektiererischer Gewaltausübung werden möchte. Der Gewaltausübung, die er selbst auch mitträgt durch sein Tun“.

Aus oben stehenden Worten geht deutlich hervor, dass es im System der Konsumsekte nicht nur Täter gibt, sondern auch Opfer. Als Opfer bezeichne ich Menschen, die zwar darunter leiden, aber trotzdem nicht den Mut dafür aufbringen, auszubrechen. Und wenn es auch immer wieder sogenannte „Aussteiger“ geben mag, manche davon leben dieselben konsumsektiererischen Regeln auch in der Folge weiter, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Oadier zu sein heisst also, auch innerlich davon frei zu werden, nach solcher Art von Anerkennung zu streben. Was hast Du aus Deiner langjährigen Erfahrung mit Menschen, die sich für das Wohnen im Jakobgut interessiert hatten, für Erkenntnisse gezogen? Ist es ein schwieriger innerlicher Prozess, den Menschen durchlaufen müssen, um innerlich frei zu werden? Was kannst Du Ihnen diesbezüglich mit auf den Weg geben?

DJ: In Sekten sind viele Opfer auch Täter. Letztlich ist das auch eine Definitionsfrage. Wer ist denn "Opfer" von irgendwas? Jemand, der von etwas mitgeprägt wurde? Ich würde sagen, die Konsumsekte ist ein System, in welchem eigentlich niemand innerlich gewinnt. Aber sie bringt eine gewisse Steuerbarkeit von Menschenmassen mit sich. Es ist im Grunde eine Erscheinung eines Degenerationsprozesses über viele Generationen hinweg, würde ich sagen. Macht konzentriert sich immer mehr, innere Freiheit wird immer weniger, auch wenn die Konsumsekte nicht müde wird, das Gegenteil zu verkünden.

Eigentlich würde ich hierzu sagen, Oadier sind in der Regel frei davon, werden es nicht erst. Aber jemand, der frei davon werden will, der kann durchaus Oadier werden. Nach meiner Erfahrung ist das mit der extrinsischen Motiviertheit, der Sucht nach Anerkennung etwas, das zu überwinden vielen Menschen, selbst wenn sie es irgendwie auch in sich als problematisch, wenig lebensfördernd erkennen, unendlich schwerfällt. Vor allem, wenn sie es auch nicht schaffen, offen zu kommunizieren, zu erkennen, was genau in ihnen ist. Ich kann nicht sagen, daß ich irgendwann einmal erlebt hätte, jemand, der mit solcher Gewohnheit aufs Jakobgut gezogen wäre, hätte das dann später halbwegs abzulegen vermocht. Sie schaffen es schon nicht, sich selbst zu betrachten, weil sie nicht aus der Sucht nach Anerkennung herausfinden und ehrliche Selbstbetrachtung auf sie meist wie ein Gegensatz solcher Anerkennung wirkt?


„Ein Oadier kann theoretisch viel besitzen, das zufällig auch von Konsumsektierern als "würdig" anerkannt wird. Wer etwas besitzt, sich daran freut, sich aber auf dem Grund dieses Besitzens in keiner Weise über andere Menschen erhebt, der ist kein Konsumsektierer“.

Wie unterscheidet sich die Qualität dieser Freude? Hat der Oadier eher Freude um der Freude willen und denkt dabei nicht schon wieder daran, er könnte etwas verlieren - er müsste etwas festhalten, etwas an sich reissen - mehr sein und mehr haben als der andere?

DJ: Wenn ich ein wildes japanisches Anime anschaue, dann kann mir das große Freude machen. :) Wenn dann keines mehr verfügbar wäre, würde es mich aber nicht freudlos werden lassen. Man kann sich an vielem freuen, ohne sich dann als abhängig von diesem oder jenem zu erleben, sich vor Verlust zu fürchten, wegen einer "Bedrohung" in solchem Bedürfnis dann sogar bereit werden, anderen Menschen Schlechtes anzutun, etwa indem man meint, Geld zu brauchen, um sich so etwas kaufen zu können.


Denn aus der inneren Unfähigkeit zufrieden zu sein weltliche Dinge anzustreben, dient dem Menschen nicht, sie ist Ausdruck eines geistigen Mangels, der geistig behoben werden müßte“.

Das heisst, weltliche Dinge können keinen geistigen Mangel ausgleichen. Was wäre denn der Weg, um geistigen Mangel auszugleichen? Was wäre zu tun, wenn ein Mensch sich zwar nach mehr Geistigem sehnt, jedoch nicht wirklich danach greifen kann? Liegt es am Wollen der Seele? Wie könnte dieses Wollen intensiviert werden? Könnte zum Beispiel eine bewusste Abkehr von Weltlichem in diese Richtung führen?

DJ: Geist. ;)

Was wäre zu tun? Menschen sind innerlich in etlichem unterschiedlich verfasst. Es wäre sinnvoll, so einen Menschen kennenzulernen, um zu schauen, woran es bei ihm wirklich hängt. Aber bitte nicht in Form des Interesses am Mitwohnen, obwohl es eigentlich nur ums Sprechen ginge. Auf oadien.de gibt es ein weitgehend unbenutztes, aber funktionsfähiges Forum, das wäre bei Interesse ein möglicher Weg, sich über so etwas auszutauschen (ist ja an sich sowieso recht anonym, solange die Anonymität nicht durch einen selbst mit entsprechenden, meist für die Sache auch irrelevanten Angaben zerstört wird).

Ja, letztlich liegt es immer an der Ausrichtung der Seele, würde ich sagen. Aber diese Aussage nutzt dem Wesen nicht unbedingt etwas, da die dahinterstehende Bedeutung meist erstmal auch nicht erfasst werden dürfte.

Abkehr von Weltlichem, um irgendwas zu erreichen, ist eher so etwas wie "Gesetz befolgen". Geist ergriffen haben, ist aus tiefstem Herzen etwas zu wollen. Symptome zu bekämpfen bringt nicht unbedingt viel, wenn die Symptome eine tieferliegende Ursache anzeigen.

„Gibt es Einigkeit in Oadien? Vielleicht darin, daß einerseits manche Ideale wie Eigenwilligkeit (also das was man tut auch selbst zu wollen) und Wahrheitsliebe (lieber die Wahrheit kennen zu wollen, als sich in Gefühlsduseleien besoffen zu machen - und sich damit wohler fühlen) vorausgesetzt werden (und liebevoller Umgang, Gerechtigkeit, etc. so auslegungsbedürftig diese Begriffe auch sein mögen), andererseits aber ein emotionales "Einigkeitserlebnis" eher skeptisch bewertet wird.
Klarheit könnte ein oadisches Kulturelement sein. Sich mögen und wertschätzen“.

Diese oben stehenden Worte sind ein „würdiger“ Abschluss unseres Blogartikels:
Eigenwilligkeit ist definiert und es erfolgt aus einem Tun ohne Bestätigung von aussen zu brauchen.

Wahrheitsliebe - bedeutet das Wahrhaftigkeit zu leben - und dies ohne Kompromisse einzugehen?

DJ: Wahrheitsliebe würde ich für ein Bedürfnis halten, einen Wunsch. Diesen oder etwas anderes auszuleben ist etwas anderes, wenn beides auch oft in Verbindung miteinander steht. Wenn jemand seinem Herzen folgt und dieses Wahrheitsliebe enthält und diese von ihm als gut erkannt wird, wieso sollte er dann Kompromisse schließen, die sein Herz beschweren?


Ein emotionales Einigkeitserlebnis wäre wohl wieder ein gewisses Bedürfnis nach Bestätigung?

DJ: Ein ersehntes "Einigkeitserlebnis", das zu einem "Kompromiß" bei gelebter Wahrhaftigkeit führen würde? Das wäre vermutlich so. Ich würde es dazu dann auch für ein "Pseudoeinigkeitserleben" halten, das mit echter Begegnung, echtem Verstehen nichts zu tun hätte, mehr mit der Illusion einer "Verbundenheit".


Klarheit wurde schon oben erwähnt als Folge eines stetigen Strebens nach Verstehen.


Und zuletzt erwähne ich nochmals das Jakobgut, wo einfach zusammengelebt, sich gegenseitig gemocht und wertgeschätzt werden darf.
"Schreiben ist der direkte Weg zum Herzen"

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