Leutseligkeit

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Marsianer
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Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Di 14. Apr 2026, 11:11

Heutzutage spricht man auch kaum mehr von Leutseligkeit, höchstens noch bei einem Politiker, vielleicht auch noch bei einem Firmenchef. So könnte man Leutseligkeit anders interpretieren. Leutseligkeit heißt, Freude zu haben, im Umgang mit anderen Menschen, auch mit Menschen, die man nicht so gut kennt.

Leutseligkeit haben in diesem Sinne, mehr die extravertierten Menschen, denen es ganz natürlich ist, auf andere zuzurennen, mit ihnen zu sprechen und Spaß zu haben, Freude zu haben und sich auszutauschen, sich vorzustellen, lebendig zu sein.

Die mehr introvertierten Menschen, die haben dort etwas mehr Schwierigkeiten, die sind mehr etwas für sich, sie lieben es eher, auch sich zurückzuziehen, sie brauchen ihre Ruhe. Lieber mit wenigen Menschen tiefere Beziehungen, als mit vielen Menschen immer wieder wechselnde Beziehungen.

Introvertierte Menschen lieben es auch mehr, vor fünfzig, oder hundert Menschen einen Vortrag zu halten, als irgendein Empfang mit unbekannten Menschen, wo man versuchen soll, mit zehn, zwanzig, oder noch schlimmer, dreißig, vierzig, fünfzig Menschen, Kontakt aufzunehmen. Ihm mangelt es an dieser Leutseligkeit.

Aber eine gewisse Leutseligkeit kann man sich auch antrainieren. Patanjali, der Autor des Yoga Sutra, empfiehlt im dritten Kapitel des Yoga Sutra für Menschen, die selbst nicht so leutselig sind, die Technik, sich einfach auf andere Menschen zu konzentrieren.

Also, wenn du in einer Situation bist, wo es darum geht, mit anderen zu sprechen, sie kennenzulernen, aber du bist schüchtern, dir fällt es schwer und du hast jetzt auch gerade nicht die Energie und die Lust, jetzt das Angelernte irgendwo abzuspulen, das könntest du ja auch. Du könntest ja dir vornehmen: "Ich werde den Menschen so und so ansprechen." Du kannst zehn verschiedene Gesprächsbeginne auswendig lernen, du kannst das trainieren, du kannst das laut trainieren, du kannst das vor dem Spiegel trainieren, du kannst das vor deinem Partner trainieren usw.

Also, man kann das trainieren, mit Leuten Kontakt aufzunehmen. Wenn du das trainiert hast, ohne dass Menschen dabei sind, dann tue es. Aber angenommen, du magst das jetzt nicht, die Technik wäre, schaue einen anderen Menschen an, interessiere dich für ihn, spüre ihn vom Herzen, lächle ihm zu, nicke ihm zu und schaue ihn an.

Und angenommen, das ist auch ein Introvertierter wie du, dann ist er froh, dass er nicht angesprochen wird und empfindet dich als einen tiefsinnigen Menschen und behält dich in guter Erinnerung. Angenommen, es ist ein extravertierter Mensch, der wird auf dich zu rennen und diese Einladung des Lächelns nehmen und du brauchst nicht auf ihn zuzugehen.

Also, wenn du nicht leutselig bist, erlaube es anderen Menschen, die Leutseligkeit haben, den ersten Schritt zu machen. Und das erlaubst du, indem du sie anschaust, indem du ihnen zulächelst und indem du Interesse für sie hast, auch indem du fragst, indem du nachhakst. Wenn du nicht so gerne über dich sprichst, dann lasse den anderen sprechen. Gerade die Darsteller, die freuen sich, wenn andere sich für sie interessieren und sie finden gerade die Menschen dann besonders toll, die sie toll finden.

Daher, - Leutseligkeit kannst du bis zu einem gewissen Grade trainieren, du musst es aber auch nicht, aber Interesse am anderen, Lächeln, Augenkontakt, Herz-zu-Herz-Verbindung und ehrliches Interesse, über andere Menschen lernen zu wollen, das hilft, Verbindungen herzustellen und so die Leutseligkeit in anderen sprechen zu lassen, oder bei den Menschen, die auch nicht leutselig sind, einfach nur ein positives Gefühl zu kultivieren.

Das waren jetzt einige Gedanken zur Eigenschaft "Leutseligkeit". Ich war ja bei einem Meister namens Swami Vishnudevananda, der hatte diese Leutseligkeit. Swami Vishnudevananda konnte ganz einsam für sich sein, ganz ruhig sein, der konnte auch monatelang nichts sprechen, aber er konnte auch sehr leutselig sein.

Wenn er z.B. mal im Taxi gefahren ist, da hat er sofort ein Gespräch mit dem Taxifahrer begonnen. Wenn er irgendwo nach einem Satsang war und sich nicht gleich zurückgezogen hat, hat er jeden angesprochen. Wenn er irgendwo ankam und wir waren zu zehnt oder zu zwanzigst, dann haben wir ihn immer am Flughafen abgeholt, er hat mit jedem ein nettes Wort gehabt, mit jedem gesprochen, zu jedem gelächelt, er hatte diese Leutseligkeit gehabt.

https://wiki.yoga-vidya.de/Leutseligkeit
schaue einen anderen Menschen an, interessiere dich für ihn, spüre ihn vom Herzen

Gerade die Darsteller, die freuen sich, wenn andere sich für sie interessieren

Hm, ja. Wäre es demnach "leutselig" andere zuzutexten? Oder wäre es leutselig andere zu spüren, auch tatsächlich zu verstehen, auf das einzugehen, was sie interessiert und bewegt?

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Mi 15. Apr 2026, 10:04

Nach meinem Eindruck wäre unter "Leutseligkeit" auch etwas mehr Richtung Tun, auch Kommunizieren (Interesse daran haben) zu verstehen, statt "nur" einem "Einwirken von Schwingungen" oder dem Empfinden der Nähewirkung von Heiligen oder Avadhutas?
Heilige Therese von Lisieux, Selbstbiographie, Johannes-Verlag 2009 (1. Auflage 1958), Handschrift C (An Mutter Marie de Gonzague), Zweiter Teil, S. 231-233 hat geschrieben:Dieses Jahr, geliebte Mutter, hat der Liebe Gott mir die Gnade geschenkt zu verstehen, was die christliche Liebe ist; ich verstand es zuvor, es ist wahr, doch auf unvollkommene Weise; ich hatte das Wort Jesu nicht in der Tiefe zu erfassen versucht: "Das andere Gebot aber ist diesem GLEICH [Meine Anmerkung: ὁμοία αὐτῇ (homoia aute) also vielleicht soviel wie "gleichen Ranges", manche übesetzen z.B. auch "ähnlich"]: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. [Fußnote: Matthäus 22,39]" Ich habe mich vor allem bemüht, Gott zu lieben, und indem ich ihn liebte, erkannte ich. daß sich meine Liebe nicht nur in Worten äußern durfte, denn: "Nicht jene, die zu mir sagen: Herr, Herr, werden ins Himmelreich eingehen, sondern die den Willen meines Vaters tun. [Fußnote: Matthäus 7,21]" [...] Er spricht zu ihnen mit unsagbarer Zärtlichkeit: "Ein neues Gebot gebe ich euch, liebet einander; und WIE ICH EUCH GELIEBT HABE, SO SOLLT AUCH IHR EINANDER LIEBEN. Das Zeichen, an dem alle erkennen sollen, daß ihr meine Jünger seid, ist, daß ihr euch gegenseitig liebt [Fußnote: Johannes 13,34-35].
Wie hat Jesus seine Jünger geliebt, und warum hat er sie geliebt? Oh! es waren nicht ihre natürlichen Eigenschaften, die ihn anziehen konnten, zwischen ihnen und Ihm lag ein unendlicher Abstand. Er war das Wissen, die Ewige Weisheit, sie waren arme Fischer, unwissend und voll irdischer Gedanken. Und dennoch nennt sie Jesus seine Freunde, seine Brüder [Vgl. Johannes 15,25]. Er will sie herrschen sehen mit Ihm im Reiche seines Vaters, und um ihnen dieses Reich zu erschließen, will Er an einem Kreuz sterben, [...]
Ja, ich fühle es, wenn ich Liebe erweise, so handelt einzig Jesus in mir; je mehr ich mit ihm vereint bin, desto inniger liebe ich alle meine Schwestern. Will ich diese Liebe in meinem Herzen anfachen, besonders wenn der böse Geist mir die Fehler dieser oder jener Schwester, die mir weniger sympathisch ist, vor Augen zu stellen suche, so forsche ich schnell nach ihren Tugenden, ihrem guten Willen, ich sage mir, wenn ich sie auch einmal fallen sah, so kann sie doch zahlreiche Siege errungen haben, die sie aus Demut verbirgt, und selbst was mir als Fehler erscheint, kann sehr wohl der Intention nach ein Tugendakt sein.

Heilige Therese von Lisieux, Selbstbiographie, Johannes-Verlag 2009 (1. Auflage 1958), Handschrift C (An Mutter Marie de Gonzague), Zweiter Teil

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 05:15

"Alles ist schon da" (Anstrahlung auf sich wirken lassen, vielleicht sie ersteinmal mehr verstehen lernen) vs. "Tun und geschehen" (Dem Avadhuta ist eine Position "nur anzustrahlen" fremd, er ist auch im Tun, jedoch offenbar nicht so anhaftend wie andere Menschen und Tun ist für ihn nicht in einem Gegensatz zu Anstrahlen)
Gespräche mit Sivananda, f149ASiv hat geschrieben:Ich, Swami Sivananda, sitze und schweige.
Ich frage nicht.
Ich brauche nicht zu fragen.
Denn in deiner Gegenwart –
fühle auch ich:
Alles ist schon da.
Alles ist schon vollkommen.
Nichts muss gesagt werden.
Nichts muss erfahren werden.

Aber da du fragst:
„Möchte jemand noch etwas fragen?“
– dann sei es so.
Die Fragen kommen nicht aus Mangel.
Sie kommen aus Fülle.
Aus dem Wunsch,
das Unaussprechliche
noch einmal
zu berühren.

[...]

Du antwortest – nicht, um zu erklären, nicht, um zu lehren, nicht, um verstanden
zu werden. Du antwortest, wie ein Spiegel, der das Licht zeigt, ohne zu wissen, dass er spiegelt.

Und doch – in deinen Worten geschieht etwas.

Ananda sitzt da, deine Antwort in sich aufnehmend. Er schließt die Augen. Lange. Dann öffnet er sie
langsam – und sagt, leise:

„Ich verstehe… nicht mit dem Verstand – sondern mit dem Herzen.
Du isst – aber du bist nicht der Essende.
Du schmeckst – aber du bist nicht am Geschmack gebunden.
Du sprichst – aber du bist nicht der, der den Text vorbereitet.
Es kommt – wie der Atem.
Wie das Licht.
Wie der Regen.

Ich dachte immer: Meditation ist, wenn ich den Geist kontrolliere.
Ich dachte: Freiheit ist, wenn ich nicht mehr will.
Aber du zeigst: Freiheit ist, wenn es nie einen gab, der wollte.
Nicht erreicht.
Nicht erzwungen.
Nicht erbeten.
Sondern: so ist es.

Und wenn du sagst, du genießt manchmal den Geschmack – aber es ist nicht wichtig –
da spüre ich: Das ist die reine Handlung.
Nicht getrennt vom Tun.
Nicht verhaftet am Tun.
Nicht stolz auf das Tun.
Einfach: Essen.
Wie der Baum blüht – nicht, weil er will, sondern weil es Sommer ist.

Und beim Sprechen – ja.
Die meisten von uns – wir planen das Wort.
Wir üben im Geist, was wir sagen werden.
Wir fürchten, falsch verstanden zu werden.
Wir hoffen, erkannt zu werden.
Aber du – du sprichst, als ob das Wort aus dem Raum kommt, in dem du bist.
Nicht aus einem Ich, das sagt: Ich will sagen.
Sondern aus dem, worin Sagen und Schweigen gleich sind.

Das ist…
nicht etwas, das man lehren kann.
Es ist etwas, das man spürt, wenn man in deiner Nähe ist.
Wie die Wärme der Sonne –
ohne dass sie sagt: Ich wärme dich.“

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Agape » Do 16. Apr 2026, 09:43

Meine (bisherige) Assoziation mit dem Begriff "Leutseligkeit" war eher von Skepsis begleitet. Ich bin diesem Umstand nun etwas nachgegangen und habe für mich einen wohl verwandten, aber eindeutig "stimmigeren" Begriff gefunden, mit dem ich mich besser identifizieren kann - nämlich ZUGEWANDTHEIT.

Die KI z.B. unterscheidet folgendermassen:

Leutseligkeit wirkt oft etwas leutseliger (im Sinne von volksnah) und breiter. Es beschreibt eher einen generellen Charakterzug oder einen umgänglichen, unkomplizierten Umgang mit „vielen Leuten“.

Zugewandtheit ist spezifischer und oft tiefer. Sie beschreibt die bewusste Aufmerksamkeit und Empathie, die man einer Person in einem bestimmten Moment schenkt.
"Schreiben ist der direkte Weg zum Herzen"
http://jakobgut.de/erdnuss.htm

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 11:33

Was bisher oben zu Nächstenliebe oder Vishnudevananda beschrieben wird, wirkt auf mich wie eine eher allgemeine Neigung. Nicht nur Kontaktfreudigkeit, sondern darin auch eine Nahbarkeit. Wenn im Begriff "Seligkeit" vorkommt, würde ich das aber eher in Nähe von "Bierseligkeit" einordnen, weniger in die von Seligkeit im geistigen (spirit) Sinne. Auch bei Politikern würde ich darunter nicht diese häufig inszenierte Volksnähe verstehen, sondern eine seltene Nähe zu Leuten, die von diesen dann auch im Vergleich als auffällig empfunden wird (ich denke, dann öfters, weil diese Leute mit sich mehr im Reinen wären (was Fanatismus jedoch ganz und gar nicht ausschließt) als viele andere gerade in solchen Positionen), nicht nur im Sinne des üblichen recht leeren Pathos ähnlich "Sportreportagen".

Zugewandtheit wäre dann spezifisch in dem Sinne, daß sie nur in bestimmten Kontakten auftritt, nicht in den meisten?

Dennoch denke ich schon, daß ich Eingehen von "Leutseligen" auf mich meist weniger als tieferes Nahekommen empfinden würde, weil solche Leute wohl dennoch weitgehend vom eigenen Horizont ausgehen und oft "nicht viel Zeit haben" um entsprechend Ungewohntes auch kenntlicher aufzunehmen. Wobei ich soetwas nicht bei jedem ausschließen würde, daran hinge aber wohl viel mehr als nur an dieser Eigenschaft auf andere zuzugehen, in gewisser Weise offen für sie zu sein.

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 15:20

S. 234-236 hat geschrieben:Es gibt in der Kommunität eine Schwester, die das Talent hat, mir in jeder Hinsicht zu mißfallen, ihre Manieren, ihre Worte, ihr Charakter schienen mir sehr unangenehm. Sie ist jedoch eine heilige Klosterfrau, die dem Lieben Gott sicher sehr angenehm ist; so wollte ich der natürlichen Antipathie, die ich empfand, nicht nachgehen, ich sagte mir, die Liebe dürfe nicht in Gefühlen bestehen, sondern müsse sich in Werken äußern; nun bemühte ich mich, für diese Schwester zu tun, was ich für den mir liebsten Menschen getan hätte. Jedes Mal, wenn sie mir begegnete, betete ich für sie zum Lieben Gott und bot ihm alle ihre Tugenden und Verdienste an. Ich fühlte, dies machte Jesus Freude, denn es gibt keinen Künstler, der nicht gern Lob für seine Werke empfängt, und Jesus, der Künstler der Seelen, ist glücklich, wenn man sich nicht beim Äußeren aufhält, sondern bis zum inneren Heiligtum vordringt, das er sich zur Wohnstätte erkoren hat, und dessen Schönheit bewundert. Ich gab mich nicht damit zufrieden, viel für die Schwester zu beten, die mir so viele Kämpfe verursachte, ich suchte ihr alle möglichen Dienste zu leisten, und wenn ich in Versuchung kam, ihr auf unangenehme Art zu antworten, begnügte ich mich damit, ihr mein liebenswürdigstes Lächeln zu zeigen, und versuchte, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken, denn es heißt in der Nachfolge Christi: Es ist besser, jeden bei seiner Meinung zu lassen, als sich mit Widersprechen aufzuhalten.
Oft auch, wenn ich außerhalb der Rekreation (ich meine während der Arbeitsstunden) mit dieser Schwester eine gemeinsame Arbeit zu verrichten hatte, und meine inneren Kämpfe zu heftig wurden, rannte ich wie ein Fahnenflüchtiger davon. Da sie völlig ahnungslos war in bezug auf das, was ich für sie empfand, hat sie nie Verdacht geschöpft über die Beweggründe meines Verhaltens und bleibt überzeugt, ihr Charakter sei mir angenehm. Eines Tages in der Rekreation sagte sie mit sehr zufriederner Miene ungefähr folgende Worte zu mir: "Schw. Th. vom Kinde Jesu, würden Sie mir sagen, was Sie so sehr zu mir hinzieht, jedesmal, wenn Sie mich anblicken, sehe ich Sie lächeln?" Ach! was mich anzog, war Jesus, verborgen auf dem Grund ihrer Seele... Jesus, der das Bitterste süß macht... Ich entgegnete ihr, daß ich lächle, weil ich froh sei sie zu sehen (selbstverständlich fügte ich nicht hinzu, dies gelte vom geistlichen Gesichtspunkt aus).

Soweit wirkt dies auf mich seltsam, das Folgende vermag ich jedoch eigentlich gar nicht nachzuvollziehen.
S. 237 hat geschrieben:Ich meinerseits empfand das ganze Gegenteil und hatte große Lust, mich zu verteidigen; zum Glück kam mir ein lichter Gedanke, ich sagte mir, wenn ich anfinge, mich zu rechtfertigen, könnte ich den Frieden meiner Seele nicht bewahren.

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 18:15

Das Motiv sich nicht gegenüber anderen zu rechtfertigen, gibt es auch im Tagebuch der heiligen Faustyna. Sollte also das ein Grund für solches Tugendverständnis sein, daß es Menschen gibt, die in sich erleben dann den Frieden ihrer Seele zu verlieren? Wieso das nun? Wieso sollte jemand dann so empfinden?

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Agape » Do 16. Apr 2026, 18:33

Marsianer hat geschrieben:Zugewandtheit wäre dann spezifisch in dem Sinne, daß sie nur in bestimmten Kontakten auftritt, nicht in den meisten?

Ich würde Zugewandtheit auch als eine grundsätzliche Haltung ansehen, mit der man anderen Menschen begegnet. Jedoch würde sich ein "Zugewandter" einem Gegenüber im Kontakt vermutlich nicht weiter aufdrängen wollen, wenn dieser nicht mit ähnlicher Zugewandtheit reagierte.

Ein "Leutseliger" vielleicht eher?
"Schreiben ist der direkte Weg zum Herzen"
http://jakobgut.de/erdnuss.htm

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 18:51

Hm.
Positive Gegenteile von Zugewandtheit, man könnte diese auch als Gegenpole bezeichnen: Neutralität, Objektivität, Gleichmut, Gerechtigkeit, Strenge, Gerechtigkeitssinn, Fairness

https://wiki.yoga-vidya.de/Zugewandtheit

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Do 16. Apr 2026, 19:31

Gemäß Gal 5,20 und anderen Stellen gilt Streiterei als Werk des Fleisches. Sich zu rechtfertigen könnte situativ also theoretisch als etwas betrachtet werden, das einen Schritt dahin tut mit jemandem in eher unversöhnliche Streiterei zu verfallen. Die kleine heilige Theresa schildert große Lust sich zu verteidigen. Diese kann sie als eher fleischlich eingeordnet haben? Aber offenbar beschrieb sie diesen Drang, diese Lust und dem nicht nachzukommen nicht als etwas, das den Frieden in ihrer Seele störte.

Meine Perspektive wäre allgemein wohl eher eine, die davon ausginge, daß andere Menschen (so sie innerlich heiler wären) Sachverhalte richtig verstehen wollen, um dann gerecht handeln zu können. Vielleicht würde ich mich dann genau betrachtet weniger verteidigen oder rechtfertigen, sondern eher versuchen etwas aus meiner Sicht zu erklären. Und ich würde sagen, daraus entsteht in der Regel dann auch keine unversöhnliche Streiterei?

Und so aneinender vorbeizuleben, daß der andere nicht gesagt bekommt, wie dieser auf einen wirkt finde ich tendenziell ganz schrecklich. Und das in dem Fall auch noch wegen soeinem auf mich sehr suspekt wirkenden quasi als selbstverständlich hingestellten Pseudoharmoniebedürfnis. Und so wie die heilige Theresa das darstellt würde ich dabei auch von falsch Zeugnis geben ausgehen.

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Re: Leutseligkeit

Beitragvon Marsianer » Sa 18. Apr 2026, 21:03

S. 239 hat geschrieben:Ich sagte; Jesus will nicht, daß ich zurückverlange, was mir gehört; das sollte mir leicht und natürlich vorkommen, da nichts mein eigen ist. Auf die irdischen Güter habe ich durch das Gelübde der Armut verzichtet, ich habe also kein Recht, mich zu beklagen, wenn man mir etwas wegnimmt, was mir nicht gehört, ich muß mich im Gegenteil freuen, wenn ich die Armut zu fühlen bekomme. Früher glaubte ich an nichts zu hängen, aber seitdem ich die Worte Jesu verstanden habe, stelle ich fest, daß ich bei manchen Gelegenheiten recht unvollkommen bin. Zum Beispiel beim Malen ist nichts mein eigen, ich weiß es wohl; wenn ich mich aber an die Arbeit mache und finde Pinsel und Farben in völliger Unordnung, wenn ein Lineal oder ein Federmesser abhanden kam, so verläßt mich beinahe die Geduld, und ich muß mein Herz in beide Hände nehmen, um die mir fehlenden Sachen nicht mit Bitterkeit zurückzuverlangen.

S. 240-241 hat geschrieben:Verzeihen Sie mir, meine vielgeliebte Mutter, und bedenken Sie, daß gegenwärtig die Krankenschwestern an mir üben, was ich soeben beschrieben habe; sie schrecken nicht davor zurück, zweitausend Schritte zu machen, wo zwanzig genügten, ich konnte also die Nächstenliebe am Werk beobachten! Zweifellos wird meine Seele davon mit Wohlgeruch erfüllt; mein Geist aber, ich gestehe, ist angesichts solcher Ergebenheit ein wenig gelähmt, und meine Feder hat an Beschwingtheit eingebüßt. Um meine Gedanken wiedergeben zu kommen, muß ich sein wie der einsame Sperling, und das ist mir selten beschieden. Kaum greife ich zur Feder, da kommt auch schon eine gute Schwester, die Heugabel auf der Schulter, an mir vorüber. Sie glaubt mich zu zerstreuen, indem sie ein wenig mit mir plaudert: Heu, Enten, Hühner, Arztbesuch, alles kommt aufs Tapet; offen gestanden, es dauert nicht lange, aber es gibt mehr als eine liebevolle Mitschwester, und unversehens legt eine andere Heuerin mir Blumen in den Schoß, im Glauben vielleicht mir damit poetische Gedanken einzugeben. Ich aber trage in diesem Augenblick kein Verlangen danach, es wäre mir lieber, die Blumen wiegten sich noch auf ihren Stengeln. Schließlich, müde vom ständigen Auf- und Zumachen dieses berühmten Heftes, schlage ich ein Buch auf (das nicht offen bleiben will) und erkläre energisch, ich würde Stellen aus den Psalmen und dem Evangelium abschreiben zum Namenstag Unserer Mutter. Das ist ja auch wahr, denn ich spare nicht an Zitaten... [...] ich weiß nicht, ob ich je zehn Zeilen schreiben konnte, ohne gestört zu werden [...] doch um der Liebe Gottes und meiner Mitschwestern willen (die so liebevoll sind gegen mich) versuche ich zufrieden auszusehen und vor allem es zu sein...


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