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Marsianer
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Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mo 22. Dez 2025, 00:18

Was hat es eigentlich mit diesen Darstellungen einer ewigen Gottesschau "der triumphierenden Kirche" auf sich?

Soetwas?
3. Kontemplation als Zustand der Einheit – unio mystica

Der im engeren Sinne mystische Zustand widerfährt dem Menschen, bleibt unverfügbar, Geschenk, Gnade. Er kann also nicht willentlich herbeigeführt, sondern nur in der treuen Übung vorbereitet werden. Gegenüber dem Gebet der Ruhe führt der Weg weiter, in dem der Schauende (der sich in der Gegenwart Gottes Erlebende) und das Geschaute (die Gegenwart Gottes) eins wird. Der Schauende und das Geschaute werden eins. An dieser Stelle gilt es, auch die Wahrnehmung des eigenen Seins noch zu lassen. Der Autor der Briefe persönlicher Führung schreibt: „ Nachdem es dir schließlich gelungen ist, alle Geschöpfe und was sie betrifft zu vergessen, wird noch immer deutlich und unverhüllt, die Erfahrung und Wahrnehmung deines eigenen Seins zwischen dir und Gott stehen.“ (Willi Massa (Hg.), Wolke des Nichtwissens und Briefe persönlicher Führung, Freiburg 1999, S.101). „Falls du beim Üben merkst, dass du noch nicht Gott, sondern erst dein eigenes Sein wahrnimmst und erfährst, verlange mit der ganzen Kraft deines Herzens danach, einzig in Gottes Sein zu versinken und dass dir nichts übrig bleibt als der tiefe Wunsch, die kärgliche Erkenntnis und die den Grund verstellende Wahrnehmung deines eigenen dunklen Seins zu vergessen“ (S.79). An dieser Stelle wird das Paradox besonders deutlich: absichtslos etwas lassen, noch das Letzte, die Wahrnehmung des eigenen Seins lassen, ohne Erwartung und Absicht. Oft vollzieht sich das Öffnen dieses letzten Tores dann gar nicht in der Übung, sondern im Alltäglichen: Die Erfahrung der Einheit von Zeit und Ewigkeit, Ich und Du, dem Umgebenden und mir. Alles Bilder, die zur nachträglichen Beschreibung verwandt werden und doch völlig ungenügend sind.

4. Kontemplation als Personalisierung der Erfahrung in alltägliche Haltung

Aber auch damit ist der Weg nicht zu Ende: Er führt weiter in den Alltag, sonst handelt es sich um einen Irrweg. Ein ebensolcher Irrglaube stellt die Ansicht dar, mit dieser Einheitserfahrung sei der Weg persönlicher Transformation, womöglich gar im Sinne der „Heiligung“ abgeschlossen. Persönliche Disposition, lebensgeschichtlich erworbene Verletzungen und alte unangemessene Reaktionen stellen sich auf der personalen Ebene auch nach einer solchen Erfahrung, die unterschiedliche Tiefung erreichen kann, wieder ein. Jedoch besteht die Chance der Wandlung, Reinigung und Heilung, da die Gewichtung deutlich verschoben ist. Aus der Erfahrung der Einheit wird Verbundenheit auch im personalen Erleben spürbarer und wird zur Aufgabe, die in alltäglicher Lebenswirklichkeit eingelöst werden will. In diesem Sinn besteht die Treue nicht nur im Blick auf die Übung, sondern ebenso im Blick auf die gesamte Lebensgestaltung.

https://www.kontemplationundmystik.de/texte-audios-videos/monatsbrief-einzelansicht/?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=150

Auf mich wirkt das eher wieder fremd. Hier würde also eine "nonduale Erfahrung" Irrweg sein, würde sie nicht zu "persönlicher Transformation" im Alltag führen? Die ließe sich doch sinngemäß vermutlich viel leichter durch "anderen Geist ergreifen" erfahren.

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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mo 22. Dez 2025, 01:36

Hm.
Seliger Heinrich Seuse, Büchlein der Wahrheit, Kapitel IV hat geschrieben:335,10 Der aber dis sich ordenlich woͤ lti lazen, der soͤ lti drie inblike
335,11 tuͦ n: den ersten also, daz er mit eime entsinkenden inblike kerti
335,12 auf die nihtekeit sins eigenen siches, schoͮ wende, daz daz sich und
335,13 und aller dingen sich ein niht ist, us gelazsen und us geschlozsen
335,14 von dem ichte, daz dú einig wúrkende kraft ist. Der ander in-
335,15 blik ist, daz da nit úbersehen werde, daz in dem selben nehsten
335,16 gelezse iedoch sin selbs sich alwegent blibet uf siner eigen gezoͤ w-
335,17 licher istikeit nach dem usschlage, und da nút ze male vernihtet
335,18 wirt. Der dritte inblik geschiht mit einem entwerdenne und friem
335,19 ufgebenne sin selbs in allem dem, da er sich ie gefuͦ rte in eigener
335,20 angesehner kreatúrlichkeit, in unlediger manigvaltikeit wider die
335,21 goͤ tlichen warheit, in liebe ald in leide, in tuͤ nne oder in lazenne,
335,22 also daz er mit richem vermúgenne sich wiseloseklich vergange, und
335,23 im selb unwidernemklich entwerde und mit Cristo in einikeit eins
335,24 werde, daz er us disem nach einem injehenne allú zit wúrke, ellú
335,25 ding enphahe, und in diser einvaltikeit ellú ding an sehe. Und dis
335,26 gelassen sich wirt ein kristfoͤ rmig ich, von dem dú schrift seit von
335,27 Paulo, der da sprichet: “ich leb, nit me ich, Cristus lebt in mir.”
335,28 Und daz heiss ich ein wolgewegen sich.

336,1 Nu nemen wir daz ander wort her fúr, daz er spricht: lazsen.
336,2 Daz meinde er ufgeben oder verahten, nút also, daz man es múg
336,3 gelazsen, daz es zemal ze nihti werde, denn allein in der verahtunge,
336,4 und denn ist im gar reht.
336,5 Der junger: Gelobet si dú warheit! Lieber herr, sag mir,
336,6 blibet eime seligen gelazenen menschen útzet?
336,7 Dú warheit: Es geschihet ane zwifel, wenne der guͦ t und
336,8 und getrúw kneht wirt in gefuͤ ret in die oͤ de sins herren, so wirt
336,9 er trunken von dem unmessigen úberflusse des goͤ tlichen huses; wan
336,10 ime [140r] geschihet in unsprechelicher wise als einem trunken
336,11 menschen, der sin selb vergisset, daz er sin selbes nit ist, daz er
im selb zemal entworden ist und sich zemal in got vergangen hat
und ein geist mit im worden ist in aller wise, als ein kleines wassers
troͤ phlin in vil wines gegozsen.
Wan als daz im selber entwirdet,
so es den smak und die varwe an sich und in sich zúhet, also ge-
schiht dien, die in voller besitzunge sint der selikeit, daz dien in
unsprechelicher wise ellú menschlichú begirde entwichet, und in
selber entsinkent und ze male in dem goͤ tlichen willen versinkent.
Anders moͤ hti dú schri nút war sin, dú da sprichet, daz got sol
werden ellú ding in allen dingen, were daz des menschen in dem
menschen út blibi, daz nit zemal uz im gegozsen wurdi. Da blibet
wol sin wesen, aber in einer anderú forme, in einer anderú glorie
und in eime andern vermugenne. Und daz kumet alles von ir selbs
grundlosen gelazsenheit.

Und sprichet denne uf den vordern sin also: ob aber kein
mensche in disem lebenne als gelazsen si, daz er daz volkomenlich

(Die Randnummern sind bezogen auf die Seitenzahl der Gesamtausgabe Heinrich Seuse, "Deutsche Schriften" Im Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte hrsg.von Karl BIHLMEYER, Stuttgart 1907)

(So wird er betrunken von dem unermesslichen Überfluß des göttlichen Hauses; ihm geschieht’s in unbeschreibbarer Weise wie einem trunkenen Menschen der sich selbst vergißt, daß er seiner selbst nicht ist, da er sich selbst einmal entworden ist und einmal in Gott vergangen ist und ein Geist mit ihm geworden ist in aller Weise, wie wenn ein kleines Tropflein Wasser in viel Wein gegossen wird.)

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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Di 23. Dez 2025, 22:26

Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ansonsten würde ein Erleben wie "ein Tropfen Wasser fällt in ein Meer aus Wein" aus meiner Sicht am ehesten erstmal wieder auf Anstrahlungswirkung hindeuten, nicht auf eigene seelische "Heiligung".

Goldmädchen
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Goldmädchen » Mo 29. Dez 2025, 16:13

Das in altdeutsch oben habe ich nicht gelesen, nur den Eingangstext ein bisschen. Diese Erfahrung kenne ich. Daher wollte ich meine Ansicht zu deinen Fragen dazu mitteilen- sie besser gesagt beantworten auf Grundlage meiner Erfahrung.

Marsianer hat geschrieben:Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ego und finstere Neigungen hängen für mich zusammen, Dualitätssicht ist für mich Ego. Eine Ansicht von Subjekt und Objekt, denn das führt fast immer auch zu den finsteren Neigungen im Herzen. Zu falschen Ansichten bzw ist diese Dualitätssicht die falsche Ansicht. Das Herz ist dann noch nicht befreit. Ein nicht befreites Herz ist für mich dasselbe wie das Ego.


Ansonsten würde ein Erleben wie "ein Tropfen Wasser fällt in ein Meer aus Wein" aus meiner Sicht am ehesten erstmal wieder auf Anstrahlungswirkung hindeuten, nicht auf eigene seelische "Heiligung".


Ja ( ich weiß zwar immer noch nicht genau was das mit dem Anstrahlen bei dir genau meint, aber ich kann es mir ein bisschen denken ) .
Als ich diesen Segen erfahren durfte, kam es mir Jahre später auch so vor als wurde ich eher überstrahlt oder angestrahlt von dem Göttlichen.
Ich würde aber dennoch sagen, dass man selbst auch etwas dazu getan haben muss, etwas herausragendes oder mutiges. Daher wird einem diese Gnade gegeben. Na gut bei dem Autor heißt es, das Beten auch zu dieser Erfahrung führen kann und ein sich selbst loslassen wollen. Das ist ja sehr ähnlich oder daselbe wie beim Meditieren, wo man auch von sich loslassen übt, sich dem Höheren Geist hingeben will.


Zitat : " (..) in dem der Schauende (der sich in der Gegenwart Gottes Erlebende) und das Geschaute (die Gegenwart Gottes) eins wird. Der Schauende und das Geschaute werden eins. An dieser Stelle gilt es, auch die Wahrnehmung des eigenen Seins noch zu lassen. Der Autor der Briefe persönlicher Führung schreibt: „ Nachdem es dir schließlich gelungen ist, alle Geschöpfe und was sie betrifft zu vergessen, wird noch immer deutlich und unverhüllt, die Erfahrung und Wahrnehmung deines eigenen Seins zwischen dir und Gott stehen.“
Es ist wahr, das Gesehene und der Sehende wurden eins, aber dennoch war da noch ein wenig ein eigenes Selbst, das Ego der Kommentator ( zwar sehr im Hintergrund und war sehr beobachtbar für das Göttliche, nur eben noch nicht aufgelöst oder ganz still ).
Darum gebe ich dir recht, dass das noch keine eigene seelische Heiligung war. Ich würde aber gerne wissen wie man diese Erfahrung im Yoga oder im Buddhsimus nennen würde. Ich schätze das war ein bestimmtes Samadhi. Bei beiden w+rde es so betitelt werden, wenn auch wahrscheinlich mit verschiedenen Namen dran. : )

Zitat : " Die Erfahrung der Einheit von Zeit und Ewigkeit, Ich und Du, dem Umgebenden und mir. Alles Bilder, die zur nachträglichen Beschreibung verwandt werden und doch völlig ungenügend sind."
Das stimmt auch.

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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mi 31. Dez 2025, 04:59

Goldmädchen hat geschrieben:
Marsianer hat geschrieben:Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ego und finstere Neigungen hängen für mich zusammen, Dualitätssicht ist für mich Ego. Eine Ansicht von Subjekt und Objekt, denn das führt fast immer auch zu den finsteren Neigungen im Herzen. Zu falschen Ansichten bzw ist diese Dualitätssicht die falsche Ansicht. Das Herz ist dann noch nicht befreit. Ein nicht befreites Herz ist für mich dasselbe wie das Ego.

Du nahmst auf Betrunkene gar keinen Bezug?

"Dualität" war in der Vergangenheit oft auch ein Wort, bei dem nicht so klar war, was jemand damit meint, der es verwendet?
Als ich diesen Segen erfahren durfte, kam es mir Jahre später auch so vor als wurde ich eher überstrahlt oder angestrahlt von dem Göttlichen.

Aha, es wäre ein "äußerer Einfluß" unter dem sich dein Inneres anders darstellen würde?
Ich würde aber dennoch sagen, dass man selbst auch etwas dazu getan haben muss, etwas herausragendes oder mutiges.

Es ist wahr, das Gesehene und der Sehende wurden eins, aber dennoch war da noch ein wenig ein eigenes Selbst, das Ego der Kommentator ( zwar sehr im Hintergrund und war sehr beobachtbar für das Göttliche, nur eben noch nicht aufgelöst oder ganz still ).

Aha.

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Gott schauen

Beitragvon Marsianer » Mi 27. Mai 2026, 18:19

Werden wir nach 1. Tim. 6.15.16 Gott nie sehen?

Antwort A

In der angeführten Stelle wird uns gesagt, „dass Gott ein unzugängliches Licht bewohnt und dass Ihn kein Mensch gesehen hat noch sehen kann”. Ähnliches lesen wir in Joh. 1,18: „Niemand hat Gott jemals gesehen, der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, hat Ihn kundgemacht” (vgl. Joh. 6,46 und 1. Joh. 4,12). Dagegen lesen wir Mt. 18,10, dass „die Engel droben allezeit das Angesicht des Vaters sehen”. Nach meiner Auffassung werden wir Ihn, unseren Gott, als Vater schauen, denn wenn es die Engel tun, so dürfen wir wohl annehmen, dass wir es als Kinder Gottes auch tun werden. Auch werden wir Ihn in Christo schauen in vollkommener Weise. Im Alten Bunde sahen die Söhne Israels Gott, d. h. Jehova, z. B. 2. Mose 24,10 „wie den Himmel selbst an Klarheit”; so sahen sie Ihn, und im 17. V. heißt es, dass dies Ansehen der Herrlichkeit Jehovas wie ein verzehrendes Feuer war. Und 2. Mose 33,20 sagt der HERR zu Mose: „Nicht kann ein Mensch Mich sehen und leben.” Nach allen diesen und anderen Schriftstellen werden wir Gott nie sehen in Seiner Heiligkeit, weil diese für uns wie ein verzehrendes Feuer sein wird. Dagegen werden wir Ihn, wie oben gesagt, sehen in Christo und auch als liebenden Vater.
Ph. W.

Antwort B

Es ist von großer Wichtigkeit, von welchem Standpunkt aus man diese Frage stellt und behandelt. Die Schrift spricht von einem äußeren und inneren, alten und neuen Menschen usw. (vgl. Eph. 4,22.24; 1. Kor. 15,44 u. a.). Der natürliche Mensch (d. h. „Fleisch und Blut”) wird Gott nie sehen. Moses wollte Gott sehen, aber es wurde ihm nicht gewährt (2. Mose 33,20). Weil Gott Unsterblichkeit hat, ist es einfach ausgeschlossen, dass der natürliche durch die Sünde verderbte Mensch Ihn sehen kann. Der natürliche Leib fällt dem Tode anheim. Nach Röm. 1,18ff. gibt Gott Sich den Menschen durch die Schöpfung zu erkennen, dass sie an Ihn glauben können; aber Gott als Gott erkennen liegt außer uns und bedarf einer Offenbarung von Ihm (Mt. 16,16.17; vgl. noch 1. Kor. 15,50; Joh. 3,3.6 u. a.). Das Fleisch nützt nichts (Joh. 6,63). Es ist wohl fähig, alles Heilige in den Schmutz zu ziehen, aber nicht, vor Gott zu stehen.

Aber der geistige, von Gott geschaffene und erneuerte Mensch hat als höchstes Ziel, nach der Schrift, dass er Gott gleich sein wird, weil er Ihn (Gott) sehen wird, wie Er ist (1. Joh. 3,2). Gott zu sehen ist nur durch das von Christus auf Golgatha vollbrachte Opfer möglich. Wer dieses im Glauben annimmt, befindet sich von Stund' an auf dem Wege, Gott ähnlich zu werden (vgl. Joh. 17,24; 1. Kor. 13,12; 2. Kor. 3,18; Hiob 19,26; Ps. 17,15; Mt. 5,8).
Wie ist es doch für ein Kind Gottes so tröstlich, in allen Lebenslagen zu wissen: wenn ich diese Hülle (das Fleisch) ablege, werde ich Den sehen, zu dem meine Hoffnung steht!
....k.

Antwort C

Mit der Frage ist doch gemeint, ob wir einst Gott in irgendwelcher Gestalt sehen werden. Wenn unter Gestalt eine unseren menschlichen Begriffen wahrnehmbare Form verstanden wird, wie die eines Menschen oder irgend eines anderen Wesens, so ist die Frage zu verneinen, da Gott eine solche Form nicht hat, denn „Gott ist Geist” (Joh. 4,24) und ist „unsichtbar” (1. Tim. 1,17).

Dagegen spricht das Wort vom Schauen Gottes in anderer Weise. Ich beschränke mich hierbei auf den eigentlichen Gegenstand der Frage, das einstige Schauen Gottes in Herrlichkeit. Da sagt uns das Wort in 1. Thess. 2,12, dass Gott uns berufen hat „zu Seiner eigenen Herrlichkeit”, und in Joh. 17,24, dass der Herr Jesus will, dass wir dort sein sollen, wo Er ist, auf dass wir Seine Herrlichkeit schauen, das ist Seine göttliche Herrlichkeit. Hieraus, wie auch schon vorbildlich aus 2. Mose 33,18-23 und anderen Schritstellen, ersehen wir, dass wir die Herrlichkeit Gottes schauen werden. Das ist es auch, was mit „Gestalt Gottes” in Phil. 2,6 gemeint ist: die Herrlichkeit Gottes als das von Ihm Sichtbare, wie wir von der Gestalt eines Menschen reden in bezug auf das Bild, welches sein Äußeres unserem Auge darbietet. - Wir werden aber Sein Bild noch in anderer - ich darf wohl sagen vollkommenerer - Weise sehen: in Christo Jesu, unserem verherrlichten Heiland und HERRN. Von Ihm sagt das Wort Gottes in 2. Kor. 4,4, dass Er „das Bild Gottes ist”, und Kol. 1,15, dass Er „das Bild des unsichtbaren Gottes ist”, sowie ferner Hebr. 1,3, dass Er „der Abglanz Seiner Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens” ist, und 1. Joh. 3,2, dass wir „Ihn sehen werden, wie Er ist”. Er, der eingeborene Sohn, der hienieden Gott kundgemacht hat (Joh. 1,18) und den Seinen sagen konnte: „Ich und der Vater sind eins” (Joh. 10,30), „wer Mich sieht, sieht Den, der Mich gesandt hat” (Joh. 12,45, vgl. Joh. 14,9), Er wird auch in Ewigkeit das wunderbare, unaussprechlich herrliche Bild Gottes sein, in welchem wir den „unsichtbaren” Gott in Vollkommenheit schauen werden. Gepriesen sei Sein Name für diese wunderbare Gnade, die schon jetzt, wenn wir nur daran denken, unser Herz mit verherrlichter Freude erfüllt!
Th. K.

Antwort D

Die obige Schriftstelle befaßt sich mit Tatsachen und Eigenschaften, die nur Gott eigen und innewohnend sind. Z. B. das Wort: „Der allein Unsterblichkeit hat!” zeigt uns klar, dass Unsterblichkeit nur Gott eigen ist, uns aber als Seinen Geschöpfen gegeben.

Es ist ohne Zweifel auch von Nutzen, bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass wir unterscheiden müssen zwischen den Segnungen und Vorrechten, die wir als Kinder Gottes durch den Herrn Jesus empfangen: einerseits - vergl. Röm. 8,17.29; Eph. 2,6; und andererseits - was Ihm eigen ist als eingeborenem Sohne Gottes, woran wir keinen Teil haben, worin Er uns mit Sich nicht eins machen kann. Joh. 17,22 spricht der HERR von einer von Ihm uns gegebenen Herrlichkeit, in Vers 24 aber von einer Herrlichkeit, welche nicht mitgeteilt werden kann, da sie allein dem Sohne eigen ist. Er will aber, daß, wo Er ist, auch wir seien, auf dass wir Seine Herrlichkeit schauen. Welche Gnade! Christus kann und hat uns mit Sich vereinigt in dem, was Ihm als dem letzten Adam und zweiten Menschen vom Himmel eigen ist, vergl. 1. Kor. 15,45-50, aber niemals in dem, was Ihm als einer göttlichen Person zukommt (z. B.: Thron Gottes, Herrlichkeit Gottes; Anbetung, HERR der HERRen, usw.).
In diesem Sinne, glaube ich, kann wohl die in Frage kommende Stelle verstanden werden.

Wir können Gott nur durch Offenbarung erkennen, wie Joh. 1,18 uns deutlich genug sagt: „Niemand hat Gott jemals gesehen, der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, hat Ihn kundgemacht,” Er, der Sohn Seiner Liebe, ist das Bild des unsichtbaren Gottes (Kol. 1,15). Wer Ihn gesehen hat, hat den Vater gesehen (Joh. 14,9). Aber nur im Sohne offenbarte Sich Gott Seinem Wesen nach, wie Er Sich in der Schöpfung Seiner ewigen Kraft und Göttlichkeit nach offenbarte (Röm. 1,20).
In Christo werden wir Gott schauen! Welche Gnade! Ihm sei Dank, dass wir Ihn erkennen, sehen und schauen im Sohne, wie es Ihm wohlgefiel, Sich uns zu offenbaren. Aber vergessen wir nicht, dass Gott ein für den Menschen unzugängliches Licht bewohnt, wo nur Gott als Gott zu Hause ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Licht, welches nur Gott eigen ist, mithin unzugänglich für das Geschöpf, welches endlich ist, Er aber ist unendlich für das Geschöpf, welches erforschlich ist, Er aber ist unerforschlich. Welchem Ehre sei und ewige Macht! Amen. Ich glaube nicht, dass diese Stelle Bezug hat auf die Tatsache, dass Gott nicht gesehen wird, weil Er ein Geist ist, was auch wahr ist, sondern vielmehr, dass dem Geschöpf als solchem Schranken gesetzt sind, die niemals von dem Endlichen (Geschöpf) überschritten werden können, selbst in alle Ewigkeit nicht. Denn dies würde bedeuten, Gott gleich zu werden, was selbstverständlich unmöglich ist.
K. O. St.

Antwort E

In unserem Leibe der Verweslichkeit und der Sünde nicht. „Du vermagst nicht, Mein Angesicht zu sehen, denn nicht kann ein Mensch Mich sehen und leben” (2. Mo. 33,20) antwortet der HERR dem Moses, der Sein Angesicht zu schauen begehrt. So ist es auch nur ein Anschauen Gottes in Form einer Vision, nicht aber von Angesicht zu Angesicht, wenn Jesaja „den HERRN sitzen sah auf hohem und erhabenem Throne” (Jes. 6,1) oder Johannes den Sohn des Menschen in seiner Gottesherrlichkeit (Off. 1,10-16); und doch ist schon hier die Wirkung des Geschauten so vernichtend gewaltig, dass Jesaja sich verloren sieht und Johannes wie tot niederfällt. - Dennoch werden nach 1. Joh. 3,2 Gotteskinder Gott sehen, wie Er ist, aber erst zu der Zeit, wo sie „Ihm gleich” sein werden, d. h. wenn ihr Leib der Niedrigkeit umgestaltet sein wird zur Gleichförmigkeit mit Christi Leib der Herrlichkeit (Phil. 3,21) und ihre Herzen tadellos in Heiligkeit befestigt sind vor unserem Gott und Vater (1. Thessal. 3,13), „ohne welche niemand den HERRN schauen wird” (Hebr. 12,14), denn nur „die Reinen im Herzen werden Gott schauen” (Mt. 5,8).
M. Fr.

Anmerkung des Herausgebers

Man hüte sich, diese und andere Stellen als Beleg anzuführen für die Lehrmeinung, dass wir Gott nicht sehen werden, höchstens Gott als Vater! Man wird die Erfahrung machen, dass diesem Dogma auch andere Schriftstellen entgegengehalten werden können, und zwar, wie oben bewiesen, mit einem gewissen Recht. - Die Stelle gibt unseres Erachtens keine Veranlassung, eine solche Lehre aufzustellen. Wer diese Lehre auf sie stützen zu können meint, der könnte auch versuchen, aus ihr zu beweisen, dass wir nicht unsterblich würden! lasst uns stets so vorsichtig wie möglich umgehen mit dem Wortlaut von Schriftstellen!

https://www.evangeliums.net/fragen/frage_werden_wir_gott_nie_sehen.html
„Was soll ich antworten, wenn meine Freunde sagen, dass kein Mensch Gott sehen kann?“

Deine Freunde haben vermutlich die wenigen Verse in der Bibel gelesen, die besagen, dass der Mensch Gott nicht sehen kann (siehe Exodus 33:20; Johannes 1:18; 1 Timotheus 6:14-16; 1 Johannes 4:12). Diese Verse scheinen anderen Versen in der Bibel zu widersprechen, die besagen, dass Männer wie Jakob, Abraham, Mose und Jesaja Gott gesehen haben (siehe Genesis 18:1; 32:31; Exodus 33:11; Jesaja 6:1).

Zum Glück haben wir die Joseph-Smith-Übersetzung der Bibel, in der die vier Schriftstellen, die besagen, dass der Mensch Gott nicht sehen kann, klarer werden. In der inspirierten Überarbeitung des Propheten steht in diesen Versen, dass sündhafte Menschen Gott nicht sehen können, sondern nur diejenigen, die glauben. Und auch ein Rechtschaffener muss verwandelt – verklärt – werden, um Gott sehen zu können (siehe LuB 67:11). In der Köstlichen Perle wird von Mose berichtet, der Gott gesehen hat, wobei Mose erklärt, dass er Gott mit seinen geistigen Augen gesehen habe, nicht mit seinen natürlichen (siehe Mose 1:11).

Du kannst deinen Freunden auch sagen, dass wir „glauben, dass die Bibel, soweit richtig übersetzt, das Wort Gottes ist“ (8. Glaubensartikel). Außerdem kannst du von Joseph Smith und neuzeitlichen heiligen Schriften Zeugnis geben, die uns erklären, dass diejenigen, „die ein reines Herz haben, … Gott schauen“ werden (siehe Matthäus 5:8).

https://www.churchofjesuschrist.org/study/liahona/2011/08/youth/how-can-i-respond-when-my-friends-say-that-no-man-can-see-god?lang=deu

Marsianer
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Re: Gott schauen

Beitragvon Marsianer » Mi 27. Mai 2026, 21:10

Nach allen diesen und anderen Schriftstellen werden wir Gott nie sehen in Seiner Heiligkeit, weil diese für uns wie ein verzehrendes Feuer sein wird. Dagegen werden wir Ihn, wie oben gesagt, sehen in Christo und auch als liebenden Vater.

Worin geht es also in diesen Stellen? Zum Thema "Vater" dürfte von mir woanders schon genug gesagt worden sein.

Wenn jemand davon spricht "gesehen zu werden", dann kann das im seelischen Sinne ja meinen, daß sich jemand verstanden fühlt. Jemand sieht, wie ich innen bin, versteht darauf einzugehen und das ist dann meist etwas das als angenehm, stark wünschenswert dargestellt wird. Den menschlichen Körper Christi zu sehen an sich hätte mit solchem "sehen" z.B. nicht viel zu tun, auch wenn manche Menschen ja bestimmte Empfindungen bei körperlicher Nähe zu ihm beschrieben hatten. Da würde es eher um ein "Empfinden von Energien" gehen, ein Spüren solcher in bestimmten charakteristischen Eigenschaften? Mit solchem Spüren hätte es nach meinem Verständnis zu tun, wenn Menschen von empfundener Nähe zu Gott, einem Erleben Gottes sprächen. Gott wäre insofern die Sonne als Herkunft des so seelisch empfundenen Lichtes, aber die Sonne direkt anzusehen soll die Augen des Körpers schädigen, denn dieses Licht sei zu intensiv für diese. Also: Welche Intensität solchen seelischen Empfindens der Präsenz Gottes könnte die Seele eines Menschen vertragen? Inwiefern kann sie innerlich lebendig bleiben, noch eigenes Wollen aufweisen angesichts solcher kräftiger "Lichtwirkung"? Etliche Menschen tun sich ja schon damit schwer, vor anderen Menschen zu bestehen, "auch bei sich zu bleiben".

So ordne ich diese thematischen Stellen wohl ersteinmal selbst ein. Aber diese Autoren befassen sich wohl eher mit anderen Ideen dazu? Oder verstehe ich sie nur nicht gut?
Aber der geistige, von Gott geschaffene und erneuerte Mensch hat als höchstes Ziel, nach der Schrift, dass er Gott gleich sein wird, weil er Ihn (Gott) sehen wird, wie Er ist (1. Joh. 3,2). Gott zu sehen ist nur durch das von Christus auf Golgatha vollbrachte Opfer möglich.

Dennoch werden nach 1. Joh. 3,2 Gotteskinder Gott sehen, wie Er ist, aber erst zu der Zeit, wo sie „Ihm gleich” sein werden, d. h. wenn ihr Leib der Niedrigkeit umgestaltet sein wird zur Gleichförmigkeit mit Christi Leib der Herrlichkeit (Phil. 3,21) und ihre Herzen tadellos in Heiligkeit befestigt sind vor unserem Gott und Vater (1. Thessal. 3,13), „ohne welche niemand den HERRN schauen wird” (Hebr. 12,14), denn nur „die Reinen im Herzen werden Gott schauen” (Mt. 5,8)

Aha?

Marsianer
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Fr 29. Mai 2026, 17:44

Andre Frossard, Gott existiert - Ich bin ihm begegnet, Herder, 1970, Kapitel 29-32 hat geschrieben:Was man von der Kapelle oberhalb des Portals sehen konnte, war nicht gerade erhebend. Sie gewinnt nicht - die kleinen Schwestern, deren kleiner Bruder ich bald sein werde, mögen es mir verzeihen, wenn ich schlecht über ihre Behausung rede -, wenn man ihren unteren Teil sieht. Es ist eines jener neugotischen Bauwerke aus dem 19. Jahrhundert, von Architekten geschaffen, die es sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, Ordnung in den Spitzbogenstil zu bringen, und ihm auf diese Weise Leben und Bewegung genommen haben. Ich schreibe das nicht um des zweifelhaften Vergnügens willen, einen Kunststil zu kritisieren, über den das Urteil bereits gefällt ist, sondern um es ganz klarzumachen, daß künstlerische Erregung bei dem, was nun folgte, nicht im Spiele war.

Das Innere der Kapelle ist nicht reizvoller als das Äußere. Eine öde Werkshalle, Werft eines steinernen Schiffes, dessen düster graue Linien aufeinanderstoßen und wieder auseinandergehen, bevor sie die Möglichkeit gehabt haben zur zisterziensischen Begegnung der Strenge mit der Schönheit. Das Schiff ist klar in drei Teile geschieden. Der erste, beim Eingang, ist den Gläubigen vorbehalten, die im Halbdunkel beten. Bunte Glasfenster, deren Farben durch die Masse der umliegenden Gebäude getrübt sind, werfen ein wenig Licht auf ein paar Statuen und einen blumengeschmückten Seitenaltar.

Der zweite Teil wird von den Ordensschwestern eingenommen, die mit ihren schwarzen Schleiern auf dem Kopf aussehen wie Reihen sittsamer Vögel in ihrem Gestühl aus poliertem Holz. Später werde ich erfahren, daß es Schwestern "von der Sühnenden Anbetung" sind, einer Kongregation, die als fromme Antwort auf gewisse Exzesse der 48er-Revolution gegründet wurde. Verhältnismäßig gering an Zahl (man wird noch sehen, daß dieser Umstand seine Bedeutung hat) gehören sie einem jener kontemplativen Orden an, die die Gefangenschaft gewählt haben, um uns frei zu machen, das Dunkel, damit wir Licht haben, und von denen die materialistische Weltanschauung - für eine oder zwei Minuten noch die meine - sagt, sie seien zu nichts gut auf der Welt. Sie sprechen mit wechselnden Stimmen irgendein Gebet, das von einem Rande des Schiffs zum anderen widertönt, um in regelmäßigen Abständen in den Ausruf "Gloria patri et filio et spiritui sancto" zu münden, und dann wieder in den ruhig plätschenden Wechselgesang zurückfällt. Ich weiß nicht, daß es sich dabei um Psalmen handelt, daß wir der Matutin beiwohnen und daß ich vom leichten Wellengang des kanonischen Stundengebets gewiegt werde.

Der letzte Teil der Kapelle ist hell erleuchtet. Auf dem ganz in Weiß gehaltenen Hauptaltar wird ein riesiges Aufgebot an Pflanzen, Leuchtern und anderen Zierraten von einem großen Kreuz in reicher Metallarbeit überragt, das in seiner Mitte eine mattweiße runde Scheibe trägt. Drei weitere Scheiben von derselben Größe, aber in einem um eine Nuance verschiedenen Weiß, sind an den Enden der Kreuzbalken befestigt. Ich bin aus Kunstbegeisterung schon in manche Kirche eingetreten, aber ich habe noch nie mit Bewußtsein eine Monstranz mit der Hostie darin gesehen, ich glaube, auch noch nie eine Hostie, und ich weiß nicht, daß ich das Allerheiligste Altarsakrament vor mir habe, zu dem zwei Reihen brennender Kerzen emporstreben. Die zusätzlichen weißen Scheiben und die überladene Goldverzierung machen es mir noch schwerer, diese ferne Sonne als das, was sie ist, zu erkennen.

Die Bedeutung von dem allen entgeht mir, und zwar um so mehr, da ich sie nicht suche. Neben der Türe stehend. spähe ich nach meinem Freund, und es gelingt mir nicht, ihn unter den knienden Gestalten vor mir zu erkennen. Mein Blick wandert vom Dunkel zum Licht, kehrt zu den anwesenden Menschen zurück, ohne irgendeinen Gedanken mitzubringen, gleitet von den Gläubigen zu den unbeweglich verharrenden Ordensfrauen und bleibt dann, ich weiß nicht warum, an der zweiten Kerze haften, die links vom Kreuz brennt, nicht an der ersten, nicht an der dritten, sondern an der zweiten. In diesem Augenblick bricht jäh eine Welle von Wundern los, deren unerbittliche Gewalt in einem Nu von dem absurden Wesen, das ich bin, die Hülle reißen und das Kind, das ich nie gewesen bin, geblendet von dem Glanz, ans Tageslicht bringen wird.

Zuallererst werden mir die Worte "geistiliches Leben" eingegeben. Sie werden mir nicht gesagt, ich forme sie nicht selbst, ich höre sie, als würden sie neben mir mit leiser Stimme von einer Person gesprochen, sie sieht, was ich noch nicht sehe.

Kaum hat sie letzte Silbe dieses leisen Vorspiels die Schwelle meines Bewußtseins erreicht, da bricht von neuem die Lawine los. Ich sage nicht: der Himmel öffnet sich; er öffnet sich nicht, er stürzt auf mich zu, schießt plötzlich wie ein stummes Wetterleuchten aus der Kapelle empor, wo er - wie hätte ich es ahnen können? - auf geheimnisvolle Weise eingeschlossen war. Wie soll ich's schildern, mit diesen abgedankten Worten, die mir den Dienst versagen und mir die Gedanken abzuschneiden drohen, um sie in das Magazin der Einbildungen zu verweisen? Der Maler, dem es gegeben wäre, unbekannte Farben zu erschauen, womit sollte er sie malen? Es ist ein unzerstörbarer Kristall, von einer unendlichen Durchsichtlgkeit, einer beinahe unerträglichen Helle (ein Grad mehr würde mich vernichten) einem eher blauen Licht, eine Welt, eine andere Welt, von einem Glanz und einer Dichte, daß unsere Welt vor ihr zu einem verwehenden Schatten der nicht ausgeträumten Träume zurücksinkt. Es ist die Wirklichkeit, es ist die Wahrheit, ich sehe sie vom dunklen Strand aus, wo ich noch festgehalten bin. Es ist eine Ordnung im Universum, und an ihrer Spitze, jenseits dieses funkelnden Nebelschleiers, ist die Evidenz Gottes, die Evidenz, die Gegenwart ist, die Evidenz, die Person ist, die Person dessen, den ich vor einer Sekunde noch geleugnet habe, den die Christen "unseren Vater" nennen und dessen milde Güte ich an mir erfahre, eine Milde, die keiner anderen gleicht, die nicht die manchmal mit diesem Namen bezeichnete passive Eigenschaft ist, sondern eine aktive, durchdringende, eine Milde, die alle Gewalt übertrifft, die fähig ist, den härtesten Stein zu zerbrechen und was härter ist als der Stein - das menschliche Herz.

Ihr überwältigender Einbruch ist begleitet von einer Freude, die nichts anderes ist als der Jubel des vom Tod Erretteten, des gerade noch zur rechten Zeit aufgefischten Schiffbrüchigen, mit dem Unterschied allerdings, das mir erst in diesem Augenblick, da ich dem Heil entgegen emporgerissen werde, zum Bewußtsein kommt, in welchem Schlamm ich, ohne es zu wissen, versunken war - und ich frage mich, der ich noch mit halbem Leibe darin gefangen bin, wie ich darin leben, darin atmen konnte.

[...]

Draußen scheint noch immer die Sonne, ich bin ein fünfjähriges Kind, und diese Welt, vorher aus Stein und Asphalt, ist ein großer Garten, in dem es mir erlaubt ist zu spielen, solange es dem Himmel gefällt, mich darin zu lassen. Willemin, der neben mir geht und etwas Besonderes in meinem Gesichtsausdruck bemerkt zu haben scheint, sieht mich mit der Eindringlichkeit eines Diagnostikers an: "Ja, was hast du denn?" - "Ich bin katholisch"

[...]

Das Wunder dauerte einen Monat. Jeden Morgen fand ich in mir mit Entzücken dieses selbe Licht wieder, das den Tag verblassen ließ, dieses selbe Gefühl der milden Güte, das ich nie vergessen werde und das mein ganzes theologisches Wissen ausmacht. Die Notwendigkeit, meinen Aufenthalt auf diesem Planeten zu verlängern, wenn dieser ganze Himmel zum Greifen nahe war, leuchtete mir zwar nicht ganz ein, und ich anerkannte sie auch mehr aus Denkbarkeit denn aus Überzeugung.

Indessen verloren das Licht und die milde Güte jeden Tag ein wenig von ihrer Intensität. Schließlich verschwanden sie, ohne daß ich darum von neuem in der Einsamkeit zurückgeblieben wäre.

[...]

Das Grab, das das meine sein wird [wohl auf dem ländlichen Friedhof des Elternhauses im Elsaß], bildet den Winkel zweier Alleen. Eines Tages sah ich mit zerstreuter Neugierde nach, wem das Grab gehörte, das ihm genau gegenüber liegt: es war die Grabstätte der Schwestern von der Sühnenden Anbetung. Ich weiß zu gut, wie verschieden und wie unbezweifelbar das Eingreifen des Heiligen Geistes ist, um hier von einem Zeichen zu sprechen. Mir genügt die Tatsache. 500 Kilometer von hier [wohl Paris, wo er wohnte und die oben beschriebene mystische Erfahrung erlebte, welche ich aus einem zugeflogenen Buchexemplar zitiere, das aus dem Bestand des nicht mehr existierenden Internats der Ursulinen in Bad Münstereifel stammt, laut krakeliger Notiz auf der ersten Seite genauer gesagt "Schw. Brigittta"] werden die kleinen Schwestern, die meiner Geburt beigewohnt haben, auch in der Stunde meines Todes anwesend sein, und ich denke, ich glaube, ich weiß, daß diese beiden Augenblicke ein und derselbe sein werden, wie auch die Verlorenen eins sein werden, wenn einmal jene milde Güte wiedergefunden sein wird.


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