S. 125-126 hat geschrieben:Bevor wir die "ewige Stadt", das Ziel unserer Pilgerfahrt, erreichten, duften wir noch viele Wunderwerke bestaunen. Da war zunächst die Schweiz mit ihren Bergen, deren Gipfel sich in den Wolken verlieren, ihren anmutigen Wasserfällen, die auf tausenderlei Weisen herabstürzen, ihren tiefen Tälern voll riesiger Farnkräuter und rosigem Heidekraut. Ach! geliebte Miutter, wie wohl taten meiner Seele diese Schönheiten der Natur, in solch verschwenderischer Fülle ausgebreitet! Wie wurde dadurch mein Herz zu Dem emporgehoben, dem es gefiel, solche Meisterwerke über einen Ort der Verbannung auszuschütten, der doch nur einen Tag dauern soll... Ich hatte nicht Augen genug, um alles zu betrachten. Aufrecht am Wagenfenster verlor ich fast den Atem, am liebsten wäre ich auf beiden Seiten des Wagens zugleich gewesen, denn sobald ich mich umdrehte, sah ich zauberhafte und wieder ganz andere Landschaften als die, die sich vor mir hinbreiteten.
Manchmal waren wir hoch oben in den Bergen, und zu unseren Füßen schienen Abgründe uns "verschlingen" zu wollen, deren Tiefe der Blick nicht ermessen konnte... Dann wieder ging es durch ein liebliches Dörfchen mit seinen anmutigen Schweizer Holzhäusern und seinem Kirchturm, über dem leuchtend weiße Wolken leicht dahinschwebten... Später erschien ein gewaltiger See, den die letzten Sonnenstrahlen vergoldeten; seine stillen, reinen Fluten spiegelten das Blau des Himmels, das sich mit den Feuern des Sonnenuntergangs mischte, und bot unseren entrückten Blicken ein unvergleichlich poesievolles und bezauberndes Schauspiel... Hinten am weiten Horizont sah man Berge, deren unbestimmte Umrisse unseren Augen entgangen wären, hätte nicht die Sonne ihre schneeigen Gipfel aufleuchten lassen, was zu der Schönheit des Sees, die uns entrückte, noch einen weiteren Reiz hinzufügte...
Der Anblick all dieser Schönheiten regte meine Seele zu tiefen Gedanken an. Mir war, als begreife ich schon jetzt, wie groß Gott ist und wie wundervoll der Himmel... Das Klosterleben erschien mir so wie es ist mit seinen Freiheitsbeschränkungen, seinen kleinen, im verborgenen vollbrachten Opfern. Ich begriff, wie leicht es geschehen kann, daß man sich auf sich selbst zurückzieht, das erhabene Ziel seiner Berufung vergißt, und ich sagte mir: später, in der Stunde der Prüfung, wenn ich als Gefangene im Karmel nur mehr ein kleines Stückchen des besternten Himmels werde sehen können, dann will ich mich dessen erinnern, was ich heute sehe.
Stille / Leere
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Re: Stille / Leere
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Re: Stille / Leere
S. 141 hat geschrieben:Auf unserer ganzen Reise [eine durchorganisierte Pilgerreise mit dem Bischof der Herkunftsregion, an der wenn ich es richtig verstand ansonsten vor allem Adlige teilnahmen] sind wir stets in fürstlichen Hotels abgestiegen; niemals noch war ich von solchem Luxus umgeben gewesen, hier konnte man schon sagen: Reichtum schafft noch kein Glück, denn ich wäre viel glücklicher gewesen unter einem Strohdach mit der Hoffnung auf den Karmel als in goldgetäfelten Räumen, auf weißem Marmortreppen und seidenen Teppichen, das Herz voll Bitterkeit... Ach, ich habe erfahren, die Freude findet sich nicht in den Dingen, die uns umgeben, sie findet sich im Innersten der Seele, man kann sie ebensogut in einem Gefängnis wie in einem Palast besitzen, als Beweis kann ich anführen, daß ich im Karmel trotz innerer und äußerer Prüfungen glücklicher bin als in der Welt, wo ich den Annehmlichkeiten des Lebens und vor allem den Freuden des Familienlebens umringt war!...
S. 145-146 hat geschrieben:Ach, wieviel Poesie erfüllte meine Seele beim Anblick all dieser Dinge, die ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben betrachtete!... Ohne Bedauern sah ich sie hinschwinden, mein Herz sehnte sich nach anderen Köstlichkeiten, die Schönheiten der Erde hatte es genug betrachtet, es verlangte nach denen des Himmels, und um sie den Seelen zu schenken, wollte ich eine Gefangene werden!... Doch ehe sich die Pforten des gesegneten, von mir so ersehnten Gefängnisses für mich öffnen sollten, hieß es noch kämpfen und dulden, [...]
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