S. 94-104 hat geschrieben:Nunmehr ist es an der Zeit nachzuweisen, wie Gemma die verschiedenen Stufen oder Grade der
Beschauung emporstieg und schließlich bei dem anlangte, was für einen sterblichen Menschen als
das höchste Erreichbare gilt, bei der Vermählung mit Christus, dem göttlichen Worte.
Wir wollen uns nun dem ersten Beschauungsgrad widmen (In Deutschland hält man die von der hl.
Theresia (in der „Seelenburg") angeführte Einteilung für die beste.). Die unterste Stufe der
Beschauung wird von den Theologen mystische Sammlung genannt und besteht in einem
außergewöhnlichen Lichte, womit Gott sich unversehens dem Verstande mitteilt, ihn ganz erfasst;
indem dieses Licht auf die inneren Sinne wie auch auf die äußeren zurückstrahlt, sammelt es sie
alle, beruhigt sie und fesselt sie sanft an die Seele. Es ist nicht die Ekstase, die uns den Gebrauch
der Sinne verlieren lässt, sondern ein süßes Anziehen derselben, das alles andere vergessen macht
und alles, was im Menschen ist, zum höchsten Gut hindrängt; der hl. Franz v. Sales führt als
Vergleich den Magnet an, der die Nadeln in seiner Nähe an sich zieht. Sogar die Glieder des
Körpers nehmen eine gesammelte Haltung an, sie bleiben unbeweglich, welches auch die Zeit und
der Ort sein mag, wo die Seele von diesem unerwarteten Lichte überrascht wird.
Dass auch unsrer Gemma wirklich eine solche Gabe von Gott verliehen wurde, geht klar aus dem
hervor, was im vorigen Kapitel erwähnt worden ist. Gott sehen mit übernatürlich eingegossenem
Lichte, sich ihm gegenwärtig fühlen mit allen Fähigkeiten der Seele und ihn nicht erkennen, ihn
nicht lieben, ihm sich nicht aufs innigste vereinigen, ist ein Ding der Unmöglichkeit; wenigstens für
Gemma war es so.
[...]
Die zweite Stufe der Beschauung und der Liebe heißt geistiges Stillschweigen, so genannt, weil
dabei die Seele, von stärkerem Lichte als auf der ersten Stufe ergriffen und auf heftigere und noch
süßere Weise angezogen, von Staunen erfasst, ja wie gefesselt dasteht vor der Majestät des Herrn
und es nicht wagt, ihn anzusprechen, sondern sich darauf beschränkt, ihn zu lieben und ihre Wonne
an ihm zu haben und sich darüber zu erfreuen, dass sie ihn liebt.
Bei unserer Gemma wechselte dieser vollkommenere Grad der Beschauung und der Liebeseinigung
sehr häufig mit dem ersten ab. Das war auch von außen erkennbar, wenn sie dem Gebete oblag. Im
ersten Zustand, d.h. auf der untersten Stufe kamen die verschiedenen Regungen der Seele, eine nach
der andern, auf ihrem Gesichte zum Ausdruck, auf der zweiten Stufe, der des geistigen
Stillschweigens blieb ihr Gesichtsausdruck unverändert. Sie selbst gab mir einmal Aufschluss über
diesen Gebetsgrad und sagte: „Ich bin vor Jesus gewesen; ich habe ihm nichts gesagt und er hat
nichts zu mir gesprochen; beide verharrten im Stillschweigen, ich schaute auf ihn, er blickte mich
an. Wenn Sie, mein Pater, nur wüssten, welche Wonne es ist, so vor Jesus zu verweilen! Haben Sie
es je erfahren? Man möchte nicht mehr heraustreten. Allein auf einmal sagt Jesus: Fort – und jenes
Licht verschwindet. Das Herz aber, wissen Sie, das erkaltet nicht so schnell."
Hat sich die Seele daran gewöhnt, in geistigem Stillschweigen vor Gottes Gegenwart zu weilen und
diese Wonne zu verkosten, so ist sie leicht bereit, zur dritten Stufe überzugehen, die im Gebete der
Ruhe besteht. In einer solchen Seele findet man in wunderbarer Verbindung Maria und Martha
beisammen, jene führt ein beschauliches Leben und ist glücklich zu den Füßen des Herrn, diese
arbeitet für ihn, sie führt ein tätiges Leben.
So war es bei Gemma; diese dritte Stufe der mystischen Vollkommenheit mag sie etwa drei Jahre
vor ihrem Tode erreicht haben. Die äußere Sammlung, die bei ihr stets beobachtet wurde, beweist
uns, dass die erste der erwähnten Auszeichnungen (das beschauliche Leben) ihr in ausgezeichnetem
Grade zukam. Die Bereitwilligkeit sowie die Begeisterung, die sie bei der Ausübung der Tugend zur
Ehre jenes Gottes antrieben, den sie so sehr liebte, ferner ihr Eifer für das Heil der Seelen, ihr
beständiges Gebet für die Bekehrung der Sünder, endlich die freudige Teilnahme an den guten
Werken, soweit diese ihr möglich waren, geben uns sichere Gewähr für das Vorhandensein des
zweiten Vorzuges (des tätigen Lebens). Hören wir ihre eigenen Worte. „Solange ich so viele
Wünsche hatte, war meine Seele unruhig: jetzt da ich nur einen einzigen hege, bin ich glücklich.
Hier, Jesus, hier in meinem Herzen will ich ein Zelt errichten ganz von Liebe; du allein hast Zutritt,
ich werde dich immer bei mir behalten, du bleibst stets mein Gefangener, ich werde dich nicht mehr
frei lassen, bis du mir jenen Trost gewährt hast, den ich so innig begehre. Was verlange ich denn,
was fordere ich, Jesus? Du siehst, dass unsere Wünsche sich decken: ich verlange von dir, was du
selber willst, ich wünsche, was du selbst wünschest."
Verwandt mit dem Gebete der Ruhe ist der geistige Schlaf. In diesem Zustande versteht die Seele in
Wahrheit das höchste Gut glühend zu lieben, aber sie denkt nicht daran; da es ihr genügt zu lieben,
kümmert sie sich um nichts anderes, ihr liegt nicht einmal daran zu wissen, wie sie sich in diesem
wonnigen Zustande befinde. Sie könnte dem nicht einmal nachforschen, weil sie schläft und ihr
Geist sich in Gott verloren hat.
Dieser Vorzug wurde Gemma zuteil, kurz bevor sie zu dem noch ausgezeichneteren Grade der
ekstatischen Vereinigung erhoben wurde. Gott verlieh ihn ihr häufig, eine Zeit lang sogar mehrmals
im Tage. Da, wie erwähnt, in diesem Zustande sogar die äußeren Sinne einschlummern, konnte man
sie darin leicht überraschen, mochte sie stehen oder sitzen, knien oder liegen. Sie schlief scheinbar
und bediente sich selbst der Bezeichnung von Schlaf, wenn sie sich über diesen geheimnisvollen
Zustand Rechenschaft geben wollte.
[...]
Eine glückliche Seele, hineinversetzt in solche Flammen, muss von Zeit zu Zeit wenigstens, außer
sich geraten, indem sie in ihrem Herzen Gefühle wachruft, die von Theologen heilige Trunkenheit
oder mystische Berauschung genannt werden. Diese Trunkenheit oder Berauschung bildet, sofern
deren übernatürlicher Charakter feststeht, einen Grad der Mystik, mag er dann in einzelnen Fällen
die bereits erwähnten an Vollkommenheit übertreffen oder hinter ihnen zurückbleiben.
Gemma wurde auch auf diese Stufe erhoben, dies lässt sich unschwer beweisen aus den Worten, die
sie in diesem Zustande vorbrachte oder niederschrieb. Da sie fühlte, sie habe den Himmel ganz in
ihrem Herzen, lud sie die Umstehenden durch Zeichen ein, näher zu treten und sich davon zu
überzeugen; alsdann rief sie aus: „O Gott, o Liebe, o Himmel!" „Die Fesseln deiner Liebe, mein
Gott, sind so fest, dass ich nicht herauszutreten vermag. Lass mir doch die Freiheit; ich will dich
überall lieben, allzeit dich suchen!"
Manchmal ist die Fülle der Liebe so gewaltig, dass sie sich wie ein Feuerstrom in den materiellen
Teil des Herzens ergießt und dasselbe auf ganz ungewöhnliche Weise entzündet. Diese Glut, im
erwähnten Sinne verstanden, bildet eine weitere Stufe der Vollkommenheit; die Theologen nennen
sie Flammen der Liebe. Die Jungfrau von Lucca war im Besitze einer so intensiven Flamme, dass,
hätte dieses Feuer über die zwei, drei Monate seiner tatsächlichen Dauer angehalten, ihr Herz in der
Brust verbrannt wäre. Ich bringe keine Fabeln daher, sondern wirkliche, gut verbürgte Tatsachen.
Gemmas Herz glich einem Feuerofen. Man konnte die Hand nicht Hinhalten, ohne dass man
merkte, wie sie zu erglühen begann. Dies war der Fall, wenn die Hand auch nur die Kleider über
jener Stelle berührte. Um darüber größere Sicherheit zu erlangen, gab ich Tante Cäcilia Befehl, sie
während der Ekstase zu beobachten. O Wunder! Viele, viele Male sah man, dass die in der
Herzgegend befindliche äußere Seite so versengt ward, als hätte sie sich über glühenden Kohlen
befunden. Dieser geheimnisvolle Vorgang dauerte die oben erwähnte Zeit (von zwei bis drei
Monaten) hindurch und selbst nachher sah man noch lange die Brandmale auf der Haut und die
darauf entstandenen Falten. Doch Gemma möge uns selbst Aufschluss darüber erteilen. „Es sind
etwa acht Tage her, dass ich in der Herzgegend etwas Eigentümliches bemerke, das ich nicht zu
erklären vermag. In den ersten Tagen achtete ich nicht darauf, da es mich gar nicht oder nur wenig
störte; heute ist aber der dritte Tag, seit dieses Feuer so zunahm, dass es fast nicht mehr zum
Aushalten ist, ich müsste Eis auflegen, wollte ich diese Glut vertreiben . . ., sie hindert mich zu
schlafen und zu essen. Es ist ein geheimnisvolles Feuer, das sich auch nach außen mitteilt . . .,
jedoch bereitet mir dieses Feuer keine Qualen . . ., allein es bringt mich um, es zehrt mich auf . . .
Großer Gott, ich liebe dich."
Mochte dieser Schmerz, den das Feuer unserer Gemma verursachte, auch mit Wonne verbunden
sein, er war tatsächlich doch groß. Auf mein Befragen erklärte sie mir nämlich: „Wollen Sie sich
eine Vorstellung machen, so denken sie, es befinde sich in dem Innersten dieses armen Herzens ein
glühendes Eisen, das durch eine Zange darin festgehalten wird; dasselbe Gefühl des Brennens
verspüre ich im Herzen."
[...]
Der hl. Paul v. Kreuz, der gleichfalls diesen Grad der Flamme der Liebe besaß, pflegte auszurufen:
„Ich fühle, mein Herz ist vertrocknet, ich habe Durst und möchte trinken; um diesen Brand zu
löschen, möchte ich Ströme von Feuer trinken." Wer die Süßigkeit der göttlichen Liebe verkostet
hat, muss so denken und sprechen; denn wenn die Glut der Liebe einmal so hochgestiegen ist, weiß
sie sich nicht mehr zu halten. Der Bräutigam unserer Seelen, Jesus Christus, hat uns das erste
Beispiel davon gegeben, als er im Übermaß von Schmerz und Liebe vom Kreuze herab das Wort
ausrief: „Sitio, mich dürstet!" Das bot den Theologen später Anlass dazu, diese Stufe der Mystik mit
dem Namen Sehnsucht und Durst der Liebe zu belegen, indem sie erklärten, dieser Grad bestehe in
einem lebendigen Verlangen nach dem gekosteten und geliebten Gott, den jedoch die Seele noch
nicht besitzt. Die Dauer dieser Sehnsucht, die sich gleichsam im Innersten der Seele bildet und
festsetzt, wird Durst der Liebe genannt.
[...]
In Ergänzung der
früheren Angabe (Versengen des Fleisches und der Haut in der Herzgegend) füge ich hier bei, dass,
während die geistige Liebesflamme in ihrem Innern weiter loderte, die geheimnisvolle Erscheinung
nach außen hin sichtlich vergrößert wurde. Nach und nach verbreitete sich jenes Feuer, das sonst
nur auf die Herzgegend beschränkt war, über den ganzen Leib, so dass dieser zu einer einzigen
Flamme wurde. Gemma erklärte mir daher eines Tages: „Pater, mein Herz ist ein Schlachtopfer der
Liebe, bald werde ich vor Liebe sterben. Diese Flammen der Liebe verzehren das Herz und auch
den Leib und ich werde zu Asche .... Als ich mich gestern – das Allerheiligste war ausgesetzt –
meinem Jesus nähern wollte, fühlte ich eine solche Feuersglut in mir, dass ich mich entfernen
musste; ich brannte am ganzen Leibe, die Glut war mir bis zum Gesicht emporgestiegen. Es lebe
Jesus! Wie kommt es nur, dass so viele in der Nähe von Jesus nicht in Asche aufgehen?" Dieses
wunderbare Erglühen wurde wiederholt mit dem Thermometer gemessen; kaum war dieses mit
ihrem Leibe in Berührung gebracht worden, so schnellte das Quecksilber in die Höhe, als hätte man
es über wirkliches Feuer gestellt.
[...]
Als ich ihr Seelenführer wurde, fand er sich bereits vor, doch waren diese
Mitteilungen Gottes oder wie die Lehrer der mystischen Theologie sie bezeichnen, diese
„Berührungen" der Seele durch Gott damals noch selten. Gewöhnlich erfolgten sie während der
Beschauung. Allmählich, während das übernatürliche Licht ihrem Geiste die Schönheiten Gottes
enthüllte, entbrannte das Herz in ihrer Brust, es begann heftiger zu schlagen und verzehrte sich aus
Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem höchsten Gut. In dem Maß als dieses glühende Verlangen
zunahm, wurde die Scheidemauer zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer geringer, sie
verflüchtigte sich gleichsam, bis sie schließlich ganz fiel und die glückliche Seele mit der Gottheit
in Berührung treten konnte. Da vermochte Gemma wenig zu sprechen, man hörte sie nur ausrufen:
„O Engel, ich kann nichts machen, spendet ihr der Liebe meines Gottes Beifall! Siehe, Jesus, ich
ergebe mich deiner hl. Liebe." Die natürlichen Kräfte reichten nicht mehr aus; halbtot fiel sie zur
Erde nieder. Einmal erging es ihr so in der Kirche nach dem Empfange der hl. Kommunion. Als sie
zu sich gekommen war, verdross sie dies sehr; sie flehte die göttliche Majestät mit solcher Inbrunst
an, dass ihr so etwas öffentlich nie mehr zustieß. In ihrer Kindeseinfalt schrieb sie diesen Erfolg
dem Umstande zu, dass sie sich beständig zu beherrschen und zu bezwingen suchte. Voll Freude
darüber schreibt sie ihrem Seelenführer: „Jesus fährt fort, mich seine Gegenwart immer und überall
fühlen zu lassen; er sei stets gepriesen! Welche Gewalt muss ich mir selber antun, um mich vor den
andern zu verbergen, besonders wenn ich mich in der Kirche oder außerhalb des Hauses befinde!
Infolge dieses Zwanges, den ich mir auferlegen muss, um mich ja zu beherrschen, habe ich abends
immer etwas Fieber. Doch unverzagt voran! Jesus sagt mir nämlich, dieses mein Benehmen bereite
ihm großes Gefallen. Werde ich mich immer zu beherrschen vermögen? Ich fürchte, nein, denn die
Wallungen nehmen noch immer an Stärke und Häufigkeit zu, so dass ich es schließlich nicht mehr
aushalte. Kann ich's nicht mehr, dann lasse ich es gehen. Es lebe immer Jesus!"
Im Laufe der Zeit wurden diese Wallungen der göttlichen Liebe, wenn ich diese Bezeichnung
anwenden darf, sehr häufig zumal zur Zeit der Ekstasen; es war leicht, sie zu beobachten, da ihre
Wirkungen offen zu Tage traten. Sie schrieb mir selber: „Jene unbedeutenden Ohnmachten, die mir
in der Gegenwart Jesu zustießen, werden immer häufiger; wenn Jesus so fortfährt, wird er bald
allein übrig sein. Wie soll ich es machen, um Jesus nicht mit ganzer Seele zu lieben? Wie sollte ich
nicht wünschen, ganz in ihn aufgenommen und in den Flammen seiner hl. Liebe verzehrt zu
werden?" Ein anderes Mal fragte Gemma in ihrer liebenswürdigen Unbefangenheit ihren Heiland,
woher denn das so glühende Verlangen ihres Herzens käme, ihm wohlzugefallen, sich mit ihm
durch das unauflösbare Band der Liebe zu vereinigen. Jesus antwortete ihr: „Ich habe dich besiegt!"
„Ja, ich bin glücklich, von einer solchen Güte, von solcher Liebe überwunden zu sein!"
[...]
Selbst in der
Ekstase enthielt sich Gemma anfangs, ihm den süßen Titel Bräutigam, sich selber den der Braut zu
geben. Als aber mit der Zeit die Glut der himmlischen Flammen in ihrem Herzen zunahm, als mit
der Liebe der Mut und das Vertrauen wuchsen, da begann sie endlich ganz leise Wünsche dieser Art
zu hegen und denselben in Seufzern Ausdruck zu verleihen. „Wenn ich des Morgens solchen Trost
empfinde, da ich dich, mein Gott, Vater nennen darf, was wird es erst sein, wenn ich dich meinen
Geliebten heißen kann? Ja, mein Jesus, tröste diese deine arme Tochter, deine Verlobte." In einer
anderen Ekstase hörte man sie in flehendem Tone folgende Worte ausrufen: „O Jesus, aber immer
nur Tochter, nichts weiter? Und doch möchte ich ... o Jesus! Aber ich verstehe, o Jesus, es wäre zu
viel für mich. Darf ich dir anvertrauen, was ich so heiß begehre? Ich möchte, Jesus, ich möchte. . .
deine Braut sein. Ja, deine Braut, o Jesus, wünschte ich zu sein." Nach diesen Worten fiel sie
ohnmächtig zur Erde nieder und blieb dort mehrere Stunden lang wie tot liegen. Nun war der
Herzenswunsch dieser heiligen Seele erfüllt, das Ewige Wort vereinigte sich mit ihr durch das
unauflösbare Band der Liebe. Bei dieser mystischen Vermählung fehlte das Unterpfand nicht. Jesus
erschien ihr, wie einst der hl. Katharina von Alexandrien, dem hl. Paul vom Kreuz und anderen
Heiligen, unter der Gestalt eines lieblichen Knäbleins, das die himmlische Mutter auf dem Arme
hielt. Maria nahm den Ring vom Finger ihres Sohnes und steckte ihn an den Finger unserer
glücklichen Gemma. Von jenem Tage an schien sie nicht mehr dieser Erde anzugehören. Das
Hoheitsvolle ihres Gesichtes, das man bei ihr stets bewundert hatte, jenes Strahlen ihrer Augen, das
sanfte Lächeln, das ihre Lippen umspielte, mit einem Worte ihre ganze Person nahm etwas – wenn
ich so sagen darf – Himmlisches an, das Ehrfurcht einflößte und sie wie ein lichter Engel erscheinen
ließ. Gemma selber beschrieb mir diesen neuen Zustand mit den kurzen, aber vielsagenden Worten:
„Jesus fährt fort, mich zu lieben, aber nicht in der Weise wie früher; er fährt auch fort, mich mit sich
zu vereinigen und mich aufzunehmen, aber auf eine andere Weise. Von jenem Tage an begann für
mich ein n e u e s Leben."
Diese unter dem Namen des bräutlichen Verhältnisses bekannte Vereinigung der Seele mit Gott ist
die vollkommenste. Sie unterscheidet sich daher von den früher erwähnten Gnaden. Bei diesen
nämlich teilt sich der Herr mit seinen himmlischen Gaben mit, sich selbst aber gibt er noch nicht
hin; er teilt sich den Kräften der Seele mit, und zwar in kürzeren und längeren Zwischenräumen,
aber nicht in dauernder Form. Lassen wir uns diese erhabene Vereinigung, wobei die Seele sich
ganz Gott und Gott sich ganz der Seele hingibt, von Gemma selbst beschreiben; sie kennt sich über
diese vollkommene und innige, dauernde und unauflösbare Einigung glücklicherweise aus. „Heute
bin ich nicht mehr in mir, ich bin mit meinem Gott, ganz für ihn und er ganz in mir und für mich."
Das ist eine Umschreibung oder Wiederholung der Worte der Braut im Hohenlied: „Ich gehöre
meinem Geliebten und sein Verlangen geht nach mir." „Jesus ist mit mir, er gehört ganz mir. Er ist
allein und einsam; ich bin auch allein, ihn zu preisen; allein, ihm zu folgen. Er ist eingeschlossen im
ärmlichen Kämmerlein meines Herzens; seine Majestät verschwindet. Wir beide sind ganz allein;
mein Herz schlägt beständig zugleich mit dem meines Jesu."
Aus diesen und ähnlichen Äußerungen der jungen Gottesbraut kann man leicht erkennen, wie groß
das Glück einer Seele ist, die zu solcher Höhe emporgestiegen, und wie reichlich die
übernatürlichen Früchte sein müssen, die ihr aus dieser innigen Vereinigung mit dem höchsten Gut
zufließen. Es könnte auch gar nicht anders sein; denn die Güter des Bräutigams gehören der Braut;
die Güter Gottes aber sind unendlich. Mit Recht ruft Gemma darum aus: „Welch kostbare
Augenblicke sind dies!" „Könnten Sie, mein Pater, die Gaben, die Jesus mir verleiht, genießen und
verkosten! Wie gut ist doch Jesus! Ich bitte ihn, er möge ablassen und seinen Gnadenerweisen ein
Ziel setzen; sonst halte ich es nicht mehr aus. Helfen Sie mir und segnen Sie mich!"
Was jenes für Gaben waren, die ihr zuteilwurden, hätte wohl sie selbst nicht zu erklären vermocht.
Es waren erhabene Gnaden, die ihr täglich einen höheren Adel verliehen, sie schmückten und
zierten und sie dadurch in den Augen der göttlichen Majestät immer wohlgefälliger erscheinen
ließen. Sie fühlte sich gleichsam in Gott umgewandelt mit allen Kräften der Seele, versenkt in einen
Ozean des Lichtes, der Ruhe, des Friedens. In diesem glücklichen Zustande wurden ihre Ekstasen,
man darf schon sagen, andauernd; denn hörten diese auch auf, blieb sie doch ganz in Gott versenkt
und vom höchsten Staunen erfasst.
Eine Frucht dieser vollkommenen Vereinigung Gemmas mit ihrem Gott war eine gewisse
Unempfindlichkeit inmitten der größten Trübsale des Lebens. Entweder fühlte sie die Stiche und
Schläge nicht oder sie achtete wenigstens nicht darauf. Sogar bei den körperlichen Schmerzen, die
sie doch so heftig quälten, erschien sie heiter. Wie wir gesehen, war die Geistesdürre das große
Martyrium ihres Herzens. Zog sich der Herr von ihr zurück, so erblasste sie und zitterte am ganzen
Leibe aus Furcht, sie habe ihn unwiederbringlich verloren, ihr Herz verzehrte sich vor Leid und
Qual. Seit sie aber zur Würde der Braut erhoben ward, geriet sie deshalb nicht mehr in Unruhe.
„Wer weiß, ob sich Jesus wieder sehen lässt? Wenn mich Jesus auch nicht mehr anblickt, was liegt
mir daran. Ich sehe immer auf ihn, und wenn er mich nicht mehr bei sich will, so verweile ich doch
stets um ihn herum; ich will immer an ihn denken, denn schließlich kehrt er doch wieder. Fliehe
nur, Herr, entziehe dich mir, ich folge dir stets nach; ich bin sicher, dass weder der Himmel noch die
Erde, noch die Hölle mich von dir trennen werden. Wenn es dir gefällt, mich dadurch zu peinigen,
dass du deine liebliche Gegenwart vor mir verbirgst, so ist das mir vollkommen gleichgültig, wenn
ich nur dich zufrieden weiß. Bist du befriedigt, dann ist alles recht. Es lebe der verborgene Jesus!"
Was aber bei diesem glücklichen Zustand unserer Gottesbraut besonderen Eindruck macht und was
ich hier noch eigens hervorheben möchte, ist die Zunahme der Liebe ihres Herzens zum höchsten
Gut. Soviel ich mit Sicherheit weiß, gibt es nur wenige allgemein bekannte Seelen, welche
brennendere Flammen der Liebe zu Gott in ihrem Herzen beherbergten als unsere Gemma. Sie
selbst, die doch seit Jahren an das ungewöhnlich heftige Schlagen ihres Herzens gewohnt war, hörte
man ausrufen: „Was ist doch das, was ich fühle? Mein wahrer Gott, ich kann, ich darf mich dieser
Süßigkeit, diesem Glücke nicht überlassen. Mein Gott, was ist es nur, was ich fühle? Ah, dich fühle
ich so lebendig in meinem Herzen. Welch ein Geheimnis, ich glaube mich im Himmel. Einmal,
Jesus, wirst du meinen Tod herbeiführen, wenn ich dich so in meinem Herzen pochen höre."
Sie sprach die Wahrheit. Sogar das materielle Organ der Liebe, das Herz, legte Zeugnis dafür ab;
denn als Gemma zu diesem höchsten und vollkommensten Grade der Liebe, zur Brautschaft Gottes,
erhoben ward, musste ihr Herz wirklich nicht mehr hinreichend geworden sein für die Feuersglut
des Geistes; es fing daher an, sich in ganz ungewöhnlichen Zuckungen zu bewegen. Jenes Herz, in
Liebe erglühend, schlug so heftig, dass Personen, die mit beiden Händen einen Gegendruck ausüben
wollten, einfach zurückgeschleudert wurden. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Stuhl,
wie das Bett, worauf sie während jener gewaltigen Herzenstätigkeit saß, sich bewegten. Sie selbst
blieb ruhig, und was noch wunderbarer ist, man bemerkte bei ihr nicht im Geringsten etwas von
Überdruss, Betrübnis oder Schauder. Sie redete frei und bewegte sich so ungezwungen, als wäre
nichts vorgefallen, als hätte sie nicht die geringste Beschwerde zu ertragen; nur ihr Herz war in
solcher Aufregung. Ich fragte sie einmal, was denn sie selbst von dieser ungewöhnlichen
Erscheinung halte. Sie erwiderte in ihrer liebenswürdigen Kindeseinfalt: „Merken Sie es denn
nicht? Jesus ist so groß, mein Herz aber so winzig klein. Jesus hat nicht Platz in einem so kleinen
Herzen, da er aber doch sich darin aufhalten will, bringt er es in solche Bewegung. Dem ist nicht
gut abhelfen, wissen Sie, Pater, da muss schon Jesus selbst Abhilfe schaffen. Möge sich dieses Herz
erweitern und Jesus es sich darin bequem machen!"
Es erweiterte sich jenes Herz und hob dabei eines Tages drei Rippen in die Höhe, wie dies beim hl.
Philipp Neri und beim hl. Paul v. Kreuz infolge heftiger Wallung der göttlichen Liebe gleichfalls
vorgekommen ist. Bei Gemma hatte diese geheimnisvolle Erscheinung lange Zeit angedauert, sie
konnte darum beobachtet und studiert werden. Jene drei Rippen waren stark gebogen und bildeten
fast einen rechten Winkel. Nach außen hin war dadurch ein bedeutender Vorsprung entstanden und
hatte innen Raum genug gelassen, so dass das Herz ungehinderter schlagen konnte. Wunderbar ist
Gott in seinen Heiligen!