Ekstase

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Marsianer
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Ekstase

Beitragvon Marsianer » Sa 2. Nov 2024, 09:31

In der Forensuche finden sich schon verschiedene Stellen, an denen der Begriff bereits verwendet wurde. Das was damit gemeint wird, wirkt auf mich wieder einmal sehr verschiedenartig. Im Christentum wird damit wohl vor allem dies bezeichnet.
Heilige Teresa von Avila, Seelenburg, Viertes Hauptstück, Vorbemerkung hat geschrieben:Dieses Kapitel spricht davon, wie Gott die Seele im Gebete durch eine Verzückung (arrobamiento) oder Ekstase (éxtasi) oder Entrückung (rapto), was meines Erachtens ein und dasselbe ist, erhebt. Es ist ein großer Mut erforderlich, um so große Gnaden von Seiner Majestät in Empfang zu nehmen. [... 1 ...] Fehlt es euch aber an diesem Mut, dann werdet ihr sehen, was Seine Majestät tut, u diese Verlobung abzuschießen. Die muß nach meinem Dafürhalten dann geschehen, wenn der Herr der Seele Verzückungen verleiht, wodurch er ihre Sinnestätigkeit ausschaltet. Denn bliebe sie auf die Sinne angewiesen, und sähe sie sich dieser großen Majestät so nahe, so könnte sie vielleicht nicht am Leben bleiben. Ich meine wirkliche Verzückungen und nicht bloße Weiberohnmachten, wie sie bei uns vorkommen, und die wir gleich für Verzückungen oder Ekstasen halten. Denn es gibt, wie ich schon gesagt zu haben glaube, Personen von so schwacher Körperbeschaffenheit, daß sie schon durch ein bloßes Gebet der Ruhe dem Sterben nahe kommen. [...]

13 Um nun wieder auf das zu kommen, so befielt also der Bräutigam, daß die Türen der Wohnungen sowie der Burg und deren Einfriedung geschlossen werden. Wenn der Herr die Seele zur Verzückung erheben will, wird Ihr der Atem derart entzogen, daß sie durchaus nicht mehr sprechen kann. Die übrigen Sinne bleiben manchmal noch kurze Zeit frei, manchmal aber werden sie plötzlich alle miteinander entrückt. Es erkalten die Hände und der ganze Leib, so daß es den Anschein hat, die Seele sei entwichen; manchmal merkt man es nicht einmal, ob der Leib noch atme. Dieser Zustand dauert in einem fort nur eine kurze Zeit. Sobald diese gewaltige Entrückung etwas nachläßt, scheint der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu sterben und der Seele ein neues Aufleben zu verschaffen; so währt denn bei all dem diese so große Ekstase nie lange.

Heilige Faustyna, Tagebuch, Randnummer 803 hat geschrieben:[Dreimonatige Kur in Pradnik] Mein Einzelzimmer ist neben dem Saal für Männer. Ich wusste nicht, dass Männer solche Schwätzer sind; von früh bis in die späte Nacht wird dort über die verschiedensten Themen geredet. Im Saal der Frauen ist es viel ruhiger. [...] Es fällt mir schwer, bei diesem Gelächter und Witzen, mich zum Gebet zu sammeln. Wenn mich die Gnade Gottes ganz in Besitz nimmt, stören sie mich nicht; dann weiß ich nämlich nicht, was um mich geschieht. Mein Jesus, wie wenig diese Menschen über Dich sprechen; über alles, nur nicht über Dich, Jesus. Wenn sie aber wenig reden, dann gedenken sie wohl Deiner auch nicht; die ganze Welt interessiert sie, doch über Dich, den Schöpfer, herrscht Schweigen.

Randnummer 837 hat geschrieben:Nachmittags spielt immer das Radio, daher vermisse ich die Ruhe. Am Vormittag anhaltende Gespräche und Lärm - mein Gott, ich hatte mich auf die Ruhe gefreut, um mit dem Herrn allein sprechen zu können, und nun das Gegenteil. Jetzt aber stört mich nichts mehr, weder die Gespräche noch das Radio. Mit einem Wort - nichts. Die Gnade Gottes hat es bewirkt, dass ich während des Betens nicht einmal weiß, wo ich mich befinde; ich weiß nur, dass meine Seele mit dem Herrn verbunden ist, und so vergehen mir die Tage im Krankenhaus.

Randnummer 891 hat geschrieben:Heute bin ich vom frühen Morgen an sonderbar mit dem Herrn verbunden. Am Abend besuchte mich der Kaplan des Krankenhauses. Nach einer Weile des Gesprächs fühlte ich, dass mein Geist sich immer mehr in Gott zu versenken beginnt und das Empfinden verliert, was um mich geschieht. Ich bat Jesus inbrünstig: >Gib mir die Möglichkeit eines Gesprächs<, und der Herr gab, dass ich mit dem Kaplan ungehindert sprechen konnte, doch es gab einen Augenblick, in dem ich nicht verstehen konnte, was er sagte. Ich hörte seine Stimme, aber es war nicht in meiner Macht es zu verstehen. [...] Es ist keine vollkomene Versenkung in Gott, mit Ausschalten der Sinne, wie es oft vorkommt, dass man nach außen weder hört noch sieht; die Seele ist dann ganz frei in Gott versenkt. Wenn mir diese Gnade widerfährt, will ich allein sein. Ich bitte Jesus, mich vor den Blicken der Geschöpfe zu bewahren.

Marsianer
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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Mi 17. Jun 2026, 15:12

Heilige Gemma Galgani, Eintrag zum 31.7.1900 hat geschrieben:Schon seit Sonntag habe ich mich nicht mehr sammeln können; aber
für alles habe ich Jesus gedankt. Als der Schutzengel kam, war ich im Wachzustand, nicht in
Ekstase. Jesus, meine Mutter und manchmal der Mitbruder Gabriel sind es, die mich in Ekstase
kommen lassen; aber ich bleibe immer, wo ich bin, ich finde mich immer auf dem gewohnten Platz,
nur die Sinne schwinden.

3.8. hat geschrieben:Heute habe ich ein wenig geschlafen, dann spürte ich eine innerliche Sammlung, und nach der
Sammlung fühlte ich die Sinne schwinden: ich war bei Jesus. Wie war ich zufrieden! Ich hatte
gelitten, gewiss, sehr gelitten am Kopf. Ich beklagte mich ein wenig, dass Er mich allein ließ.

4.8. hat geschrieben:Ich weiß nicht, an welcher Stelle des Rosenkranzes es war, da
fühlte ich eine innerliche Sammlung; und auf die Sammlung folgte, wie immer, sehr bald das
Schwinden der Sinne, und ohne dass ich es merkte, befand ich mich vor (so schien es mir) der
Madonna der Schmerzen. Beim ersten Anblick empfand ich ein wenig Angst; ich tat alles, um mich
zu vergewissern, ob es wirklich die Mutter Jesu sei: sie gab mir alle Zeichen, um mich zu
überzeugen. Danach fühlte ich mich ganz beglückt; aber so groß war die Erregung, als ich mich so
klein vor ihr sah, und so groß meine Freude, dass ich kein anderes Wort hervorbringen konnte als
immer wieder den Namen Mutter. Sie schaute mich unverwandt an, lächelte, näherte sich mir, um
mich zu liebkosen, und sagte dann, dass ich mich beruhigen solle. Aber ach, meine Freude und
Erregung wuchsen noch, und da sie vielleicht fürchtete, dass es mir schaden könnte (wie es andere
Male der Fall gewesen; ja, einmal, ich habe davon nicht berichtet, begann mein Herz durch die
übergroße Freude, die ich beim Wiedererscheinen Jesu empfand, mit solcher Stärke zu schlagen,
dass ich gezwungen war, auf Anordnung des Beichtvaters selbst, mir über die Herzgegend einen
engen Verband zu machen), ließ sie von mir ab und sagte nur, dass ich mich ausruhen solle. Ich
gehorchte sofort: in einer Sekunde lag ich im Bett, und sie zögerte nicht, zu kommen; da beruhigte
ich mich. + Ich muss noch sagen, dass ich mich zuerst bei diesen Erscheinungen von Geistern von
plötzlicher Furcht ergriffen fühle, ich könnte getäuscht werden; auf die Furcht folgt aber sehr bald
die Freude. In allen Fällen prüfe ich, um was es sich handelt. Ich sprach noch von einigen meiner
Anliegen; das wichtigste war, dass sie mich mit sich ins Paradies nehmen möchte; das sagte ich
mehrere Male. Sie antwortete mir: „Tochter, du musst noch leiden." – „Ich werde dort oben leiden",
wollte ich sagen, „im Paradies." – „Aber nein", entgegnete sie, „im Paradies leidet man nicht mehr;
aber ich werde dich bald dorthin führen", sagte sie mir. Sie stand neben meinem Bett und war so
schön, dass ich mich nicht sattsehen konnte, sie anzuschauen.

5.8. hat geschrieben:Heute, Sonntag, habe ich den Schutzengel gebeten, mir die Gnade zu erweisen, zu Jesus zu gehen
und Ihm zu sagen, dass ich jetzt nicht die Betrachtung hätte machen können, weil ich mich nicht
wohl fühle; ich würde sie am Abend machen. Am Abend dann hatte ich keine Lust dazu; ich ging zu
Bett, machte die Vorbereitungen zur Betrachtung, blieb aber nur innerlich gesammelt, die Sinne
schwanden mir nicht, ich kam nicht in Ekstase: so brachte ich eine Stunde hin. Ich muss noch
sagen, dass die Betrachtung am Sonntag immer über die Auferstehung oder das Paradies geht; aber
Jesus hat mir klar zu wissen gegeben, dass Er diese Betrachtung nicht mehr will von mir, damit
mein Geist sogleich auf einige Hauptpunkte Seiner Passion geführt werde. Sein Wille geschehe.

7.8. hat geschrieben:Gestern am Tage versprach mir der Schutzengel, dass ich am Abend mit Mitbruder Gabriel würde
sprechen können. Es kam der so lange ersehnte Abend; vor allem wollte ich den Schlaf bezwingen,
dann ergriff mich eine solche Erregung, dass ich ganz erschreckt war. Aber da Jesus so nahe war,
mir jene Freude zu machen, gab Er mir vor und nach der Freude noch einige Schmerzen. Er sei
immer gepriesen +. Als diese Erregung über mich kam, sah ich niemanden, will sagen, den Teufel;
ich fühlte mich nur schlecht, aber es dauerte nicht lange. Ich beruhigte mich bald und auf einmal
fühlte ich, dass ich in Sammlung kam; dann ging es fast plötzlich wie gewöhnlich: mir schwanden
die Sinne und ich war bei Mitbruder Gabriel. Welche Freude war das! Aber der Gehorsam wollte,
dass ich mich nicht näherte, um ihm das Kleid zu küssen, und so blieb ich. Das erste, was ich ihn
fragte, war, warum er so lange nicht gekommen war. Er antwortete mir, das sei meine Schuld.
Davon war ich überzeugt, da ich schlimm genug gewesen bin. Wie viel Schönes sagte er von dem
Konvent, und er sagte es mit solcher Kraft, dass mir seine Augen zu funkeln schienen. Ohne dass
ich ihn fragte, sagte er dann: „Tochter, in wenigen Monaten wird unter dem Jubel fast aller
Katholiken die Gründung des neuen Klosters stattfinden." – „Wie, in wenigen Monaten?" fragte ich
ihn; „es fehlen noch dreizehn." – „Das sind wenige", antwortete er. Und dann wandte er sich
lächelnd zur Seite, kniete nieder, faltete die Hände und sprach folgendes: „Gepriesene Jungfrau,
siehe: hier auf Erde wetteifert man in der Errichtung des neuen Klosters; ich bitte dich, gieße über
alle, die daran teilhaben, die Fülle der himmlischen Gaben und Gnaden aus. Stärke ihnen den Mut
und den Eifer. Alles soll dein Geschenk sein, o gepriesene Jungfrau." Er sprach, als wenn die
Madonna der Schmerzen neben ihm gestanden wäre; ich sah niemanden. Aber mit welcher Stärke
und mit welchem Ausdruck sprach er diese Worte, so dass ich ganz verwundert war; es schien, dass
auch er außer sich (in Ekstase) war.

https://www.gemmagalgani.de/schriften/tagebuch-band-2

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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Sa 20. Jun 2026, 15:09

Heilige Gemma, Anhang zum Tagebuch, Quelle wie oben hat geschrieben:Antworten auf einige Fragen P. Germanos (ca. 7. September
1900)

## Wie die Heilige Jesus sieht und fühlt

Ich sehe Jesus, nicht mit den Augen des Körpers, aber ich erkenne Ihn genau, weil Er mich in eine
süße Sinnesentrückung versetzt, und in dieser Verzückung erkenne ich Ihn; Seine Stimme macht
sich so stark fühlbar, dass ich öfters gesagt habe, die Stimme Jesu verwunde mich mehr als ein
Schwert mit vielen Streichen, so tief dringt sie bis in die Seele ein; Seine Worte sind Worte des
ewigen Lebens. Wenn ich Jesus sehe und Ihn fühle, so scheint mir, dass ich weder eine körperliche
Schönheit noch eine Gestalt oder einen süßen Ton und einen sanften Gesang wahrnehme; sondern
wenn ich Jesus sehe und fühle, so sehe ich (aber niemals mit den Augen) ein Licht, eine
unermessliche Herrlichkeit; ein unendliches Licht, das von keinen sterblichen Augen gesehen
werden kann; eine Stimme, die niemand hören kann: es ist nicht eine äußerlich sprechende Stimme,
aber sie ist viel stärker und macht sich meinem Geiste viel mehr fühlbar, als wenn ich deutlich
gesprochene Worte hörte.

## Was fühlt sie im Verkehr mit Jesus?

Ich fühle mich wie von mir selbst entrückt, ich weiß nicht, wo ich bin, ob außerhalb der Sinnenwelt
oder . . . in einem Frieden, einer Ruhe, die ich sonst nie erfahre. Ich fühle mich wie von einer
Gewalt angezogen; aber es ist nicht eine gewaltsame, sondern eine sanfte Gewalt. Wenn ich die
höchste Glückseligkeit genieße, die ich im Besitz Jesu fühle, so vergesse ich, ob ich auf der Erde
bin; ich fühle, dass mein Geist erfüllt ist und nichts mehr zu wünschen hat; das Herz sucht nichts
mehr, weil es ein unermessliches Gut, dem nichts zu vergleichen ist, ein Gut ohne Maß und Mangel
bei sich hat. Jesus ist es dann, der mich erfüllt. Weder vorher noch nachher kommt mir in den Sinn,
freiwillig etwas zu suchen oder zu begehren, weil die Glückseligkeit zu groß ist, die Jesus mich in
Seiner unendlichen Güte und Liebe erfahren lässt. Nicht immer aber ist es reine, beglückende Lust;
öfter werde ich von einem so starken Schmerz über meine Sünden ergriffen, dass mir scheint, ich
müsste daran sterben.

## In welcher Weise sie die Betrachtung macht

Wenn ich mich zur Betrachtung anschicke, so brauche ich dazu keinerlei Anstrengung: meine Seele
fühlt sich plötzlich ganz in die unermesslichen Reichtümer Gottes untertauchen und verliert sich
hier bald in dem einen, bald in einem anderen Teil. Bevor ich beginne, stelle ich meiner Seele vor,
dass sie zum Ebenbild ihres Gottes gemacht sei und dass daher Er allein ihr letztes Ziel sein müsse.
In diesen Augenblicken scheint mir, dass, wenn meine Seele zu Gott fliegt, sie die Schwere des
Körpers verliert, und wenn sie dann bei Jesus ist, sich ganz in Ihm verliert; ich fühle mich diesen
himmlischen Liebhaber aller Kreaturen lieben und je mehr ich an Ihn denke, desto mehr erkenne ich
Ihn als liebenswert; wie Jesus sich mir zeigt, so muss auch ich mich Ihm zeigen, demütig,
sanftmütig etc. Manchmal scheint mir, dass ich in Jesus ein göttliches Licht schaue, eine Sonne von
ewiger Klarheit. Einen Gott, so groß, dass es nichts auf Erden und im Himmel gibt, das Ihm nicht
unterworfen ist. Einen Gott, dessen Wollen auch zugleich stets Können ist. Immer ist es für mich
eine Glückseligkeit, mich an Jesus zu erinnern. Worin ich mich am meisten verliere, ist das Wesen
Jesu (beim Betrachten der göttlichen Natur). Ich glaube, dass es eine Substanz ist, die nicht größer
und herrlicher sein kann. Unter den Gütern erkenne ich Ihn als das höchste Gut: ein Gut, das durch
sich selbst existiert. Und da Jesus vollkommen ist, so findet sich in Ihm alles Sein. Ich verliere mich
auch in Seiner Güte und hierbei fliegt mir der Geist fast immer ins Paradies. Jesus ist unendlich gut,
und in Ihm werde ich, so hoffe ich, alle die geistigen und zeitlichen Güter genießen, die ich mir nur
einbilden kann. Am Schluss bitte ich Jesus, dass Seine Liebe in mir wachse, damit sie im Himmel
vollkommen ist. Meine Seele denkt an nichts anderes, als sich vom Körper zu lösen.

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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Do 25. Jun 2026, 08:06

Laut ihrem letzten "Seelenführer" habe sie während Ekstasen auch geschrieben? So ganz wären die Sinne darin also nicht geschwunden?
P. Germano di S. Stanislao C.P.; GEMMA GALGANI; Das Leben der Jungfrau von Lucca; S.14 hat geschrieben:Über die Art und Weise dieser Erinnerungsfeier gibt ein
Brief Aufschluss, den sie im Juni 1901 an ihren Seelenführer richtete. Das längere Schreiben zerfällt
in zwei Teile; der erste entstand in einer Entzückung, in welchem Zustande sie wiederholt von den
Hausgenossen beobachtet wurde. Da heißt es: „Mein Pater! Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist,
dass das Herz-Jesu-Fest auch der Tag meines Festes ist. Gestern verlebte ich einen Tag des
Paradieses, ich weilte immer bei Jesus, sprach nur von Jesus, ich war glücklich mit Jesus und
weinte auch vor Jesus. Die innere Sammlung bewirkte, dass ich noch mehr als sonst mit meinem
lieben Jesus vereinigt blieb... O ihr frostigen Gedanken an die Welt, entfernt euch von mir; ich will
immer mit Jesus vereint sein, und zwar mit Jesus allein." Dann wirft sie einen Blick auf sich selbst,
wie sie es zu ihrer Demütigung nach einem solchen Ausbruch der Liebe immer tat, und fährt dann
fort: „Mein Jesus, erträgst du mich noch? Je mehr ich an meine Unwürdigkeit denke, desto
verwirrter werde ich; ich finde keine Ruhe, wenn ich nicht hineile zu deiner Barmherzigkeit, mein
liebevollster Jesus!"

Nach diesen Ergüssen tritt sie aus der Ekstase und merkt nun, dass sie an eine Person dieser Erde
schreibt; sehen wir, wie unbefangen sie weiterfährt! „Mein Pater! Wohin schweift nur mein
Gedanke? Zum schönen Tage meiner ersten heiligen Kommunion. Gestern, am Feste des hl.
Herzens Jesu, verkostete ich neuerdings die Wonne des Ehrentages meiner ersten hl. Kommunion.
Gestern genoss ich wiederum Himmelsfreuden. Doch, was will es heißen, sie nur für einen Tag zu
verkosten, da wir sie einst auf immer genießen werden? Der Tag meiner ersten hI. Kommunion, ich
darf es schon sagen, war der Tag, an dem mein Herz am meisten von der Liebe zu Jesus entzündet
war. Wie glücklich war ich, als ich, Jesus im Herzen tragend, ausrufen konnte: „O mein Gott, dein
Herz ist mein Herz; was deine Seligkeit ausmacht, kann auch mich beseligen."

https://www.gemmagalgani.de/vita/biografie-von-p-germano

Und dieses nachträglich colorierte Foto soll sie während einer solchen Ekstase zeigen:
Bild
Die fünf authentischen Fotografien Gemmas, die heute im Kloster-Sanktuarium in Lucca aufbewahrt werden, gehören zu den ergreifendsten Porträts der Heiligengeschichte. Sie wurden auf Anweisung P. Germanos im September 1900 aufgenommen – gegen Gemmas Willen. Cecilia organisierte die Aufnahmen und schrieb an P. Germano: „Ich habe das Porträt aufnehmen lassen, das Sie wünschten. Sie wollen mir die Negative nicht geben, aber sie haben versprochen, nie ohne meine Erlaubnis weitere Abzüge zu machen.“ Die Fotos zeigen Gemma in verschiedenen Haltungen: einmal im Profil mit gefalteten Händen und einem „verzauberten Ausdruck von feiner, himmlischer Schönheit“; ein anderes Mal während einer schmerzhaften Ekstase, „verklärt, die Augen weit und hell, von unvergleichlichem Reiz“; schließlich im Garten der Giannini mit der kleinen Elena an der Hand, in „aller natürlichen Schönheit mit ihrer Frisur, dem langen schwarzen Kleid, dem gewohnten kurzen Mantel, die Augen leicht gesenkt und das sanfte, einnehmende Lächeln, das sie so lieblich erscheinen ließ“. Diese Beschreibungen stammen aus dem Seligsprechungsprozess und zeigen, dass die Zeitgenossen in Gemmas Äußerem nicht nur Frömmigkeit, sondern eine ungewollte, natürliche Schönheit wahrnahmen.

https://www.gemmagalgani.de/2026/02/25/von-der-begabten-malerin-und-musikerin-die-ihre-talente-verbarg-und-deren-schriften-selbst-zu-kunstwerken-wurden

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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Do 25. Jun 2026, 10:59

KI-Einschätzung hat geschrieben:Ja, es ist möglich, während einer Ekstase zu schreiben, doch dies hängt stark von der Tiefe des Zustands ab.

Man unterscheidet hierbei zwei Hauptformen:

1. Die tiefe Ekstase (Unmöglichkeit des Schreibens)

In der klassischen mystischen Theologie (z. B. bei Theresa von Ávila oder Katharina von Siena) ist die volle Ekstase oft durch eine „Bindung der Kräfte“ (ligature des puissances) gekennzeichnet.

Körperliche Starre: Der Körper verfällt in eine kataleptische Starre; die Sinne sind nach außen abgeschaltet.

Bewusstlosigkeit: Das rationale Bewusstsein und die willkürliche Motorik sind ausgesetzt. In diesem Zustand ist aktives Schreiben unmöglich, da die Person oft stundenlang regungslos verharrt und nichts von ihrer Umgebung wahrnimmt.

2. Die verzückte Eingebung (Möglichkeit des Schreibens)

Es gibt jedoch Berichte von Mystikern und Mystikerinnen, die in einem Zustand tiefer Verzückung oder unmittelbar im Anschluss daran schrieben. Dies wird oft als hieratische Schrift oder inspiriertes Schreiben bezeichnet.

Automatischer Charakter: Die Hand führt die Schreibbewegungen oft aus, ohne dass der Verstand den Inhalt aktiv formuliert oder steuert. Der Schreibende fühlt sich als „Werkzeug“ einer höheren Macht.

Veränderte Handschrift: Bei einigen Mystikern (z. B. Vassula Rydén in der Moderne oder historische Fälle wie Maria von Agreda) wurde beobachtet, dass sich die Handschrift während dieser Zustände veränderte (schneller, leserlicher oder stilistisch anders als im Normalzustand), obwohl die Personen oft kaum vom Papier aufsahen.

Teil-Trance: Oft handelt es sich hierbei um einen leichteren Trancezustand, bei dem die Motorik erhalten bleibt, während das Bewusstsein stark auf das „Innere“ oder „Göttliche“ fokussiert ist.

Abgrenzung zum okkulten „Automatischen Schreiben“

Wichtig ist die Unterscheidung zur spiritistischen Praxis des automatischen Schreibens:

Mystik: Der Inhalt wird als göttliche Offenbarung gedeutet; der Wille des Schreibenden wird nicht aufgehoben, sondern mit dem göttlichen Willen harmonisiert (theologisch gesehen).

Spiritismus/Okkultismus: Hier wird oft angestrebt, das Bewusstsein komplett auszuschalten, damit „Geister“ die Hand führen. Dies geschieht häufig in hypnotischer Trance und wird von der kirchlichen Mystik meist abgelehnt.

Zusammenfassend: Während der tiefen, körperlichen Ekstase ist Schreiben meist unmöglich.

In Zuständen der Verzückung oder der mystischen Eingebung ist Schreiben jedoch möglich und dokumentiert, wobei der Prozess oft als „von außen gesteuert“ oder extrem beschleunigt und mühelos beschrieben wird.

Mehrere berühmte Mystiker haben Werke verfasst, die sie als direkt von Gott oder der Jungfrau Maria diktiert oder in ekstatischen Zuständen empfangen beschrieben. Die Kirche unterscheidet hierbei streng zwischen diesem inspirierten Schreiben (bei dem der Wille erhalten bleibt) und dem okkulten automatischen Schreiben (Trance-Mediumschaft).

Hier sind die bekanntesten Beispiele:

1. Hildegard von Bingen (1098–1179)

Die deutsche Benediktineräbtissin beschrieb ihre Werke, darunter Scivias und ihre Kompositionen (Canticles of Ecstasy), als direkte Visionen. Sie berichtete, dass sie die Texte und Melodien nicht selbst erfand, sondern sie in einem Zustand heller Wachheit und gleichzeitiger Verzückung „sah“ und „hörte“ und dann niederschrieb. Ihr Schreibprozess galt als Ausdruck eines lebendigen Lichts, das sie empfing, ohne dabei das Bewusstsein zu verlieren.

2. Katharina von Siena (1347–1380)

Ein besonders bemerkenswerter Fall, da Katharina ursprünglich Analphabetin war. Sie diktierte ihre Briefe und ihr Hauptwerk, den Dialog von der göttlichen Vorsehung, oft in einem Zustand tiefer Ekstase. Zeugen berichteten, dass sie während des Diktierens wie entrückt wirkte, manchmal stundenlang regungslos verharrte und dann plötzlich fließend komplexe theologische Texte formulierte, die von Schreibern festgehalten wurden. Sie erhielt nach eigener Aussage die Fähigkeit zu schreiben und zu diktieren durch eine göttliche Eingebung.

3. Maria von Agreda (1602–1665)

Die spanische Franziskanerin verfasste das monumentale Werk Die mystische Stadt Gottes (Mystical City of God). Sie gab an, dass ihr dieses Werk über das Leben Mariens und Jesu direkt von der Jungfrau Maria diktiert wurde. Dieser Prozess erstreckte sich über viele Jahre; sie schrieb die Offenbarungen nieder, während sie sich in einem Zustand kontemplativer Vereinigung befand. Das Werk erhielt später das Imprimatur (kirchliche Druckerlaubnis) mehrerer Päpste und gilt als klassisches Beispiel für mystische Schriftlichkeit.

4. Theresa von Ávila (1515–1582)

Obwohl sie oft in tiefe Ekstasen fiel, in denen körperliche Bewegung unmöglich war (während derer sie nicht schreiben konnte), verfasste sie ihre großen Werke wie Das Leben und Die innere Burg als Bericht über diese Erfahrungen. Sie schrieb oft im Anschluss an die Gnadenmomente oder in Phasen der „ruhigen Sammlung“, wobei sie den Inhalt der Ekstasen mit hoher intellektueller Klarheit fixierte. Sie betonte stets, dass der Verstand während der höchsten Ekstasen zwar „gebunden“ sei, die Erinnerung an das Erlebte aber danach umso schärfer niedergeschrieben werden könne.

Wichtige Unterscheidung zur Kirche

Die katholische Kirche lehnt das spiritistische automatische Schreiben (bei dem die Person zum willenlosen Werkzeug wird und das Bewusstsein ausschaltet) ab.
Bei den oben genannten Heiligen wird theologisch betont, dass ihre Freiheit und ihr Bewusstsein nicht aufgehoben, sondern durch die göttliche Einwirkung gesteigert wurden. Sie waren sich dessen, was sie schrieben, voll bewusst und konnten den Prozess theoretisch unterbrechen, auch wenn sie sich innerlich zum Schreiben „gedrängt“ fühlten.

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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Fr 26. Jun 2026, 07:30

Hier ging die heilige Gemma in einer Ekstase zur Tür, um sie noch abzuschließen? Fragt sich, wo da eine Grenze zu "eindrücklichen" mystischen Erfahrungen allgemein gezogen werden könnte?
S. 30-31 hat geschrieben:Ich verbrachte die Stunde unter Beten und
Weinen; dann setzte ich mich hin. Der Schmerz hielt an, ich fühlte, wie bald darauf tiefe Sammlung
über mich kam und wie fast plötzlich meine Kräfte schwanden; nur mit Mühe konnte ich mich
erheben und die Kammertüre mit dem Schlüssel verriegeln. Wo befand ich mich? Ich war vor dem
gekreuzigten Heiland; er vergoss Blut. Ich schlug sofort die Augen nieder; jener Anblick verwirrte
mich sehr.

Marsianer
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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Sa 27. Jun 2026, 10:21

S. 46 hat geschrieben:Tante Cecilia und Gemma gingen jeweils in eine nahe gelegene Kirche, meistens in die S. Maria
della Rosa, die sich gerade gegenüber dem Ausgang des Hauses befindet. Dort hörten sie, wenn
möglich, zwei heilige Messen: eine zur Vorbereitung auf die hl. Kommunion, die andere als
Danksagung. Gewiss war eine Stunde wenig für die fromme Jungfrau; hätte sie dem Drange ihres
Herzens folgen dürfen, so wäre sie viel länger im Kirchlein geblieben. Sobald jedoch die bestimmte
Zeit verstrichen, begab sie sich mit der Tante ruhig nach Hause, mochte sie auch in Ekstase
versunken sein, was sehr häufig vorkam. Zu Hause war sie gleich den älteren Töchtern und den
Mägden sofort zur Hand, die Kleinen anzukleiden und mit ihnen das Morgengebet zu verrichten.

S. 49-55 hat geschrieben:Im August 1900 ließ Msgr. Volpi mich durch den P.
Provinzial einladen, nach Lucca zu kommen und sein Beichtkind zu prüfen. Grundsätzlich konnte
ich mich immer schwer dazu verstehen, solche Sachen zu glauben. Ich riet ihm daher, er möge sich
nicht unnötige Sorgen machen, er solle vielmehr trachten, sein Beichtkind auf dem gewöhnlichen
Wege zu führen, den die Gläubigen im allgemeinen einzuschlagen pflegen. Ich ging sogar so weit,
dem Prälaten einfach zuzumuten, er solle bei jener Person den Exorzismus anwenden. Bei dieser
meiner so großen Zurückhaltung wuchs seine Hilflosigkeit. Da er durchaus darauf bestand, ich soll
ein der Sache ein sicheres Urteil abgeben, erwirkte er vom P. Provinzial den Befehl, dass ich nach
Lucca reise.

Ich begab mich anfangs September 1900 dorthin, stieg bei der Familie Giannini ab, wo sich Gemma
Galgani aufhielt. Wie mich diese erblickt, erkennt sie mich auch schon; sie kam mir voll Freude
entgegen und dankte Gott in ihrem Herzen. Ich gestehe offen: als ich vor ihr stand, verspürte ich in
meiner Seele lebendige Gefühle der Hochachtung und Verehrung für sie, als befände ich mich vor
einem himmlischen Wesen.

Es war an einem Donnerstag, als ich erstmals nach Lucca kam. Während des Nachtessens hatte
Gemma, die das Herannahen einer Ekstase fühlen mochte, sich vom Tische weg ohne weiteres auf
ihr Zimmer zurückgezogen. Bald nachher kam Tante Cecilia und rief mich weg. Ich folge ihr und
finde Gemma in Ekstase. Es handelte sich um einen Sünder. Ich war Zeuge des Kampfes, den
Gemma mit der göttlichen Gerechtigkeit führte, um seine Bekehrung zu erlangen. Ich gestehe, in
meinem Leben nie einem rührenderen Schauspiel beigewohnt zu haben. Gemma war in ihrem Bette
aufgesessen, ihre Augen, ihr Gesicht, ihre ganze Person waren auf einen bestimmten Punkt des
Zimmers gerichtet, wo ihr der Heiland erschienen war. Sie zeigte sich nicht aufgeregt, sondern
ergriffen und entschlossen wie jemand, der sich im Kampfe befindet und um jeden Preis siegreich
daraus hervorgehen will. Sie begann zu sprechen: „Da du, mein Jesus, gekommen bist, bitte ich
dich neuerdings für meinen Sünder. Er ist dein Sohn und mein Bruder, rette ihn, Jesus!" Sie gab
seinen Namen an; es war ein Fremder, den sie in Lucca kennen gelernt hatte. Durch innere
Einsprechungen angetrieben, hatte sie ihn schon wiederholt mündlich und schriftlich ermahnt, er
solle sein Gewissen in Ordnung bringen und sich nicht mit dem Rufe eines guten Christen
begnügen, dessen er sich in der Öffentlichkeit wirklich erfreute. Jesus schien nunmehr entschlossen
zu sein, gegen jenen Sünder als gerechter Richter vorzugehen, er widersetzte sich daher den
Gebeten und Fürbitten seiner Dienerin.

Diese ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen, sondern sagte: „Warum willst du mir heute nicht
willfahren, mein Jesus! Für eine einzige Seele hast du so viel getan, jetzt willst du diese nicht
retten! Rette sie, mein Jesus, errette sie... Sei gnädig, Jesus, sage nicht, du wollest ihn aufgeben. In
deinem Munde, im Munde der Barmherzigkeit selbst, nimmt sich dieses Wort, ihn aufzugeben, gar
übel aus; du darfst es nicht aussprechen. Du hast ja auch das Blut nicht gemessen, das du für die
Sünder vergossen hast, und jetzt willst du die Menge unserer Sünden abmessen..."

Da begann der Heiland, um seiner Dienerin zu zeigen, wie berechtigt sein strenges Vorgehen sei, die
Verfehlungen jenes Sünders, eine um die andere, mit der genauesten Angabe von Zeit und Ort offen
darzulegen, und bemerkte schließlich, das Maß jenes Sünders sei übervoll. Gemma schien ganz in
Schrecken und Bestürzung zu geraten, sie ließ die Arme sinken, stieß einen tiefen Seufzer aus, wie
jemand tun mag, der die Hoffnung auf den Sieg beinahe verloren hat. Sie erhob sich jedoch bald
wieder aus ihrer Bestürzung und ging neuerdings zum Angriff über. „Ich weiß wohl, mein Jesus,
dass er dich schwer beleidigt hat, aber ich habe es noch ärger getrieben und mir hast du doch
Barmherzigkeit widerfahren lassen. Ich gestehe offen, ich verdiene es nicht, dass du mich erhörst.
Allein siehe, ich stelle dir eine andere Fürsprecherin vor, die eintritt für meinen Sünder: es ist deine
Mutter selbst, welche dich für ihn anfleht. Nun gehe und sage zu deiner Mutter auch nein! Du wirst
dieses Wort ihr gegenüber gewiss nicht aussprechen. Antworte mir nun, mein Jesus, und erkläre,
dass du meinen Sünder gerettet hast." Der Sieg war errungen. Die Szene wechselte ihr Aussehen.
Der Herr in seiner Güte hatte die Gnade gewährt, Gemma nahm den Ausdruck unbeschreiblicher
Freude an und rief aus: „Er ist gerettet, er ist gerettet! Du hast gesiegt, Jesus, triumphiere immer auf
diese Weise." Jetzt war die Ekstase beendigt.

Diese tiefergreifende Szene dauerte eine gute halbe Stunde. Hierauf zog ich mich auf mein Zimmer
zurück; mein Geist war mit tausenderlei Gedanken beschäftigt, als ich an der Türe klopfen hörte.
„Ein fremder Herr, der Sie verlangt, Pater" - Ich ließ ihn eintreten; er warf sich mir zu Füßen,
weinte und sprach: „Pater, hören Sie meine Beichte!" Mein Gott, wie war mir ums Herz! Es war der
Sünder Gemmas, der in jener Stunde sich bekehrte. Er klagte sich über alle jene Verfehlungen an,
die ich selbst von der Dienerin Gottes während ihrer Ekstase vernommen hatte. Eine einzige vergaß
er, ich konnte ihn sogleich daran erinnern. Ich tröstete ihn und erzählte, was vor kurzem vorgefallen
war; dann bat ich ihn um die Erlaubnis, diese Wundertaten des Herrn bekannt zu geben; nachdem
wir uns umarmt hatten, entließ ich ihn.

Ich blieb jedoch nicht bei der bloßen Bewunderung stehen. Mutig begann ich meine Studien, um
mich stets mehr vom Geiste der Dienerin Gottes zu vergewissern. Diese ernsten Beobachtungen
dauerten etwa drei Jahre ununterbrochen fort. Auf Grund der aszetischen und mystischen Theologie,
auf Grund der modernen physiologischen Wissenschaften unterwarf ich Gemma langwierigen
Prüfungen, so dass ich zuletzt sagen durfte: ich habe auch nicht eine einzige Probe unterlassen, ich
muss aber auch bekennen, dass keine derselben mich jemals getäuscht hat. Msgr. Volpi war damit
einverstanden, billigte mein Vorgehen und willigte ein, dass ich die Leitung jener Seele in die Hand
nehme. Gemma selbst erschien dadurch wie neubelebt, sie war mir stets ergeben und gehorsam. Sie
sprach wenig, es schien sogar, als falle es ihr schwer, auf meine an sie gestellten Fragen zu
antworten; gleichwohl waren ihre Antworten so richtig, verständig und voll himmlischer Salbung,
dass es eine Freude war, sie anzuhören.

Beim Schreiben war sie nicht so wortkarg. Ihre Briefe waren stets so abgefasst, wie man es besser
nicht wünschen konnte. Wie oft habe ich geweint aus Rührung und Staunen über ihre Briefe! Wie
manches Mal habe ich den heiligen Drang in mir verspürt, Gott jene wunderbaren Blätter, die
Frucht seiner Gnade, mit erhobenen Armen darzubieten. Da sie wusste, an wen sie schrieb, machte
sie sich keine Sorge, ob das, was sie (in den Briefen an mich) sagte, gut oder schlecht ausgedrückt
war, ob es ihr zu Lob oder Tadel gereichte, ob es im guten oder im schlimmen Sinne ausgelegt
werden könnte. Hatte sie den Brief beendigt, so wollte sie ihn nicht mehr durchlesen, sondern
schloss ihn gleich und dachte nicht weiter an den Inhalt desselben. War zufällig kein ganzer Bogen
zur Hand, so nahm sie eben einen halben, hatte sie nicht einmal so viel auftreiben können, so
musste das erste beste Blatt den Dienst tun.

Während ihrer Ekstasen empfing sie Erleuchtungen von Gott. Sobald es ihr möglich war, machte sie
ihrem Seelenführer Mitteilung davon: „Jesus hat so und so gesagt und mir aufgetragen, alles Ihnen
zu berichten. Sollte ich nicht recht verstanden haben, so lassen Sie es von ihm selbst besser
erklären." War das geschehen, so dachte sie nicht mehr weiter daran. Wurden ihr dieselben
Weisungen drei, fünf, zehn und mehr Male wiederholt, so machte sie ihrem Seelenführer davon
Mitteilung mit der gleichen Ruhe und Unbefangenheit, die wir beim gehorsamen Samuel
bewundern. „Jesus hat so und so gesagt. Hören Sie auf ihn, Pater, und stellen sie ihn zufrieden." Es
war eine Freude, eine Seele zu leiten, die so tugendhaft, so voll Kindeseinfalt, so von allem
Irdischen und vorzüglich von sich selbst losgeschält war. Diese liebenswürdige Unbefangenheit
zeigte sie nicht bloß ihrem Seelenführer, sondern überhaupt allen gegenüber; diese Tugend bildete
sozusagen den Grundzug ihres Wesens.

In Gemmas Seele herrschte eine beständige Heiterkeit, eine unveränderliche Ruhe. Sie hatte stets
Gott vor Augen und beurteilte alles von diesem Gesichtspunkte aus. Ihre Seele glich einem ganz
reinen Spiegel, dem sich jedermann nähern konnte, ohne darin einen Eindruck zu hinterlassen.
Diese liebliche Eigenschaft ihrer Seele erstrahlte selbst auf ihrem Äußeren; ihr Anblick verursachte
kein beengendes Gefühl, sondern war im Gegenteil herzgewinnend, so dass jedermann Achtung und
Vertrauen zu ihr fassen musste.

Es gab in der Tat nicht wenige, die, angezogen von der kindlichen und engelgleichen Erscheinung
Gemmas, sie aufsuchten, um mit ihr Angelegenheiten delikatester Art zu besprechen. Die
bescheidene Jungfrau hörte sie in aller Demut an, erteilte ihnen kurz und bündig Antwort, gab ihnen
nötigenfalls eine passende Mahnung, kehrte darauf sofort in sich selbst zurück und dachte nicht
weiter an die Angelegenheit.

Wegen dieser Geradheit und Offenheit des Geistes schien es, sie sei nicht fähig, Gedanken eitlen
Ruhmes zu fassen; in Wirklichkeit hatte sie auch nie solche Gedanken. Wie sehr sich der böse Feind
anstrengen mochte, ihre Verdienste und guten Eigenschaften ihr vor Augen zu führen, es gelang ihm
niemals, sie zu überraschen und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie richtete sich stets nach der
Weisung des Apostels Jakobus: „Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein!" Lobsprüche missfielen
ihr offenbar sehr, da sie niedrig von sich dachte; allein sie machten ebenso wenig Eindruck auf sie
wie Tadel und Schmähungen: Gemma blieb stets dieselbe kindliche Seele.

Begann sie ein Gespräch oder einen Brief, so machte sie in der Regel keine Einleitung, sie begann
gleich mit der Sache selbst: „Monsignore, hören Sie einmal, heute ist mir das und das zugestoßen."
„Frau Gräfin, Jesus hat gesagt, Sie müssten dieses heilige Werk zu Ende führen." „Mein Pater, es
lebe Jesus! Vernehmen Sie, was Eigentümliches ich Ihnen mitteilen will." Wie sticht diese kindlich-
einfache Ausdrucksweise Gemmas ab von den gewundenen Förmlichkeiten des heutigen Stils!
Gemmas Kindeseinfalt war nur die Frucht treu geübter Tugenden; man darf sich daher keineswegs
wundern, dass diese liebenswürdige Eigenschaft ihre beständige Begleiterin ward. Wir sehen bei
Gemma Natürlichkeit in Haltung und Benehmen, Einfachheit in Kleidung und Schmuck, sowie in
allem, was ihr sonst noch zum Gebrauche diente. Sie hatte nichts Außergewöhnliches in ihrem
Auftreten; sah man von jener würdevollen Haltung ab, die eine Wirkung ihres beständigen Verkehrs
mit Gott war, so unterschied sie sich in nichts von einem gewöhnlichen Mädchen. In der Kirche, wo
sie täglich stundenlang vor dem Tabernakel verweilte, blieb sie unbeweglich wie eine Statue. Sie
ließ äußerlich auch nicht das Geringste von dem merken, was dann in ihrer Seele vorging: kein
Seufzen, kein Stöhnen, keine Gebärde, wodurch sie vor den andern auffiel. Wenn die Glut ihrer
Liebe ihr Tränen auspresst so deckte sie, kaum dass sie dieselben bemerkte, ihr sanft auf die Brust
geneigtes Haupt eiligst mit beiden Händen zu.

Die erhabenen Geheimnisse des Glaubens sind ihrer Natur nach derart, dass der sterbliche Mensch
ganz erstaunt vor ihnen steht. So ergeht es selbst Seelen, die Gott mehr an sich gezogen, mit
höheren Gnaden und Gaben ausgestattet hat. Nicht so Gemma. Für sie schien der Glaube nicht mehr
Glaube, sondern offenbare Gewissheit zu sein; in den tiefsten Geheimnissen desselben findet sie
sich ganz wohl zurecht, als wäre es ein Gebiet, auf dem sie sich für gewöhnlich bewegt. Sie redet
mit Gott so zutraulich und unbefangen, wie etwa ein Kind mit seinem Vater plaudert, der es auf den
Schoß genommen hat. Ja, unter Wahrung der schuldigen Rücksicht spricht sie zu ihm mit derselben
Unbefangenheit und Natürlichkeit, wie sie mit den Geschöpfen zu verkehren gewohnt ist.
Die sichtbare Gegenwart des Schutzengels – auch diese seltene Gunst war ihr von Gott zuteil
geworden – erschien Gemma als etwas ganz Natürliches. Sie sprach mit ihm, wie man mit einer
befreundeten Person spricht. Sie gab ihm fortgesetzt die mannigfaltigsten Aufträge an Bewohner
des Himmels und an jene der Erde; es geschah dies in tiefster Ehrfurcht, aber auch mit
liebenswürdigster Unbefangenheit. Wurde sie mitten in einer Unterredung mit ihm abberufen oder
hatte sie eine Arbeit zu vollenden, so erhob sie sich gleich, machte sich ohne irgendein Kompliment
sofort an die Ausführung ihrer Pflicht und ließ ihren Schutzengel warten. Begab sie sich abends zur
Ruhe, so bat sie ihn, er möge ihr das Kreuzzeichen auf die Stirne machen und zu Häupten des
Bettes wachen; hatte sie sich dessen versichert, so schlief sie ruhig ein. Welch glücklicher Schlaf in
der sichtbaren Gegenwart des hl. Schutzengels! Wenn sie morgens beim Erwachen ihren Beschützer
an seinem Platze erblickte, so schenkte sie ihm doch nur wenig Aufmerksamkeit; es drängte sie
eben, in die Kirche zu eilen und die hl. Kommunion zu empfangen. An diese hatte sie nach der
kurzen Dauer ihres Schlafes fast die ganze Nacht gedacht. „Ich gehe jetzt zu Jesus", sagte sie etwa
beim Verlassen des Zimmers. Verabschiedete sich der Engel von ihr, so rief sie ihm mit
unaussprechlicher Anmut zu: „Addio, teurer Engel, grüße mir Jesus!"

Die Wundmale erneuerten sich, wie gesagt, bei Gemma einige Jahre lang jede Woche. Vom
Donnerstag auf den Freitag hatte sie jeweils so heftige Schmerzen zu erdulden, dass sie meinte, sie
müsse sterben. Wie merkwürdig! War dieser Zustand des Leidens vorüber, so erhob sie sich, wusch,
als wäre nichts vorgefallen, die Hände und das Gesicht, um die Spuren des Blutes zu tilgen, das
reichlich geflossen war, auch zog sie die Ärmel ihres Kleides vor, um die Wundmale an beiden
Händen zu verdecken. Sie glaubte dann, niemand habe sie beobachtet, deshalb wandte sie sich ganz
heiter und ruhig zu den Ihrigen und verkehrte in gewohnter Weise mit ihnen.

Muss man sich nicht aufs höchste verwundern, dass ein Mädchen, bei dem so außerordentliche
Erscheinungen zutage treten, nicht einmal daran denkt zu fragen: „Was will doch dieses alles
bedeuten? Ist es ein gutes oder ein schlimmes Zeichen? Ist es Gottes Werk oder eine List des
Teufels?"

Ihre tiefe Demut flößte ihr wohl etwas Furcht ein, zumal wenn sie bemerkte, dass die anderen sich
nachdenklich zeigten über die bei ihr vorkommenden Erscheinungen; gleichwohl überließ sie sich
Gott und dem Urteile ihres Beichtvaters und ihres Seelenführers: sie blieb ruhig, ohne zu grübeln
und nachzuforschen. Als wäre es nicht jenes häufige Verweilen auf Kalvaria bei ihrem gekreuzigten
Heiland, der sie an seinem Leiden teilnehmen ließ, war sie unmittelbar nach Beendigung der
Ekstase sofort in der Lage und gerne bereit, mit den Kindern des Hauses zu spielen und sie zu
unterhalten. Welch liebenswürdige Einfalt!

Marsianer
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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Fr 3. Jul 2026, 08:54

S. 84 hat geschrieben:Was nun bei diesem Verhältnis als ganz außerordentlich erscheint, das ist die sichtbare und
beständige Gegenwart des Engels. Gemma schaute ihn mit ihren leiblichen Augen, berührte ihn mit
der Hand, als wäre er eine lebende Person dieser Welt, sie pflegte mit ihm zu reden, wie ein Freund
sich mit seinem Freunde unterhält.

Marsianer hat geschrieben:
Heilige Gemma Galgani, Eintrag zum 31.7.1900 hat geschrieben:Schon seit Sonntag habe ich mich nicht mehr sammeln können; aber
für alles habe ich Jesus gedankt. Als der Schutzengel kam, war ich im Wachzustand, nicht in
Ekstase. Jesus, meine Mutter und manchmal der Mitbruder Gabriel sind es, die mich in Ekstase
kommen lassen; aber ich bleibe immer, wo ich bin, ich finde mich immer auf dem gewohnten Platz,
nur die Sinne schwinden.

S. 85 hat geschrieben:Wenn Gemma, nicht bloß zur Zeit ihres betrachtenden oder mündlichen Gebets, die Augen zum
Anblicke des Engels erhob, auf ihn horchte oder mit ihm sprach, so verlor sie den Gebrauch der
Sinne. In diesem Augenblicke konnte man sie rütteln, schlagen, stechen, sie hätte nichts davon
verspürt. Hörte sie auf, ihn anzublicken oder mit ihm zu reden, so kehrte sie auch sofort zu sich
zurück. Äußerlich konnte man nichts wahrnehmen als die Unbeweglichkeit ihrer Person und das
überirdische Leuchten ihrer Augen. Man musste sie anfassen, wollte man Gewissheit bekommen
von ihrem Zustande.

S. 86 hat geschrieben:Sie gab ihm auch verschiedene Aufträge an Gott, an Maria, an ihre Schutzpatrone im Himmel.
Sogar verschlossene und versiegelte Briefe an die eben erwähnten übergab sie ihm [ihrem Schutzengel] mit der Bitte, er möge
ihr seinerzeit die Antwort vermitteln. Die Briefe wurden wirklich fortgenommen. Wie viele Proben
habe ich angestellt, um sicher zu sein, dass ein so außergewöhnliches Vorkommnis wirklich durch
übernatürlichen Eingriff erfolge! Und doch hat mich kein Versuch getäuscht und ich musste mich in
diesem Punkte wie noch in manch anderen überzeugen, dass der Himmel seine eigenen Absichten
hatte mit diesem von ihm so begünstigten Geschöpfe. Wenn sie ihren hl. Schutzengel mit einem
besonderen Auftrag an Personen hier auf Erden schickte, was oft geschah, so wunderte sie sich
gewaltig, wenn sie keine Antwort erhielt. „Es sind doch schon viele Tage her, dass ich es Ihnen
durch den Engel sagen ließ; wie kommt es nur, dass Sie nichts getan haben in der Sache. Sie hätten
mir wenigstens durch den Engel berichten lassen können, dass Sie sich mit der Sache nicht
abzugeben gedenken. Zürnen Sie mir doch nicht, wenn ich neuerdings darauf zurückkomme; es
handelt sich um eine sehr ernste Sache."

So ward der Himmelsbote von ihr stets in Anspruch genommen und er leistete ihr auch gerne
Dienste.

S. 91-93 hat geschrieben:„Wenn ich daran gehe, die Betrachtung zu machen, tue ich es ohne irgendwelche Anstrengung.
Meine Seele fühlt sich sofort gänzlich in die unermessliche Größe Gottes versenkt, bald verliert sie
sich bei diesem Punkte, bald bei einem andern. Zunächst nun lasse ich meine Seele darüber
Erwägungen anstellen, dass, da sie nach dem Bilde und Gleichnisse ihres Gottes erschaffen ist, er
allein ihr Ziel sein muss. In solchen Augenblicken kommt es mir vor, als ob meine Seele mit Gott
davonfliege und die Schwere dieses Körpers verliere; wenn ich mich vor Jesus befinde, verliere ich
mich ganz in ihn. Ich fühle dann, dass ich den himmlischen Liebhaber der Geschöpfe liebe; je mehr
ich an ihn denke, desto mehr erkenne ich seine Liebenswürdigkeit. Manchmal scheint es mir, als
sehe ich in Jesus ein göttliches Licht und eine Sonne von ewiger Klarheit; einen erhabenen Gott, so
dass es im Himmel und auf Erden nichts gibt, das ihm nicht unterworfen wäre; einen Gott, in dessen
Wollen alles Können beruht. Unter den Gütern erkenne ich ihn als höchstes Gut, als ein Gut, das aus
sich selber ist; da Jesus vollkommen ist, so finde ich in ihm alles. Ich verliere mich noch in seiner
Güte und dabei erhebt sich mein Geist fast stets in den Himmel. Jesus ist unendlich gut, in ihm
werde ich, das ist meine Hoffnung, alle Güter genießen. Ich beendige die Betrachtung, indem ich
Jesus bitte, er möge in mir seine Liebe vermehren, auf dass sie im Himmel vollkommen sei."

In der Antwort auf einen ihr absichtlich vorgelegten Zweifel schreibt sie:

„Wenn ich mich ins Gebet begebe, sehe ich Jesus nicht mit den Augen des Körpers, aber ich
erkenne ihn deutlich; denn er lässt mich in eine süße Verlassenheit fallen und in dieser Verlassenheit
erkenne ich ihn. Seine Stimme macht sich mir so scharf bemerkbar, dass ich mehrmals sagte, die
Stimme Jesu verwunde mich mehr als ein vielschneidiges Schwert, so tief dringt sie in meine Seele
ein. Seine Worte sind Worte des ewigen Lebens. Wenn ich Jesus so sehe und ihn höre, dann kommt
es mir vor, als sähe ich weder Schönheit des Körpers noch Gestalt, noch vernehme ich süßen Ton
oder lieblichen Gesang. Wenn ich Jesus sehe und höre, sehe ich ein unendliches Licht, ein
unermessliches Gut; seine Stimme ist nicht laut, sie ist aber kräftiger und meinem Geiste
vernehmbarer, als wenn ich genau ausgesprochene Worte hörte."

[vergl. die "Antworten von Gemma" aus dem Anhang des Tagebuchs weiter oben ...]

Wenn die menschliche Sprache imstande wäre, das in Worte zu fassen, was Gott ihr in der
Beschauung zu erkennen gab, so hätte sie ganze Bände über die Geheimnisse unseres hl. Glaubens
zu schreiben vermocht. Um sich wenigstens ihrem geistlichen Vater verständlich zu machen, dem
sie nicht das geringste verheimlichen wollte, behalf sie sich, wie wir bereits gesehen haben, mit
Figuren und Gleichnissen aus dem Gebiete der Körperwelt. „Stellen Sie sich vor, sie sähen ein Licht
von unermesslichem Glanze, das alles durchdringt, erhellt und erleuchtet, das aber gleichzeitig auch
alles belebt und beseelt in einer Art und Weise, dass alle Dinge, die sind, durch dieses Licht sind,
durch dasselbe und in ihm Leben haben: so sehe ich meinen Gott und die geschaffenen Wesen in
ihm. Stellen Sie sich einen Feuerbrand vor, groß wie das Universum und noch unendlich darüber
hinaus, der alles entzündet und doch nichts verzehrt, der im Brennen leuchtet und stärkt; diejenigen,
die von seinen Flammen am meisten ergriffen sind, befinden sich besonders wohl und wünschen am
sehnlichsten vom Brande erfasst zu werden: so sehe ich unsere Seelen in Gott."

Diese erhabenen Erleuchtungen waren bei ihr sehr häufig, mochte sie dem Gebete obliegen oder
sogar Geschäfte besorgen, die ihrer Natur nach zerstreuend wirkten. Auf einmal war ihr Geist wie
geblendet von einem geheimnisvollen Lichte alles andere um sie her verschwand, es folgte eine
tiefe Sammlung und Gemma war im Himmel, um Gott und seine unendliche Schönheit zu
betrachten. Da sie selber nicht wusste, wie sie dieses übernatürliche Phänomen bezeichnen sollte,
sagte sie in ihrer kindlich-naiven Art: „Der Kopf geht mir durch." Sie selber gesteht: „Ich stand am
Herd und wechselte einige Worte mit der Köchin, da merkte ich so urplötzlich, dass ich nicht mehr
Zeit hatte, die Küche zu verlassen, wie mir der Kopf durchging und ich mich bei Jesus befand."

Marsianer
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Stufen mystischen Erlebens laut Seelenburg der heiligen Teresa von Avila

Beitragvon Marsianer » Sa 4. Jul 2026, 08:27

S. 94-104 hat geschrieben:Nunmehr ist es an der Zeit nachzuweisen, wie Gemma die verschiedenen Stufen oder Grade der
Beschauung emporstieg und schließlich bei dem anlangte, was für einen sterblichen Menschen als
das höchste Erreichbare gilt, bei der Vermählung mit Christus, dem göttlichen Worte.

Wir wollen uns nun dem ersten Beschauungsgrad widmen (In Deutschland hält man die von der hl.
Theresia (in der „Seelenburg") angeführte Einteilung für die beste.). Die unterste Stufe der
Beschauung wird von den Theologen mystische Sammlung genannt und besteht in einem
außergewöhnlichen Lichte, womit Gott sich unversehens dem Verstande mitteilt, ihn ganz erfasst;
indem dieses Licht auf die inneren Sinne wie auch auf die äußeren zurückstrahlt, sammelt es sie
alle, beruhigt sie und fesselt sie sanft an die Seele. Es ist nicht die Ekstase, die uns den Gebrauch
der Sinne verlieren lässt, sondern ein süßes Anziehen derselben, das alles andere vergessen macht
und alles, was im Menschen ist, zum höchsten Gut hindrängt; der hl. Franz v. Sales führt als
Vergleich den Magnet an, der die Nadeln in seiner Nähe an sich zieht. Sogar die Glieder des
Körpers nehmen eine gesammelte Haltung an, sie bleiben unbeweglich, welches auch die Zeit und
der Ort sein mag, wo die Seele von diesem unerwarteten Lichte überrascht wird.

Dass auch unsrer Gemma wirklich eine solche Gabe von Gott verliehen wurde, geht klar aus dem
hervor, was im vorigen Kapitel erwähnt worden ist. Gott sehen mit übernatürlich eingegossenem
Lichte, sich ihm gegenwärtig fühlen mit allen Fähigkeiten der Seele und ihn nicht erkennen, ihn
nicht lieben, ihm sich nicht aufs innigste vereinigen, ist ein Ding der Unmöglichkeit; wenigstens für
Gemma war es so.

[...]

Die zweite Stufe der Beschauung und der Liebe heißt geistiges Stillschweigen, so genannt, weil
dabei die Seele, von stärkerem Lichte als auf der ersten Stufe ergriffen und auf heftigere und noch
süßere Weise angezogen, von Staunen erfasst, ja wie gefesselt dasteht vor der Majestät des Herrn
und es nicht wagt, ihn anzusprechen, sondern sich darauf beschränkt, ihn zu lieben und ihre Wonne
an ihm zu haben und sich darüber zu erfreuen, dass sie ihn liebt.

Bei unserer Gemma wechselte dieser vollkommenere Grad der Beschauung und der Liebeseinigung
sehr häufig mit dem ersten ab. Das war auch von außen erkennbar, wenn sie dem Gebete oblag. Im
ersten Zustand, d.h. auf der untersten Stufe kamen die verschiedenen Regungen der Seele, eine nach
der andern, auf ihrem Gesichte zum Ausdruck, auf der zweiten Stufe, der des geistigen
Stillschweigens blieb ihr Gesichtsausdruck unverändert. Sie selbst gab mir einmal Aufschluss über
diesen Gebetsgrad und sagte: „Ich bin vor Jesus gewesen; ich habe ihm nichts gesagt und er hat
nichts zu mir gesprochen; beide verharrten im Stillschweigen, ich schaute auf ihn, er blickte mich
an. Wenn Sie, mein Pater, nur wüssten, welche Wonne es ist, so vor Jesus zu verweilen! Haben Sie
es je erfahren? Man möchte nicht mehr heraustreten. Allein auf einmal sagt Jesus: Fort – und jenes
Licht verschwindet. Das Herz aber, wissen Sie, das erkaltet nicht so schnell."

Hat sich die Seele daran gewöhnt, in geistigem Stillschweigen vor Gottes Gegenwart zu weilen und
diese Wonne zu verkosten, so ist sie leicht bereit, zur dritten Stufe überzugehen, die im Gebete der
Ruhe
besteht. In einer solchen Seele findet man in wunderbarer Verbindung Maria und Martha
beisammen, jene führt ein beschauliches Leben und ist glücklich zu den Füßen des Herrn, diese
arbeitet für ihn, sie führt ein tätiges Leben.

So war es bei Gemma; diese dritte Stufe der mystischen Vollkommenheit mag sie etwa drei Jahre
vor ihrem Tode erreicht haben. Die äußere Sammlung, die bei ihr stets beobachtet wurde, beweist
uns, dass die erste der erwähnten Auszeichnungen (das beschauliche Leben) ihr in ausgezeichnetem
Grade zukam. Die Bereitwilligkeit sowie die Begeisterung, die sie bei der Ausübung der Tugend zur
Ehre jenes Gottes antrieben, den sie so sehr liebte, ferner ihr Eifer für das Heil der Seelen, ihr
beständiges Gebet für die Bekehrung der Sünder, endlich die freudige Teilnahme an den guten
Werken, soweit diese ihr möglich waren, geben uns sichere Gewähr für das Vorhandensein des
zweiten Vorzuges (des tätigen Lebens). Hören wir ihre eigenen Worte. „Solange ich so viele
Wünsche hatte, war meine Seele unruhig: jetzt da ich nur einen einzigen hege, bin ich glücklich.
Hier, Jesus, hier in meinem Herzen will ich ein Zelt errichten ganz von Liebe; du allein hast Zutritt,
ich werde dich immer bei mir behalten, du bleibst stets mein Gefangener, ich werde dich nicht mehr
frei lassen, bis du mir jenen Trost gewährt hast, den ich so innig begehre. Was verlange ich denn,
was fordere ich, Jesus? Du siehst, dass unsere Wünsche sich decken: ich verlange von dir, was du
selber willst, ich wünsche, was du selbst wünschest."

Verwandt mit dem Gebete der Ruhe ist der geistige Schlaf. In diesem Zustande versteht die Seele in
Wahrheit das höchste Gut glühend zu lieben, aber sie denkt nicht daran; da es ihr genügt zu lieben,
kümmert sie sich um nichts anderes, ihr liegt nicht einmal daran zu wissen, wie sie sich in diesem
wonnigen Zustande befinde. Sie könnte dem nicht einmal nachforschen, weil sie schläft und ihr
Geist sich in Gott verloren hat.

Dieser Vorzug wurde Gemma zuteil, kurz bevor sie zu dem noch ausgezeichneteren Grade der
ekstatischen Vereinigung erhoben wurde. Gott verlieh ihn ihr häufig, eine Zeit lang sogar mehrmals
im Tage. Da, wie erwähnt, in diesem Zustande sogar die äußeren Sinne einschlummern, konnte man
sie darin leicht überraschen, mochte sie stehen oder sitzen, knien oder liegen. Sie schlief scheinbar
und bediente sich selbst der Bezeichnung von Schlaf, wenn sie sich über diesen geheimnisvollen
Zustand Rechenschaft geben wollte.

[...]

Eine glückliche Seele, hineinversetzt in solche Flammen, muss von Zeit zu Zeit wenigstens, außer
sich geraten, indem sie in ihrem Herzen Gefühle wachruft, die von Theologen heilige Trunkenheit
oder mystische Berauschung genannt werden. Diese Trunkenheit oder Berauschung bildet, sofern
deren übernatürlicher Charakter feststeht, einen Grad der Mystik, mag er dann in einzelnen Fällen
die bereits erwähnten an Vollkommenheit übertreffen oder hinter ihnen zurückbleiben.

Gemma wurde auch auf diese Stufe erhoben, dies lässt sich unschwer beweisen aus den Worten, die
sie in diesem Zustande vorbrachte oder niederschrieb. Da sie fühlte, sie habe den Himmel ganz in
ihrem Herzen, lud sie die Umstehenden durch Zeichen ein, näher zu treten und sich davon zu
überzeugen; alsdann rief sie aus: „O Gott, o Liebe, o Himmel!" „Die Fesseln deiner Liebe, mein
Gott, sind so fest, dass ich nicht herauszutreten vermag. Lass mir doch die Freiheit; ich will dich
überall lieben, allzeit dich suchen!"

Manchmal ist die Fülle der Liebe so gewaltig, dass sie sich wie ein Feuerstrom in den materiellen
Teil des Herzens ergießt und dasselbe auf ganz ungewöhnliche Weise entzündet. Diese Glut, im
erwähnten Sinne verstanden, bildet eine weitere Stufe der Vollkommenheit; die Theologen nennen
sie Flammen der Liebe. Die Jungfrau von Lucca war im Besitze einer so intensiven Flamme, dass,
hätte dieses Feuer über die zwei, drei Monate seiner tatsächlichen Dauer angehalten, ihr Herz in der
Brust verbrannt wäre. Ich bringe keine Fabeln daher, sondern wirkliche, gut verbürgte Tatsachen.
Gemmas Herz glich einem Feuerofen. Man konnte die Hand nicht Hinhalten, ohne dass man
merkte, wie sie zu erglühen begann. Dies war der Fall, wenn die Hand auch nur die Kleider über
jener Stelle berührte. Um darüber größere Sicherheit zu erlangen, gab ich Tante Cäcilia Befehl, sie
während der Ekstase zu beobachten. O Wunder! Viele, viele Male sah man, dass die in der
Herzgegend befindliche äußere Seite so versengt ward, als hätte sie sich über glühenden Kohlen
befunden. Dieser geheimnisvolle Vorgang dauerte die oben erwähnte Zeit (von zwei bis drei
Monaten) hindurch und selbst nachher sah man noch lange die Brandmale auf der Haut und die
darauf entstandenen Falten. Doch Gemma möge uns selbst Aufschluss darüber erteilen. „Es sind
etwa acht Tage her, dass ich in der Herzgegend etwas Eigentümliches bemerke, das ich nicht zu
erklären vermag. In den ersten Tagen achtete ich nicht darauf, da es mich gar nicht oder nur wenig
störte; heute ist aber der dritte Tag, seit dieses Feuer so zunahm, dass es fast nicht mehr zum
Aushalten ist, ich müsste Eis auflegen, wollte ich diese Glut vertreiben . . ., sie hindert mich zu
schlafen und zu essen. Es ist ein geheimnisvolles Feuer, das sich auch nach außen mitteilt . . .,
jedoch bereitet mir dieses Feuer keine Qualen . . ., allein es bringt mich um, es zehrt mich auf . . .
Großer Gott, ich liebe dich."

Mochte dieser Schmerz, den das Feuer unserer Gemma verursachte, auch mit Wonne verbunden
sein, er war tatsächlich doch groß. Auf mein Befragen erklärte sie mir nämlich: „Wollen Sie sich
eine Vorstellung machen, so denken sie, es befinde sich in dem Innersten dieses armen Herzens ein
glühendes Eisen, das durch eine Zange darin festgehalten wird; dasselbe Gefühl des Brennens
verspüre ich im Herzen."

[...]

Der hl. Paul v. Kreuz, der gleichfalls diesen Grad der Flamme der Liebe besaß, pflegte auszurufen:
„Ich fühle, mein Herz ist vertrocknet, ich habe Durst und möchte trinken; um diesen Brand zu
löschen, möchte ich Ströme von Feuer trinken." Wer die Süßigkeit der göttlichen Liebe verkostet
hat, muss so denken und sprechen; denn wenn die Glut der Liebe einmal so hochgestiegen ist, weiß
sie sich nicht mehr zu halten. Der Bräutigam unserer Seelen, Jesus Christus, hat uns das erste
Beispiel davon gegeben, als er im Übermaß von Schmerz und Liebe vom Kreuze herab das Wort
ausrief: „Sitio, mich dürstet!" Das bot den Theologen später Anlass dazu, diese Stufe der Mystik mit
dem Namen Sehnsucht und Durst der Liebe zu belegen, indem sie erklärten, dieser Grad bestehe in
einem lebendigen Verlangen nach dem gekosteten und geliebten Gott, den jedoch die Seele noch
nicht besitzt. Die Dauer dieser Sehnsucht, die sich gleichsam im Innersten der Seele bildet und
festsetzt, wird Durst der Liebe genannt.

[...]

In Ergänzung der
früheren Angabe (Versengen des Fleisches und der Haut in der Herzgegend) füge ich hier bei, dass,
während die geistige Liebesflamme in ihrem Innern weiter loderte, die geheimnisvolle Erscheinung
nach außen hin sichtlich vergrößert wurde. Nach und nach verbreitete sich jenes Feuer, das sonst
nur auf die Herzgegend beschränkt war, über den ganzen Leib, so dass dieser zu einer einzigen
Flamme wurde. Gemma erklärte mir daher eines Tages: „Pater, mein Herz ist ein Schlachtopfer der
Liebe, bald werde ich vor Liebe sterben. Diese Flammen der Liebe verzehren das Herz und auch
den Leib und ich werde zu Asche .... Als ich mich gestern – das Allerheiligste war ausgesetzt –
meinem Jesus nähern wollte, fühlte ich eine solche Feuersglut in mir, dass ich mich entfernen
musste; ich brannte am ganzen Leibe, die Glut war mir bis zum Gesicht emporgestiegen. Es lebe
Jesus! Wie kommt es nur, dass so viele in der Nähe von Jesus nicht in Asche aufgehen?" Dieses
wunderbare Erglühen wurde wiederholt mit dem Thermometer gemessen; kaum war dieses mit
ihrem Leibe in Berührung gebracht worden, so schnellte das Quecksilber in die Höhe, als hätte man
es über wirkliches Feuer gestellt.

[...]

Als ich ihr Seelenführer wurde, fand er sich bereits vor, doch waren diese
Mitteilungen Gottes oder wie die Lehrer der mystischen Theologie sie bezeichnen, diese
„Berührungen" der Seele durch Gott damals noch selten. Gewöhnlich erfolgten sie während der
Beschauung. Allmählich, während das übernatürliche Licht ihrem Geiste die Schönheiten Gottes
enthüllte, entbrannte das Herz in ihrer Brust, es begann heftiger zu schlagen und verzehrte sich aus
Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem höchsten Gut. In dem Maß als dieses glühende Verlangen
zunahm, wurde die Scheidemauer zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer geringer, sie
verflüchtigte sich gleichsam, bis sie schließlich ganz fiel und die glückliche Seele mit der Gottheit
in Berührung treten konnte. Da vermochte Gemma wenig zu sprechen, man hörte sie nur ausrufen:
„O Engel, ich kann nichts machen, spendet ihr der Liebe meines Gottes Beifall! Siehe, Jesus, ich
ergebe mich deiner hl. Liebe." Die natürlichen Kräfte reichten nicht mehr aus; halbtot fiel sie zur
Erde nieder. Einmal erging es ihr so in der Kirche nach dem Empfange der hl. Kommunion. Als sie
zu sich gekommen war, verdross sie dies sehr; sie flehte die göttliche Majestät mit solcher Inbrunst
an, dass ihr so etwas öffentlich nie mehr zustieß. In ihrer Kindeseinfalt schrieb sie diesen Erfolg
dem Umstande zu, dass sie sich beständig zu beherrschen und zu bezwingen suchte. Voll Freude
darüber schreibt sie ihrem Seelenführer: „Jesus fährt fort, mich seine Gegenwart immer und überall
fühlen zu lassen; er sei stets gepriesen! Welche Gewalt muss ich mir selber antun, um mich vor den
andern zu verbergen, besonders wenn ich mich in der Kirche oder außerhalb des Hauses befinde!
Infolge dieses Zwanges, den ich mir auferlegen muss, um mich ja zu beherrschen, habe ich abends
immer etwas Fieber. Doch unverzagt voran! Jesus sagt mir nämlich, dieses mein Benehmen bereite
ihm großes Gefallen. Werde ich mich immer zu beherrschen vermögen? Ich fürchte, nein, denn die
Wallungen nehmen noch immer an Stärke und Häufigkeit zu, so dass ich es schließlich nicht mehr
aushalte. Kann ich's nicht mehr, dann lasse ich es gehen. Es lebe immer Jesus!"

Im Laufe der Zeit wurden diese Wallungen der göttlichen Liebe, wenn ich diese Bezeichnung
anwenden darf, sehr häufig zumal zur Zeit der Ekstasen; es war leicht, sie zu beobachten, da ihre
Wirkungen offen zu Tage traten. Sie schrieb mir selber: „Jene unbedeutenden Ohnmachten, die mir
in der Gegenwart Jesu zustießen, werden immer häufiger; wenn Jesus so fortfährt, wird er bald
allein übrig sein. Wie soll ich es machen, um Jesus nicht mit ganzer Seele zu lieben? Wie sollte ich
nicht wünschen, ganz in ihn aufgenommen und in den Flammen seiner hl. Liebe verzehrt zu
werden?" Ein anderes Mal fragte Gemma in ihrer liebenswürdigen Unbefangenheit ihren Heiland,
woher denn das so glühende Verlangen ihres Herzens käme, ihm wohlzugefallen, sich mit ihm
durch das unauflösbare Band der Liebe zu vereinigen. Jesus antwortete ihr: „Ich habe dich besiegt!"
„Ja, ich bin glücklich, von einer solchen Güte, von solcher Liebe überwunden zu sein!"

[...]

Selbst in der
Ekstase enthielt sich Gemma anfangs, ihm den süßen Titel Bräutigam, sich selber den der Braut zu
geben. Als aber mit der Zeit die Glut der himmlischen Flammen in ihrem Herzen zunahm, als mit
der Liebe der Mut und das Vertrauen wuchsen, da begann sie endlich ganz leise Wünsche dieser Art
zu hegen und denselben in Seufzern Ausdruck zu verleihen. „Wenn ich des Morgens solchen Trost
empfinde, da ich dich, mein Gott, Vater nennen darf, was wird es erst sein, wenn ich dich meinen
Geliebten heißen kann? Ja, mein Jesus, tröste diese deine arme Tochter, deine Verlobte." In einer
anderen Ekstase hörte man sie in flehendem Tone folgende Worte ausrufen: „O Jesus, aber immer
nur Tochter, nichts weiter? Und doch möchte ich ... o Jesus! Aber ich verstehe, o Jesus, es wäre zu
viel für mich. Darf ich dir anvertrauen, was ich so heiß begehre? Ich möchte, Jesus, ich möchte. . .
deine Braut sein. Ja, deine Braut, o Jesus, wünschte ich zu sein." Nach diesen Worten fiel sie
ohnmächtig zur Erde nieder und blieb dort mehrere Stunden lang wie tot liegen. Nun war der
Herzenswunsch dieser heiligen Seele erfüllt, das Ewige Wort vereinigte sich mit ihr durch das
unauflösbare Band der Liebe. Bei dieser mystischen Vermählung fehlte das Unterpfand nicht. Jesus
erschien ihr, wie einst der hl. Katharina von Alexandrien, dem hl. Paul vom Kreuz und anderen
Heiligen, unter der Gestalt eines lieblichen Knäbleins, das die himmlische Mutter auf dem Arme
hielt. Maria nahm den Ring vom Finger ihres Sohnes und steckte ihn an den Finger unserer
glücklichen Gemma. Von jenem Tage an schien sie nicht mehr dieser Erde anzugehören. Das
Hoheitsvolle ihres Gesichtes, das man bei ihr stets bewundert hatte, jenes Strahlen ihrer Augen, das
sanfte Lächeln, das ihre Lippen umspielte, mit einem Worte ihre ganze Person nahm etwas – wenn
ich so sagen darf – Himmlisches an, das Ehrfurcht einflößte und sie wie ein lichter Engel erscheinen
ließ. Gemma selber beschrieb mir diesen neuen Zustand mit den kurzen, aber vielsagenden Worten:
„Jesus fährt fort, mich zu lieben, aber nicht in der Weise wie früher; er fährt auch fort, mich mit sich
zu vereinigen und mich aufzunehmen, aber auf eine andere Weise. Von jenem Tage an begann für
mich ein n e u e s Leben."

Diese unter dem Namen des bräutlichen Verhältnisses bekannte Vereinigung der Seele mit Gott ist
die vollkommenste. Sie unterscheidet sich daher von den früher erwähnten Gnaden. Bei diesen
nämlich teilt sich der Herr mit seinen himmlischen Gaben mit, sich selbst aber gibt er noch nicht
hin; er teilt sich den Kräften der Seele mit, und zwar in kürzeren und längeren Zwischenräumen,
aber nicht in dauernder Form. Lassen wir uns diese erhabene Vereinigung, wobei die Seele sich
ganz Gott und Gott sich ganz der Seele hingibt, von Gemma selbst beschreiben; sie kennt sich über
diese vollkommene und innige, dauernde und unauflösbare Einigung glücklicherweise aus. „Heute
bin ich nicht mehr in mir, ich bin mit meinem Gott, ganz für ihn und er ganz in mir und für mich."
Das ist eine Umschreibung oder Wiederholung der Worte der Braut im Hohenlied: „Ich gehöre
meinem Geliebten und sein Verlangen geht nach mir." „Jesus ist mit mir, er gehört ganz mir. Er ist
allein und einsam; ich bin auch allein, ihn zu preisen; allein, ihm zu folgen. Er ist eingeschlossen im
ärmlichen Kämmerlein meines Herzens; seine Majestät verschwindet. Wir beide sind ganz allein;
mein Herz schlägt beständig zugleich mit dem meines Jesu."

Aus diesen und ähnlichen Äußerungen der jungen Gottesbraut kann man leicht erkennen, wie groß
das Glück einer Seele ist, die zu solcher Höhe emporgestiegen, und wie reichlich die
übernatürlichen Früchte sein müssen, die ihr aus dieser innigen Vereinigung mit dem höchsten Gut
zufließen. Es könnte auch gar nicht anders sein; denn die Güter des Bräutigams gehören der Braut;
die Güter Gottes aber sind unendlich. Mit Recht ruft Gemma darum aus: „Welch kostbare
Augenblicke sind dies!" „Könnten Sie, mein Pater, die Gaben, die Jesus mir verleiht, genießen und
verkosten! Wie gut ist doch Jesus! Ich bitte ihn, er möge ablassen und seinen Gnadenerweisen ein
Ziel setzen; sonst halte ich es nicht mehr aus. Helfen Sie mir und segnen Sie mich!"

Was jenes für Gaben waren, die ihr zuteilwurden, hätte wohl sie selbst nicht zu erklären vermocht.
Es waren erhabene Gnaden, die ihr täglich einen höheren Adel verliehen, sie schmückten und
zierten und sie dadurch in den Augen der göttlichen Majestät immer wohlgefälliger erscheinen
ließen. Sie fühlte sich gleichsam in Gott umgewandelt mit allen Kräften der Seele, versenkt in einen
Ozean des Lichtes, der Ruhe, des Friedens. In diesem glücklichen Zustande wurden ihre Ekstasen,
man darf schon sagen, andauernd; denn hörten diese auch auf, blieb sie doch ganz in Gott versenkt
und vom höchsten Staunen erfasst.

Eine Frucht dieser vollkommenen Vereinigung Gemmas mit ihrem Gott war eine gewisse
Unempfindlichkeit inmitten der größten Trübsale des Lebens. Entweder fühlte sie die Stiche und
Schläge nicht oder sie achtete wenigstens nicht darauf. Sogar bei den körperlichen Schmerzen, die
sie doch so heftig quälten, erschien sie heiter. Wie wir gesehen, war die Geistesdürre das große
Martyrium ihres Herzens. Zog sich der Herr von ihr zurück, so erblasste sie und zitterte am ganzen
Leibe aus Furcht, sie habe ihn unwiederbringlich verloren, ihr Herz verzehrte sich vor Leid und
Qual. Seit sie aber zur Würde der Braut erhoben ward, geriet sie deshalb nicht mehr in Unruhe.
„Wer weiß, ob sich Jesus wieder sehen lässt? Wenn mich Jesus auch nicht mehr anblickt, was liegt
mir daran. Ich sehe immer auf ihn, und wenn er mich nicht mehr bei sich will, so verweile ich doch
stets um ihn herum; ich will immer an ihn denken, denn schließlich kehrt er doch wieder. Fliehe
nur, Herr, entziehe dich mir, ich folge dir stets nach; ich bin sicher, dass weder der Himmel noch die
Erde, noch die Hölle mich von dir trennen werden. Wenn es dir gefällt, mich dadurch zu peinigen,
dass du deine liebliche Gegenwart vor mir verbirgst, so ist das mir vollkommen gleichgültig, wenn
ich nur dich zufrieden weiß. Bist du befriedigt, dann ist alles recht. Es lebe der verborgene Jesus!"

Was aber bei diesem glücklichen Zustand unserer Gottesbraut besonderen Eindruck macht und was
ich hier noch eigens hervorheben möchte, ist die Zunahme der Liebe ihres Herzens zum höchsten
Gut. Soviel ich mit Sicherheit weiß, gibt es nur wenige allgemein bekannte Seelen, welche
brennendere Flammen der Liebe zu Gott in ihrem Herzen beherbergten als unsere Gemma. Sie
selbst, die doch seit Jahren an das ungewöhnlich heftige Schlagen ihres Herzens gewohnt war, hörte
man ausrufen: „Was ist doch das, was ich fühle? Mein wahrer Gott, ich kann, ich darf mich dieser
Süßigkeit, diesem Glücke nicht überlassen. Mein Gott, was ist es nur, was ich fühle? Ah, dich fühle
ich so lebendig in meinem Herzen. Welch ein Geheimnis, ich glaube mich im Himmel. Einmal,
Jesus, wirst du meinen Tod herbeiführen, wenn ich dich so in meinem Herzen pochen höre."
Sie sprach die Wahrheit. Sogar das materielle Organ der Liebe, das Herz, legte Zeugnis dafür ab;
denn als Gemma zu diesem höchsten und vollkommensten Grade der Liebe, zur Brautschaft Gottes,
erhoben ward, musste ihr Herz wirklich nicht mehr hinreichend geworden sein für die Feuersglut
des Geistes; es fing daher an, sich in ganz ungewöhnlichen Zuckungen zu bewegen. Jenes Herz, in
Liebe erglühend, schlug so heftig, dass Personen, die mit beiden Händen einen Gegendruck ausüben
wollten, einfach zurückgeschleudert wurden. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Stuhl,
wie das Bett, worauf sie während jener gewaltigen Herzenstätigkeit saß, sich bewegten. Sie selbst
blieb ruhig, und was noch wunderbarer ist, man bemerkte bei ihr nicht im Geringsten etwas von
Überdruss, Betrübnis oder Schauder. Sie redete frei und bewegte sich so ungezwungen, als wäre
nichts vorgefallen, als hätte sie nicht die geringste Beschwerde zu ertragen; nur ihr Herz war in
solcher Aufregung. Ich fragte sie einmal, was denn sie selbst von dieser ungewöhnlichen
Erscheinung halte. Sie erwiderte in ihrer liebenswürdigen Kindeseinfalt: „Merken Sie es denn
nicht? Jesus ist so groß, mein Herz aber so winzig klein. Jesus hat nicht Platz in einem so kleinen
Herzen, da er aber doch sich darin aufhalten will, bringt er es in solche Bewegung. Dem ist nicht
gut abhelfen, wissen Sie, Pater, da muss schon Jesus selbst Abhilfe schaffen. Möge sich dieses Herz
erweitern und Jesus es sich darin bequem machen!"

Es erweiterte sich jenes Herz und hob dabei eines Tages drei Rippen in die Höhe, wie dies beim hl.
Philipp Neri und beim hl. Paul v. Kreuz infolge heftiger Wallung der göttlichen Liebe gleichfalls
vorgekommen ist. Bei Gemma hatte diese geheimnisvolle Erscheinung lange Zeit angedauert, sie
konnte darum beobachtet und studiert werden. Jene drei Rippen waren stark gebogen und bildeten
fast einen rechten Winkel. Nach außen hin war dadurch ein bedeutender Vorsprung entstanden und
hatte innen Raum genug gelassen, so dass das Herz ungehinderter schlagen konnte. Wunderbar ist
Gott in seinen Heiligen!

Marsianer
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Re: Stufen mystischen Erlebens laut Seelenburg der heiligen Teresa von Avila

Beitragvon Marsianer » Sa 4. Jul 2026, 09:52

S. 105-114 hat geschrieben:„Die mystische Vereinigung heißt Ekstase, wenn die göttliche Wirkung eine solche Kraft hat, dass
jede Verbindung der Sinne mit der Außenwelt vollständig oder wenigstens fast vollständig
unterbrochen ist. Man kann sich also nicht mehr frei bewegen noch nach Belieben das Gebet
unterbrechen." Bevor die Beschauung der Dienerin Gottes diesen Grad der Vollkommenheit erlangt
hatte, war sie schon so glücklich, ähnliche Gaben und hervorragende Gnaden zu verkosten, die noch
immer Zunahmen und so häufig wurden, dass sie gleichsam zu ihrer Natur zu gehören schienen.

Wie bei der Behandlung ihres Gebetslebens angedeutet wurde, stellte sich bei Gemma dieser
ekstatische Zug zu jeder Zeit, an jedem Orte ein, sogar auch dann, wann und wo sie es am
wenigsten erwartete: während sie bei Tische saß, in der Küche aushalf, an der Unterhaltung
teilnahm, über die Straße ging usw. Meistens hatte sie ein Vorgefühl, aber bloß wenige Minuten
zuvor. Es war eine plötzliche Sammlung, die sie überraschte. Darauf folgte ein brennendes
Verlangen, immer inniger mit Gott vereinigt zu werden; alsdann fing das Herz in ihr zu hämmern
an. Bei diesen Vorzeichen suchte Gemma sich zu bewegen, zu zerstreuen; gelang ihr dies nicht, so
wollte sie sich wenigstens zurückziehen, damit die anderen nichts davon merken sollten; meistens
erreichte sie dies auch. Wenn aber dieser außerordentliche Verkehr mit Gott unvermittelt seinen
Anfang nahm, so wurde sie dort erfasst, wo sie gerade weilte, dort geriet sie in Ekstase, d. h. sie
ward in Gott versenkt mit dem Geiste, mit dem Herzen, mit allen Kräften der Seele, während die
äußeren Sinne all ihren Gebrauch und jede Übung verloren. Ich sage die Sinne, nicht der Körper,
denn sie behielt auch ferner die Biegsamkeit der Glieder und die Freiheit der Bewegung, sowie
meistens auch die Kraft, sich auf den Füßen oder Knien zu halten. Bei Gemma gewahrte man kein
Erbleichen des Gesichtes, keine aufgeregten Gebärden, keine ungewöhnliche Haltung, kein
Zusammenziehen der Muskeln. Man konnte sie mit der Nadel in die Hände, in den Kopf, in die
Arme stechen, man konnte sie mit der Flamme einer Kerze brennen oder ein betäubendes Geräusch
in ihrer Nähe verursachen: alles blieb erfolglos. Solange Gemma mit ihrem Gott verkehrte, hörte sie
nichts und merkte auch nichts von dem, was um sie herum vorging oder gesprochen wurde. Waren
die Ekstasen schmerzlich – was sehr häufig vorkam –, so wurden ihre Glieder, ohne an ihrer
Gesundheit das geringste einzubüßen, schlaff und matt; sie musste gehalten und gestützt werden,
wollte man sie nicht zu Boden sinken sehen. Im Bette erschien sie alsdann ganz erschöpft und
entkräftet. Bei den anderen Ekstasen hingegen schien ihr Körper an den Freuden teilzunehmen,
welche die Seele genoss, gemäß dem Ausspruch des Psalmisten: „Mein Herz und mein Leib jubeln
dem lebendigen Gott zu." Dies konnte man deutlich erkennen an der Flamme, die aus ihren Augen
leuchtete und ihnen einen wundersamen Glanz verlieh, ferner an der Glut, die ihre Wangen rötete,
an dem ganzen Ausdruck ihres Gesichtes, das dem eines vom Himmel herabgestiegenen Engels
glich. Die Todeskrankheit hatte Gemmas Gesicht aller Schönheit beraubt, die Ekstase gab ihr
dieselbe nicht bloß wieder, sondern vermehrte sie noch und verlieh ihr etwas so Hoheitsvolles, dass
man Achtung und Ehrfurcht davor haben musste.

Bei Gemma können wir drei Formen der Ekstase unterscheiden: die kleinen und weniger
vollkommenen, die großen und die außerordentlichen. Die kleinen Ekstasen, die auch am häufigsten
vorkamen, sogar mehrmals im Tage, waren auch die unmittelbarsten und einfachsten. Sobald ein in
etwa ungewöhnliches Licht in ihren Geist herabgestiegen war oder eine himmlische Erscheinung
sich ihr zeigte, war es auch nur eine ganz gewöhnliche, so verschwand die sichtbare Welt
augenblicklich vor ihr, eine tiefe Sammlung kam über sie. Im Augenblick hatte sie sich
geistigerweise zum Himmel erhoben, ohne dass sich vor oder nach jenem Flug irgendwelcher Stolz
bemerkbar machte. Wollte man sich Gewissheit darüber verschaffen, so musste man auf ihre
strahlenden Augen sehen, die in jenem Augenblicke zum Himmel oder auf die Richtung der
Erscheinung gewendet waren. Wie oft wurde ich bis zu Tränen gerührt, wenn ich ihr zur Seite betete
oder mit ihr, die sich im erwähnten Grade der Ekstase befand, das Brevier rezitierte. Auf der einen
Seite des Tisches saß ich, auf der anderen Gemma mit ihrem Brevier in der Hand. Abwechselnd
beteten wir die Psalmverse, sie las dieselben, wie die einzelnen Lektionen und Responsorien mit
erstaunlicher Genauigkeit und schlug die Blätter im Buche regelmäßig um. Wie konnte sie das nur
machen? Mein Gott, ich gestehe es, das vermochte ich nie zu begreifen. Sie war abgezogen von
ihren Sinnen, tot für jeden Eindruck des Tastsinns, sogar die Augen, die ihr doch zum Lesen
dienten, waren zu keinem andern Gebrauch zu verwenden. Sobald jedoch aus dem einen oder
andern Grunde jene fromme Übung unterbrochen werden musste, kehrte Gemma sofort zum
Gebrauche der Sinne zurück, um ihn gleich wieder zu verlieren, wenn das unterbrochene
Breviergebet wieder aufgenommen wurde. Hatte ich ein Gespräch mit ihr begonnen und fragte ich
sie etwa, ob ihr hl. Schutzengel zur Stelle sei, um sie zu behüten, so wendete Gemma mit
bezaubernder Unbefangenheit den Blick auf jene Seite und war, während sie ihn betrachtete, in
Ekstase und ohne den Gebrauch der äußeren Sinne. Dies gilt von anderen ähnlichen Gelegenheiten,
die ihr der Hl. Geist im Laufe des Tages bot. Diese Ekstasen Gemmas nenne ich die geringeren,
weil sie weniger vollkommen und von kurzer Dauer waren. Überdies waren sie nur wenig tief; denn
abgesehen vom Gefühlsvermögen war der Verlust der übrigen Sinne nicht vollständig. Es kam
daher nicht selten vor, dass sie in diesem Zustande des Vertieftseins fähig war zu lesen, Briefe zu
schreiben, mit ihrem Seelenführer sich zu besprechen. Mein Gott, was waren dies für Briefe und
Gespräche!

Die großen Ekstasen waren weniger häufig, aber tiefer und höher, dabei stets einfach und zwanglos;
sie dauerten eine halbe, eine ganze Stunde und noch länger. Der Verlust der Sinne war dabei
vollständig und andauernd. Um sie aus diesem Zustande zurückzurufen, bedurfte es eines ganz
bestimmt ausgedrückten Befehls, manchmal genügte selbst dieser nicht. Manchmal hingegen sah
man Gemma auf einen nur im Geiste gegebenen Befehl hin aus der erhabensten Ekstase
heraustreten. Das tat sie ohne irgendwelches Zeichen des Bedauerns; erfolgte die Rückkehr zu den
Sinnen von selbst durch Schwinden des göttlichen Einflusses, so war dieses Erwachen Gemmas
ebenso lieblich als anmutig. Da merkte man nicht das geringste von Äußerungen oder Bewegungen,
die an Müdigkeit erinnerten oder an Langweile, an Verwirrung des Geistes oder an Trübung des
Vorstellungsvermögens. Man gewahrte vielmehr ein süßes Lächeln, wie man es bei einem sieht, der
eben ein Gespräch mit einer Person vollendet hat und sich nun an eine andere Person wendet, die
ihn zu sprechen wünscht. Auf solche Weise kehrte Gemma zum Gebrauche ihrer Sinne zurück. Hie
und da bemerkte man, wie sie mit ihren beiden Händen ihr Gesicht bedeckte, als schämte sie sich,
in diesem Zustande erblickt worden zu sein; vielleicht auch weil es ihr schwer fiel, die Erde zu
betrachten, nachdem sie den Himmel geschaut hatte. Die großen Ekstasen erfolgten gewöhnlich am
Morgen beim Empfang der hl. Kommunion, oder wenn sie eine Besuchung des zur feierlichen
Anbetung ausgesetzten Hochwürdigsten Gutes machte sowie bei ähnlichen Anlässen, die den Eifer
ihres Geistes in vermehrtem Maße erglühen ließen.

Die außerordentlichen Ekstasen traten im Laufe des Jahres mehr oder weniger häufig ohne
bestimmte Regel ein. Periodisch kehrten sie zweimal in der Woche wieder, nämlich am
Donnerstagabend gegen 8 Uhr und am Freitagnachmittag gegen 3 Uhr. Um bloß von diesen zu
reden, so kamen sie über Gemma meistens, wenn sie sich mit der Familie unterhielt. Sobald sie
selbst merkte, was ihr bevorstand, und glaubte von niemand beobachtet worden zu sein, erhob sie
sich eiligst, um sich auf ihr Kämmerchen zurückzuziehen. Folgte ihr dann jemand nach etlichen
Minuten, so traf man sie, wie sie vor ihrem Bette kniete, die Hände gefaltet, die Augen zum
Himmel erhoben, in Gott versenkt, ihrer äußeren Sinne vollständig beraubt. Wenn sich dagegen der
Ausbruch der Liebe des göttlichen Geistes heftiger ankündigte, so begab sich Gemma aus Furcht,
sie vermöchte sich vor Schwäche nicht mehr aufrecht zu erhalten und könnte deshalb in eine
Ohnmacht fallen, eiligst zu Bett, dort traf man sie in voller Ekstase, meistens saß sie im Bette in
sehr würdiger Haltung. Diese Ekstasen dauerten etwa eine Stunde.

Wie groß und wahrhaft wunderbar die Wirkungen waren, die im Geiste unserer Ekstatischen
hervorgebracht wurden, wie erhaben und reichlich ferner die göttlichen Mitteilungen waren, können
wir aus dem schließen, was sie selber darüber kundtat in jenen kostbaren Augenblicken, während
der sie auf deutlich wahrnehmbare Weise mit ihrem Gotte verkehrte. Mitglieder der Familie
Giannini waren angewiesen worden, diese Unterredungen der Ekstatischen schriftlich festzuhalten.
Diese Verordnung hatte den Vorteil, dass Gemmas Äußerungen uns möglichst getreu und
vollständig erhalten blieben. Auf diese Weise konnten hundertfünfzig Gespräche genau
aufgeschrieben werden. Das Thema war verschieden, die Gedanken sehr erhaben, die Aussprüche
standen im vollen Einklang mit der Theologie, ihre Form zeigte Hoheit und liebliche himmlische
Salbung, die sich auch dem Leser mitteilt.

[...]

Manchmal ist bei den Ekstatischen die Gewalt, wodurch ihre Seele zu Gott hingezogen wird, so
heftig, dass sogar der Körper daran teilnimmt, indem er sich so frei und leicht bewegt, wie es den
verklärten Leibern eigen ist, er eilt der Seele nach, oder besser gesagt, er lässt sich von ihr
emporziehen und schwebt dann frei in der Luft. Dieser mystische Flug ist der Höhepunkt des
Zustandes, den die Theologen Entzückung heißen, obwohl jemand auch ohne dieses Erheben des
Körpers entzückt werden kann.

Bei den Entzückungen Gemmas, die nicht einmal selten waren, aber ruhig, ungezwungen,
würdevoll blieben, fehlte der eben erwähnte Umstand nicht, obgleich er nur äußerst selten von
Augenzeugen beobachtet wurde. Unter dem Vorwande dieser oder jener häuslichen Beschäftigung
begab sich Gemma oft des Tages ins Esszimmer, an dessen Mauer ein großes Kruzifix angebracht
ist. Zu diesem hegte sie eine ganz besondere Andacht und Verehrung. Befand sie sich allein, so
stand oder kniete sie vor dem Gekreuzigten und heftete ihren Blick auf ihn. Merkte sie, dass infolge
dieses Anblicks ihr Herz höher zu schlagen begann und dass Gedanken voll Tiefe in ihr aufstiegen,
so drückte sie einen innigen Kuss auf den Fuß des Kreuzes und entfernte sich eiligst aus Furcht, sie
könnte sonst in Verzückung geraten. Es kam aber auch vor, dass sie durch die andachtsvolle
Stimmung ihres Herzens festgehalten wurde und sich dann nicht mehr zu entfernen vermochte. Wie
sie selbst im Gehorsam bekennt, wurde sie im September 1901 entrückt, d.h. zum Bilde des
Gekreuzigten emporgehoben, während ihr Leib aufrecht dastand, als ruhte er auf einer Wolke. So
wurde Gemma eine Auszeichnung zuteil, wie sie die Kirche u.a. auch bei den zwei großen Aposteln
des Gekreuzigten Franz v. Asissi und Paul v. Kreuz bewundert.

Die Ekstase, die im Grunde nichts andres ist als ein höchst vollkommener Grad der Beschauung,
schließt ihrer Natur nach auch die Visionen in sich; denn die Seele wird dabei in dem Maße den
Sinnen entrückt, als ein Gegenstand, der sich dem Auge oder dem Gehör darbietet, sie anzieht,
sättigt, beseligt. Was sie bei solchen himmlischen Visionen hörte und schaute, bewahrte sie im
strengsten Stillschweigen. Gemma hätte nicht das Geringste geoffenbart, selbst nicht dem
Beichtvater oder dem Seelenführer, wenn sie nicht das Bedürfnis empfunden hätte, sich von ihnen
leiten zu lassen. Das ist gleichfalls ein sicheres Zeichen dafür, dass Gemmas Visionen und Ekstasen
echt waren.

Dasselbe gilt von den himmlischen Ansprachen; es sind dies gewisse kurze Worte, die Gott in der
Ekstase der Seele mit solcher Lebendigkeit und Klarheit übermittelt, dass sie bis in das Innerste des
Geistes dringen. Der Apostel Paulus nennt sie „geheimnisvolle Worte", indem er schreibt: „Ich
wurde ins Paradies entrückt und hörte geheimnisvolle Worte, die ein Mensch nicht aussprechen
darf." Mit solchen Ansprachen ward Gemma reich beglückt; gab es doch fast keine Ekstase, ohne
dass der Heiland ganz vernehmlich Worte an sie richtete. Ja, bei jenen innerlichen Unterredungen
machten Gemmas Worte den geringeren Teil aus, der Hauptanteil fiel dabei Gott zu. Gelehrig wie
sie der Stimme des göttlichen Bräutigams gegenüber war, machte sie sich, kaum aus der Ekstase
herausgetreten, daran, die ihr gewordene Aufgabe zu erfüllen. Sie wandte sich also an die
bezeichneten Personen, um zu erreichen, dass die ihr anvertrauten Anordnungen Jesu ausgeführt
würden. Da konnte sie Briefe voll Feuer schreiben: „Monsignore, Jesus hat gesagt, es sei sein Wille,
dass Sie sich dieser Sache annehmen, dass Sie jene andere verhindern, dass Sie, wenn Sie Jesus
zufrieden stellen wollen, schnell ans Werk gehen." Gemma hatte also das Glück, wie die Apostel
von der menschgewordenen Weisheit belehrt zu werden. So kann ich mir auch erklären, wie sie in
wenigen Jahren sich zu solch vollendeter Heiligkeit zu erschwingen vermochte.

Marsianer
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Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Sa 4. Jul 2026, 10:56

S. 120-121 hat geschrieben:Einmal schien es ihr, sie dürfe nicht zur hl. Kommunion gehen,
ohne vorher zu beichten, wegen eines „gewaltigen" Fehlers, den sie, wie der Teufel sie glauben
machen wollte, begangen zu haben vermeinte. Nach ihrer Ansicht musste sie sich der hl.
Kommunion enthalten. Sie litt schwer, weinte die ganze Nacht, da sie keine Möglichkeit sah, den
Beichtvater zu bekommen. Des Morgens begab sie sich in die Kirche, kommunizierte aber nicht,
sondern kehrte weinend nach Hause zurück. Dort angekommen, geriet sie gleich in Ekstase und
unter der Gestalt des Heilandes erschien ihr der böse Feind in der schlimmen Absicht, sie in
Verzweiflung zu stürzen. Es folgte ein sehr bewegter Auftritt, der die Umstehenden zu Tränen
rührte. Die Ekstatische hatte den Betrug entdeckt. Mit bekümmerter Miene, aber voll
Entschlossenheit rief sie aus: „Dich will ich nicht! Wo ist nur mein Jesus hingegangen? Jesus, wo
bist du? Es ist wahr, Jesus ist diesen Morgen nicht in mein Herz eingekehrt, aber auch du darfst
nicht eintreten, dich will ich schon gar nicht. Mein Jesus, jage ihn fort von mir!"

Es scheint, der Heiland habe ihr Vorwürfe gemacht, weil sie nicht gehorcht, als er sie am Morgen
eingeladen hatte, ohne Ängstlichkeit zur hl. Kommunion zu gehen. Sie entschuldigt sich in
gewohnter Unbefangenheit. „Ja, ich habe dir widerstanden, Jesus; aber ich litt schwer darunter. Ich
vernahm deine Einladung am Morgen wohl, allein, mein Jesus, was sollte ich tun, um dich zu
empfangen? Siehe, Jesus, wenn der Beichtvater es mir gesagt hätte, ich solle kommunizieren, dann
hätte ich es getan; aber gerade er sagt mir, ich dürfe mich nicht auf mich selber verlassen. So habe
ich dich nicht empfangen, weil ich glaubte, ich hätte gesündigt. Also, mein Jesus, verzeihe mir nun
und komm jetzt in mein Herz! Wohlan Jesus, mein Herz ist dein, dir allein gehört es an. Komme
denn, gib dich mir, du siehst ja, wie ich nach dir mich sehne." Dieses Ringen, dieses Gespräch, das
ich gekürzt wiedergebe, dauerte etwa eine Stunde und endete mit dem Siege, den Gemma über das
zärtliche Herz ihres Heilandes davontrug.

Marsianer hat geschrieben:
S. 105-114 hat geschrieben:Was sie bei solchen himmlischen Visionen hörte und schaute, bewahrte sie im
strengsten Stillschweigen. Gemma hätte nicht das Geringste geoffenbart, selbst nicht dem
Beichtvater oder dem Seelenführer, wenn sie nicht das Bedürfnis empfunden hätte, sich von ihnen
leiten zu lassen.

S. 119 hat geschrieben:Eine Augenzeugin berichtet darüber: „Am Morgen des Freitags, an dem Gemma erstmals dem
Martyrium der Geißelung unterworfen ward, wollte ich nicht zulassen, dass sie aufstehe, ihr ganzer
Leib bot ja einen schauderhaften Anblick dar. Die Dulderin gehorchte, sammelte sich und machte
sich an die Vorbereitung auf die geistige Kommunion; diese pflegte sie gerade so zu machen, als
wenn sie in der Kirche wäre und das hl. Sakrament wirklich empfinge. Sie geriet in Verzückung; auf
einmal sehe ich sie die Hände falten, die Besinnung kehrt zurück, die Augen erstrahlen im Glanze,
ihr Gesicht erglüht plötzlich, wie es immer zu geschehen pflegte, wenn ihr irgend eine
außerordentliche Vision zuteil wurde. Im selben Augenblicke legte sie die Zunge auf die Lippe, zog
sie bald darauf zurück, verfiel wieder in Ekstase und machte nun die gewohnte Danksagung.
Derselbe Vorgang spielte sich am Freitag darauf, und wie man annehmen darf, wohl auch andere
Male ab; ich war aber die anderen Male nicht Zeuge davon. Dass es wirklich Jesus und nicht ein
Engel war, der ihr die hl. Kommunion brachte, wusste ich von Gemma selber, sie hat es mir
unbefangen anvertraut."

Marsianer
Beiträge: 4768
Registriert: Sa 3. Okt 2015, 11:42

Re: Ekstase

Beitragvon Marsianer » Sa 4. Jul 2026, 14:41

Auf mich macht es den Eindruck, als würde P. Germano hier, dann wohl im Einklang der von ihm herangezogenen Lehren mystischer Theologie, schon meinen, Ekstase sei eine besonders hohe Form mystischen Erfahrens, so als wäre dann zwangsläufig bei solcher hohen Erfahrung die körperlichen Sinne zu verlieren?


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