Visio Beatifica

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Marsianer
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Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mo 22. Dez 2025, 00:18

Was hat es eigentlich mit diesen Darstellungen einer ewigen Gottesschau "der triumphierenden Kirche" auf sich?

Soetwas?
3. Kontemplation als Zustand der Einheit – unio mystica

Der im engeren Sinne mystische Zustand widerfährt dem Menschen, bleibt unverfügbar, Geschenk, Gnade. Er kann also nicht willentlich herbeigeführt, sondern nur in der treuen Übung vorbereitet werden. Gegenüber dem Gebet der Ruhe führt der Weg weiter, in dem der Schauende (der sich in der Gegenwart Gottes Erlebende) und das Geschaute (die Gegenwart Gottes) eins wird. Der Schauende und das Geschaute werden eins. An dieser Stelle gilt es, auch die Wahrnehmung des eigenen Seins noch zu lassen. Der Autor der Briefe persönlicher Führung schreibt: „ Nachdem es dir schließlich gelungen ist, alle Geschöpfe und was sie betrifft zu vergessen, wird noch immer deutlich und unverhüllt, die Erfahrung und Wahrnehmung deines eigenen Seins zwischen dir und Gott stehen.“ (Willi Massa (Hg.), Wolke des Nichtwissens und Briefe persönlicher Führung, Freiburg 1999, S.101). „Falls du beim Üben merkst, dass du noch nicht Gott, sondern erst dein eigenes Sein wahrnimmst und erfährst, verlange mit der ganzen Kraft deines Herzens danach, einzig in Gottes Sein zu versinken und dass dir nichts übrig bleibt als der tiefe Wunsch, die kärgliche Erkenntnis und die den Grund verstellende Wahrnehmung deines eigenen dunklen Seins zu vergessen“ (S.79). An dieser Stelle wird das Paradox besonders deutlich: absichtslos etwas lassen, noch das Letzte, die Wahrnehmung des eigenen Seins lassen, ohne Erwartung und Absicht. Oft vollzieht sich das Öffnen dieses letzten Tores dann gar nicht in der Übung, sondern im Alltäglichen: Die Erfahrung der Einheit von Zeit und Ewigkeit, Ich und Du, dem Umgebenden und mir. Alles Bilder, die zur nachträglichen Beschreibung verwandt werden und doch völlig ungenügend sind.

4. Kontemplation als Personalisierung der Erfahrung in alltägliche Haltung

Aber auch damit ist der Weg nicht zu Ende: Er führt weiter in den Alltag, sonst handelt es sich um einen Irrweg. Ein ebensolcher Irrglaube stellt die Ansicht dar, mit dieser Einheitserfahrung sei der Weg persönlicher Transformation, womöglich gar im Sinne der „Heiligung“ abgeschlossen. Persönliche Disposition, lebensgeschichtlich erworbene Verletzungen und alte unangemessene Reaktionen stellen sich auf der personalen Ebene auch nach einer solchen Erfahrung, die unterschiedliche Tiefung erreichen kann, wieder ein. Jedoch besteht die Chance der Wandlung, Reinigung und Heilung, da die Gewichtung deutlich verschoben ist. Aus der Erfahrung der Einheit wird Verbundenheit auch im personalen Erleben spürbarer und wird zur Aufgabe, die in alltäglicher Lebenswirklichkeit eingelöst werden will. In diesem Sinn besteht die Treue nicht nur im Blick auf die Übung, sondern ebenso im Blick auf die gesamte Lebensgestaltung.

https://www.kontemplationundmystik.de/texte-audios-videos/monatsbrief-einzelansicht/?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=150

Auf mich wirkt das eher wieder fremd. Hier würde also eine "nonduale Erfahrung" Irrweg sein, würde sie nicht zu "persönlicher Transformation" im Alltag führen? Die ließe sich doch sinngemäß vermutlich viel leichter durch "anderen Geist ergreifen" erfahren.

Marsianer
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mo 22. Dez 2025, 01:36

Hm.
Seliger Heinrich Seuse, Büchlein der Wahrheit, Kapitel IV hat geschrieben:335,10 Der aber dis sich ordenlich woͤ lti lazen, der soͤ lti drie inblike
335,11 tuͦ n: den ersten also, daz er mit eime entsinkenden inblike kerti
335,12 auf die nihtekeit sins eigenen siches, schoͮ wende, daz daz sich und
335,13 und aller dingen sich ein niht ist, us gelazsen und us geschlozsen
335,14 von dem ichte, daz dú einig wúrkende kraft ist. Der ander in-
335,15 blik ist, daz da nit úbersehen werde, daz in dem selben nehsten
335,16 gelezse iedoch sin selbs sich alwegent blibet uf siner eigen gezoͤ w-
335,17 licher istikeit nach dem usschlage, und da nút ze male vernihtet
335,18 wirt. Der dritte inblik geschiht mit einem entwerdenne und friem
335,19 ufgebenne sin selbs in allem dem, da er sich ie gefuͦ rte in eigener
335,20 angesehner kreatúrlichkeit, in unlediger manigvaltikeit wider die
335,21 goͤ tlichen warheit, in liebe ald in leide, in tuͤ nne oder in lazenne,
335,22 also daz er mit richem vermúgenne sich wiseloseklich vergange, und
335,23 im selb unwidernemklich entwerde und mit Cristo in einikeit eins
335,24 werde, daz er us disem nach einem injehenne allú zit wúrke, ellú
335,25 ding enphahe, und in diser einvaltikeit ellú ding an sehe. Und dis
335,26 gelassen sich wirt ein kristfoͤ rmig ich, von dem dú schrift seit von
335,27 Paulo, der da sprichet: “ich leb, nit me ich, Cristus lebt in mir.”
335,28 Und daz heiss ich ein wolgewegen sich.

336,1 Nu nemen wir daz ander wort her fúr, daz er spricht: lazsen.
336,2 Daz meinde er ufgeben oder verahten, nút also, daz man es múg
336,3 gelazsen, daz es zemal ze nihti werde, denn allein in der verahtunge,
336,4 und denn ist im gar reht.
336,5 Der junger: Gelobet si dú warheit! Lieber herr, sag mir,
336,6 blibet eime seligen gelazenen menschen útzet?
336,7 Dú warheit: Es geschihet ane zwifel, wenne der guͦ t und
336,8 und getrúw kneht wirt in gefuͤ ret in die oͤ de sins herren, so wirt
336,9 er trunken von dem unmessigen úberflusse des goͤ tlichen huses; wan
336,10 ime [140r] geschihet in unsprechelicher wise als einem trunken
336,11 menschen, der sin selb vergisset, daz er sin selbes nit ist, daz er
im selb zemal entworden ist und sich zemal in got vergangen hat
und ein geist mit im worden ist in aller wise, als ein kleines wassers
troͤ phlin in vil wines gegozsen.
Wan als daz im selber entwirdet,
so es den smak und die varwe an sich und in sich zúhet, also ge-
schiht dien, die in voller besitzunge sint der selikeit, daz dien in
unsprechelicher wise ellú menschlichú begirde entwichet, und in
selber entsinkent und ze male in dem goͤ tlichen willen versinkent.
Anders moͤ hti dú schri nút war sin, dú da sprichet, daz got sol
werden ellú ding in allen dingen, were daz des menschen in dem
menschen út blibi, daz nit zemal uz im gegozsen wurdi. Da blibet
wol sin wesen, aber in einer anderú forme, in einer anderú glorie
und in eime andern vermugenne. Und daz kumet alles von ir selbs
grundlosen gelazsenheit.

Und sprichet denne uf den vordern sin also: ob aber kein
mensche in disem lebenne als gelazsen si, daz er daz volkomenlich

(Die Randnummern sind bezogen auf die Seitenzahl der Gesamtausgabe Heinrich Seuse, "Deutsche Schriften" Im Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte hrsg.von Karl BIHLMEYER, Stuttgart 1907)

(So wird er betrunken von dem unermesslichen Überfluß des göttlichen Hauses; ihm geschieht’s in unbeschreibbarer Weise wie einem trunkenen Menschen der sich selbst vergißt, daß er seiner selbst nicht ist, da er sich selbst einmal entworden ist und einmal in Gott vergangen ist und ein Geist mit ihm geworden ist in aller Weise, wie wenn ein kleines Tropflein Wasser in viel Wein gegossen wird.)

Marsianer
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Di 23. Dez 2025, 22:26

Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ansonsten würde ein Erleben wie "ein Tropfen Wasser fällt in ein Meer aus Wein" aus meiner Sicht am ehesten erstmal wieder auf Anstrahlungswirkung hindeuten, nicht auf eigene seelische "Heiligung".

Goldmädchen
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Goldmädchen » Mo 29. Dez 2025, 16:13

Das in altdeutsch oben habe ich nicht gelesen, nur den Eingangstext ein bisschen. Diese Erfahrung kenne ich. Daher wollte ich meine Ansicht zu deinen Fragen dazu mitteilen- sie besser gesagt beantworten auf Grundlage meiner Erfahrung.

Marsianer hat geschrieben:Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ego und finstere Neigungen hängen für mich zusammen, Dualitätssicht ist für mich Ego. Eine Ansicht von Subjekt und Objekt, denn das führt fast immer auch zu den finsteren Neigungen im Herzen. Zu falschen Ansichten bzw ist diese Dualitätssicht die falsche Ansicht. Das Herz ist dann noch nicht befreit. Ein nicht befreites Herz ist für mich dasselbe wie das Ego.


Ansonsten würde ein Erleben wie "ein Tropfen Wasser fällt in ein Meer aus Wein" aus meiner Sicht am ehesten erstmal wieder auf Anstrahlungswirkung hindeuten, nicht auf eigene seelische "Heiligung".


Ja ( ich weiß zwar immer noch nicht genau was das mit dem Anstrahlen bei dir genau meint, aber ich kann es mir ein bisschen denken ) .
Als ich diesen Segen erfahren durfte, kam es mir Jahre später auch so vor als wurde ich eher überstrahlt oder angestrahlt von dem Göttlichen.
Ich würde aber dennoch sagen, dass man selbst auch etwas dazu getan haben muss, etwas herausragendes oder mutiges. Daher wird einem diese Gnade gegeben. Na gut bei dem Autor heißt es, das Beten auch zu dieser Erfahrung führen kann und ein sich selbst loslassen wollen. Das ist ja sehr ähnlich oder daselbe wie beim Meditieren, wo man auch von sich loslassen übt, sich dem Höheren Geist hingeben will.


Zitat : " (..) in dem der Schauende (der sich in der Gegenwart Gottes Erlebende) und das Geschaute (die Gegenwart Gottes) eins wird. Der Schauende und das Geschaute werden eins. An dieser Stelle gilt es, auch die Wahrnehmung des eigenen Seins noch zu lassen. Der Autor der Briefe persönlicher Führung schreibt: „ Nachdem es dir schließlich gelungen ist, alle Geschöpfe und was sie betrifft zu vergessen, wird noch immer deutlich und unverhüllt, die Erfahrung und Wahrnehmung deines eigenen Seins zwischen dir und Gott stehen.“
Es ist wahr, das Gesehene und der Sehende wurden eins, aber dennoch war da noch ein wenig ein eigenes Selbst, das Ego der Kommentator ( zwar sehr im Hintergrund und war sehr beobachtbar für das Göttliche, nur eben noch nicht aufgelöst oder ganz still ).
Darum gebe ich dir recht, dass das noch keine eigene seelische Heiligung war. Ich würde aber gerne wissen wie man diese Erfahrung im Yoga oder im Buddhsimus nennen würde. Ich schätze das war ein bestimmtes Samadhi. Bei beiden w+rde es so betitelt werden, wenn auch wahrscheinlich mit verschiedenen Namen dran. : )

Zitat : " Die Erfahrung der Einheit von Zeit und Ewigkeit, Ich und Du, dem Umgebenden und mir. Alles Bilder, die zur nachträglichen Beschreibung verwandt werden und doch völlig ungenügend sind."
Das stimmt auch.

Marsianer
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Re: Visio Beatifica

Beitragvon Marsianer » Mi 31. Dez 2025, 04:59

Goldmädchen hat geschrieben:
Marsianer hat geschrieben:Was geschieht in einem Betrunkenen? Viele sagen, es fallen manche Hemmungen und in gewisser Weise kommen etliche Betrunkene ihrem Herzen näher? Würde das die Deutung eröffnen, daß ein Betrunkener seinem "Ego" oder seinem "kleinen Ich" ferner wäre, wenn auch nicht finsteren Neigungen seines Herzens?

Ego und finstere Neigungen hängen für mich zusammen, Dualitätssicht ist für mich Ego. Eine Ansicht von Subjekt und Objekt, denn das führt fast immer auch zu den finsteren Neigungen im Herzen. Zu falschen Ansichten bzw ist diese Dualitätssicht die falsche Ansicht. Das Herz ist dann noch nicht befreit. Ein nicht befreites Herz ist für mich dasselbe wie das Ego.

Du nahmst auf Betrunkene gar keinen Bezug?

"Dualität" war in der Vergangenheit oft auch ein Wort, bei dem nicht so klar war, was jemand damit meint, der es verwendet?
Als ich diesen Segen erfahren durfte, kam es mir Jahre später auch so vor als wurde ich eher überstrahlt oder angestrahlt von dem Göttlichen.

Aha, es wäre ein "äußerer Einfluß" unter dem sich dein Inneres anders darstellen würde?
Ich würde aber dennoch sagen, dass man selbst auch etwas dazu getan haben muss, etwas herausragendes oder mutiges.

Es ist wahr, das Gesehene und der Sehende wurden eins, aber dennoch war da noch ein wenig ein eigenes Selbst, das Ego der Kommentator ( zwar sehr im Hintergrund und war sehr beobachtbar für das Göttliche, nur eben noch nicht aufgelöst oder ganz still ).

Aha.


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